Hörspiel des Monats/Jahres 2016

Hörspiel des Jahres 2016

© HR/Ben Knabe

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Hörspiel des Monats Oktober zum Hörspiel des Jahres 2016 gewählt.

EVANGELIUM PASOLINI
von Arnold Stadler und Oliver Sturm
Regie/Realisation: Oliver Sturm
Dramaturgie/Redaktion: Ursula Ruppel
Produktion: hr/DLF
Länge: 65‘34“
Erstsendung: 2. Oktober 2016

Die Preisverleihung zum Hörspiel des Jahres 2016 findet am 25. Februar 2016 um 19.30 im Frankfurter Literaturhaus statt. Dort wird das Hörspiel noch einmal in voller Länge präsentiert. Darüber hinaus berichtet die Jury über ihre Arbeit und begründet ihre Wahl. Im Anschluss findet ein Gespräch mit den Hörspielmachern und dem Publikum statt.

Moderation: Christoph Buggert.

Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich

 

Die Begründung der Jury

s. Hörspiel des Monats Oktober

eine gesonderete Begründung folgt in Kürze

 

Dezember

© Bettina Fürst-Fastre/Deutschlandradio
IN DARKNESS LET ME DWELL – LIEDER AUS DER FINSTERNIS
Von Merzouga
Komposition & Regie: Merzouga
Redaktion: Sabine Küchler
Produktion: DLF/HR 2016
Länge: 60‘46
Erstsendung: 17. Dezember

 

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http://www.deutschlandfunk.de/ursendung-in-darkness-let-me-dwell.688.de.html?dram:article_id=370687

Die Begründung der Jury

Das Hörspiel des Duos Merzouga (Janko Hanushevsky & Eva Pöpplein) beruht auf Ernest Shackletons gescheiterter Trans-Antarktis Expedition vor hundert Jahren. Sein Forschungsschiff Endurance wurde vom Packeis eingeschlossen und zerquetscht. Die Männer konnten sich auf ein Floß retten. Die Geschichte eines dramatischen Überlebens im Eis wird überlagert von einer fiktiven Antarktis-Expedition im Winter 2016, die als Folge von Tagebuchnotizen in das Hörstück hineinmontiert ist.   

Dem Duo Merzouga gelingt es, den zeitlichen Abstand eines Jahrhunderts klanglich verschwinden zu lassen. Mit der collagierten Komposition schaffen Merzouga einen atmosphärischen Raum aus experimentellen Instrumentalklängen und den mit Unterwassermikrofonen eingefangenen Lebenszeichen der antarktischen Fauna. In den akustisch überwältigenden Klangraum der Eiswüste fügen sich äußerst sparsam Erzählfragmente ein. Sie stehen für das verzweifelte Standhaltenwollen in der Finsternis. In dieser eng verzahnten Wort Klangkombination verwandelt sich das Hörstück zum entrückten Lautspiel.

 

November

© HR/Jörg Pohl
MANIFEST 50 / du darfst mich töten, wenn du mich liebst 
von FALKNER
Regie: FALKNER
Dramaturgie/Redaktion: Peter Liermann
Produktion: hr
Länge: 42‘14“
Erstsendung: 16. November

 

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https://www.youtube.com/watch?v=cnMpUo-2QV0

Die Begründung der Jury

Der Jury fiel die Entscheidung zwischen Virginia Woolf’s dreiteiliger Hörspieladaption „Der Leuchtturm“ und „Manifest 50“ äußerst schwer. Erst nach längerer Diskussion konnte die Neuartigkeit des Textes in Manifest 50 sich gegenüber Woolf’s brillanter und der ebenso faszinierender Umsetzung des Bayerischen Rundfunks überzeugen. Das Hörspiel „Manifest 50. Du darfst mich töten, wenn du mich liebst“ von Falkner zeigt eine Liebesgeschichte der dystopischen Art - eine Liebe mit einem Menschen, der nicht lachen kann, also kein Mensch ist. Im Verlauf wird das vermeintliche Opfer mehr und mehr zum Täter.

Beschrieben werden Situationen zwischen Einsamkeit, Depression, Sexualität und einvernehmlicher Gewalt, Mord und Nekrophilie, die Bilder der Unmöglichkeiten entwerfen und damit doch auf Sehnsüchte, Ängste und tief verdrängte Seelenbilder im Unbewussten der Hörer stößt. Ein zeitgemäßer Surrealismus der anlässlich der kriegerischen aber auch kriminellen Realität unserer Welt realistischer ist, als es anfangs den Anschein hat. Auch die eingesetzten musikalischen Mittel verstärken die Wirkung der intensiven Bilder und Handlungen. Eine eindrückliche, wenn auch einfach gestaltete Klang- und Geräuschebene kleidet die Bedeutung der Worte fein und zugleich lustvoll aus. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein ungewöhnlich anziehender Song, fast eine Wehklage, in der der Protagonist mal allein, mal zusammen mit dem nach langer Suche gefundenen Mitmenschen, dann wieder allein, fast naiv eine Sehnsucht nach Glück und Menschlichkeit artikuliert. Obwohl Geschlechtlichkeit eine Rolle spielt, wirken die männlichen Stimmen der Schauspieler bis auf wenige Passagen neutral. Schließlich entzieht sich auch der/die AutorIn FALKNER durch den vorenthaltenen Vornamen der geschlechtlichen Zuordnung, bezeichnet ihre/seine Werke sämtlich als Manifest.

 

Oktober

© HR/Ben Knabe
EVANGELIUM PASOLINI 
von Arnold Stadler und Oliver Sturm
Regie/Realisation: Oliver Sturm
Dramaturgie/Redaktion: Ursula Ruppel
Produktion: hr/DLF
Länge: 65‘34“
Erstsendung: 2. Oktober 2016, 14:05 Uhr, hr2-kultur

 

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Lobend erwähnen möchte die Jury die vom MDR verantwortete Produktion „Audiobiografie“ von Alfred Behrens. Es fiel ihr schwer, zwischen zwei ästhetisch gleichwertigen (und mit ähnlichen Mitteln realisierten) Hörspielen zu entscheiden. Die Vergegenwärtigung einer 1968er-Erfahrung anhand von ikonografischen Songs überzeugt als akustisches Porträt einer Generation.

Die Begründung der Jury

Die Evangelien gehören zu den Grundtexten der Menschheit. Der Schriftsteller Arnold Stadler hat in seinem Roman „Salvatore“ einen neuen Zugang zur Heiligen Schrift des Christentums gefunden. Er legt seine Erfahrung mit Pasolinis berühmtem Film „Das 1. Evangelium nach Matthäus“ über seine Deutung. Der Hörspielregisseur Oliver Sturm denkt in seiner Adaption von Stadlers Text diese Verbindung zu Ende, indem er die Leidensgeschichte Christi mit der Ermordung des radikalen italienischen Schriftstellers kurzschließt. In seinem Hörspiel entsteht eine faszinierende Schichtung verschiedener Erzählebenen. Arnold Stadler kommt dabei sowohl als Erzählerfigur wie im Originalton zum Zuge. Oliver Sturms Zugriff auf das Neue Testament in der Bibel-Reihe des Hessischen Rundfunks gelingt eine politische Aktualisierung, die unter die Haut geht.

September

©René Fietzek
KRIEGER IM GELEE
von Claudius Lünstedt
Regie: Cordula Dickmeiß
Komposition: Andreas Bick
Redaktion: Stefanie Hoster
Produktion: Deutschlandradio Kultur
Länge: 59'30
Ursendung: 07.09.

 

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Die Begründung der Jury

Man muss Lautréamonts „Chants de Maldoror“ nicht kennen, um dieses  Hörspiel zu verstehen. Aber wenn man weiß, dass der sechste Gesang aus einem der schwärzesten Texte des Weltliteratur hier Pate gestanden hat, kann man die Raffinesse, mit der Claudius Lünstedt den Stoff in die Gegenwart überführt, nur bewundern. Entscheidend ist aber die Erzählweise dieses spannenden Kammerspiels: In drei voneinander vollkommen unabhängigen Monologen wird dasselbe unerhörte Ereignis auf einer Brücke beleuchtet. In literarisch vollendeter Rollenprosa schildern das vierzehnjährige Opfer, der Täter und eine unbeteiligte Beobachterin, was sich an einem Morgen und in den Stunden danach an Dramatischem ereignet hat. Dass dabei ein unklärbarer Rest bleibt, ist konstitutiv für „Krieger im Gelee“. Zwar wurde der Text  auch schon auf der Bühne aufgeführt. Doch die Strenge seiner Form, die sich ganz auf die drei Stimmen verlässt, kommt in keinem Medium so zu Geltung wie im audiophonen. Die sparsame, präzise, sich dem Text geradezu anschmiegende Komposition von Andreas Bick, die jedem Monolog ein Instrument zuspielt, trägt dazu nicht unwesentlich bei.

August

©Deutschlandradio Kultur
LILA UND FRED
frei nach Friedrich Schillers “Kabale und Liebe“
Von Cristin König
Regie: Cristin König
Komposition: Friederike Bernhardt
Produktion: Deutschlandradio Kultur
Länge: 61'26
Ursendung: 14.08

 

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Die Begründung der Jury
Erstaunlich, wie gut dieses Experiment funktioniert: Cristin König hat Friedrich Schillers Jugenddrama  „Kabale und Liebe“ auf den Prüfstand des 21. Jahrhunderts gestellt – und siehe da, der Klassiker hält phantastisch stand. Wie leicht doch 230 Jahre zu überbrücken sind: Aus dem adeligen Präsidenten von Walter ist ein Großindustrieller geworden, der vor der Pleite steht, aus Lady Milford die 40jährige Milla, die ihr beträchtliches Vermögen in eine Stiftung überführen will, aus dem Intriganten Wurm der nicht minder einfallsreiche Kranz – und das jugendliche Liebespaar Ferdinand und Luise heißt jetzt Lila und Fred. Schillers Rhetorik hat die Autorin in ein eigenwillig atemloses Stammeln übersetzt. Diese Kunstsprache entspricht exakt den Zumutungen eines moralisch korrupten Geldadels, die einem die natürliche Sprache verschlagen können. Mit der Zuspitzung der Ereignisse wandelt sie sich zum puren Angstdiskurs: Ihr steht akustisch sozusagen der Schweiß auf der Stirn. Mit sparsamen, aber extrem wirkungsvollen klanglichen Mitteln wird die Dramatik der Handlung geschärft. Kurze Phrasen, manchmal beiläufig gespielt im Hintergrund, manchmal als Interpunktion explodierend eingesetzt. Eine großartige Leistung von Friederike Bernhardt und der Regie.

Juli

©Akademie der Künste Berlin
NORMALVERDIENER
Von Kathrin Röggla
Regie: Leopold von Verschuer
Komposition: Bo Wiget
Redaktion: Katarina Agathos
Produktion: BR
Länge: 54'
Ursendung: 03.07.

 

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Die Begründung der Jury
Sie hätten etwas sagen, sie hätten etwas tun sollen: Aber sie haben nichts gesagt, und sie haben nichts getan: diese Gruppe von „Normalverdienern“, Ärzten, Architekten, Juristen, Agenturbesitzern, Existenzgründern, die auf Einladung ihres ehemaligen Schulkameraden in dessen Luxusresort auf einer thailändischen Insel ein paar Tage Urlaub machen und in der Faszination für IHN, der es mit Geldgeschäften zu sagenhaftem Reichtum gebracht hat, komplett aufgehen.  Dass ER nicht auftritt und nur ein-, zweimal im Hintergrund am Telefon zu hören ist, ist in Kathrin Rögglas Hörspiel „Normalverdiener“ folgerichtig: Der Finanzmogul erscheint als der Gott unserer Zeit, auf den die Vertreter der Mittelschicht mit Angstlust starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Er gibt den Ton an, er beherrscht die Diskussionen, er entscheidet, was knallharte Realität ist und was naives Gutmenschentum - obwohl oder gerade weil er akustisch abwesend ist: Und so fällt alles zurück auf den mehrstimmigen Chor der Feiglinge und Mitläufer, die noch nicht einmal reagieren, als die Leichen von Bootsflüchtlingen vor der Küste angeschwemmt werden, und sich statt dessen mit den fadenscheinigsten Rechtfertigungen vor der Verantwortung drücken. Kathrin Rögglas Verfahren, das Personal ihres Hörspiels fast durchgehend im Konjunktiv sprechen zu lassen, ist entlarvender als jeder kritische Diskurs und jede Psychologisierung. Ihr Zugriff auf Sprechweisen, die ungefiltert ins Ohr dringen, macht sich die Möglichkeiten des akustischen Mediums in besonderer Weise zunutze.  Mit dieser subjektlosen ästhetischen Methode zielt „Normalverdiener“ ins Herz der globalen Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse.

 

Juni

© Frank WItzel

DIE ERFINDUNG DER ROTEN ARMEE  FRAKTION DURCH EINEN MANISCH-DEPRESSIVEN TEENAGER IM SOMMER 1969
Von Frank Witzel
Musik: Frank Witzel
Bearbeitung: Leonhard Koppelmann/Frank Witzel
Realisation: Leonhard Koppelmann
Dramaturgie: Katarina Agathos
Produktion: BR
Länge: 01'39'25
Ursendung: 25.06.

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Die Begründung der Jury

Es ist eine Kunst, den mehr als 800 Seiten umfassenden Roman von Frank Witzel, der im vergangenen Jahr überraschend mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden ist, in ein  nicht mehr als  eine Stunde und 40 Minuten dauerndes Hörspiel zu verwandeln, ohne die Substanz dieses ausschweifenden „hybriden Konstrukts aus Pop, Politik und Paranoia“ (Jurybegründung), einer Collage aus unterschiedlichen literarischen Verfahren, anzutasten. Dieses kleine Wunder ist der Tatsache geschuldet, dass der Autor gemeinsam mit dem versierten Hörspielregisseur Leonhard Koppelmann an der akustischen Umsetzung des Textes gearbeitet hat und außerdem für die Komposition des Soundtracks verantwortlich zeichnet. Entstanden ist ein unglaublich frisches, lebendiges, den Hörer geradezu anspringendes Hörspiel. Weit davon entfernt, eine „akustische Fassung“ zu liefern, gelingt es diesem Hörspiel, den Roman über einen 13-jährigen Schulversager in Wiesbaden-Biebrich, der sich mit Freunden im Sommer 1969 - vor dem Hintergrund der Kaufhausbrandstiftung der späteren RAF - eine paranoide Welt zusammenzimmert, auf ganz eigenständige Weise neu zu erschließen. Wesentlichen Anteil daran hat die durchgehend mitlaufende zweite Tonspur: eine spannende Mixtur aus Tönen, Geräuschen, Musikfetzen und von Witzel komponierten (und gesungenen) Songs, die einen zusätzlichen atmosphärischen Hörraum für „Die Erfindung der RAF“ schafft.

 

Mai

© University of Virginia
MANHATTEN TRANSFER
Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman von John Dos Passos
neu aus dem Englischen übertragen von Dirk van Gunsteren
Regie: Leonhard Koppelmann
Komposition: Hermann Kretzschmar
Dramaturgie: Manfred Hess
Produktion: SWR und Deutschlandfunk
Länge: Teil 1 1896 - 1905: 98‘28‘‘; Teil 2 1913 - 1916: 97‘51‘‘; Teil 3 1918 - 1924: 98‘53‘‘
Ursendung: 22., 26 und 29.5


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Die Begründung der Jury

John Dos Passos’ für die amerikanische literarische Moderne wegweisender Roman „Manhattan Transfer“ ist in diesem dreiteiligen Hörspiel (das zeitgleich als Hörbuch veröffentlicht worden ist) in Deutschland wieder auferstanden. Denn mit der Produktion verbunden war eine neue Übersetzung, die - da die erste aus dem Jahr 1927 stammt - mehr als überfällig war. Sie bildet die Grundlage für dieses vielstimmige Hörstück, das die Wandlung New Yorks von der Einwanderstadt zur Weltmetropole in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts thematisiert. Der Regisseur Leonhard Koppelmann hat sich entschieden, die radikale Multiperspektivität des Romans zugunsten einer stärkeren Fokussierung auf Dos’ Passos Hauptfiguren gelinde zurückzunehmen - ein, wie es scheint, für den akustischen Nachvollzug des Geschehens notwendiger Eingriff. Trotzdem bleibt diese Umsetzung des Romans in das Medium Hörspiel lebendig und unmittelbar genug, um die Vielstimmigkeit der Vorlage zu bewahren. Ein großartiges Ensemble von Sprechern - die Creme de la Creme deutscher Schauspieler(innen)  - macht „Manhattan Transfer“  zum Ereignis. Auch bei der musikalischen Gestaltung wurde nicht gespart. Hermann Kretzschmars atmosphärisch dichte Komposition wirft den vom Jazz geprägten Sound der Neuen Welt in der Interpretation des Ensemble Modern und der HR-Bigband mit 100 kurzen Stücken als starke weitere Stimme hinein in diesen vibrierenden, zum Ende hin immer stärker von Desillusionen durchzogenen Melting Pot New York. Als syntaktisch-rhythmische Interpunktion webt sich die Musik wie ein Teil des Textes in das verbale Geschehen hinein und fügt ihm vor allem durch kleine Varianten einen spielerischen Fluss hinzu.

 

April

Foto Ursula Ruppel
TOWER OF BABEL
von Robert Wilson
Regie: Robert Wilson
Musik: Dom Bouffard & Hal Willner
Dramaturgie: Ursula Ruppel
Produktion: hr/BBC/NDR/rbb/SWR 2016
Erstsendung: 3.4. 2016
Länge: 71‘04“


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Die Begründung der Jury

Im Rahmen seines groß angelegten fabelhaften Bibelprojekts hat der Hessische Rundfunk auch den Theatermacher Robert Wilson dazu gewinnen können, sich mit einem Psalm aus dem Alten Testament auseinanderzusetzen. „The Tower of Babel“ bezieht sich auf nicht mehr als zehn Verszeilen, die die Bestrafung der Menschen ihrer Hybris wegen zum Inhalt haben.

Robert Wilsons zweites Hörspiel kündet indes weniger vom göttlichen Strafgericht als von der Lust an babylonischer Sprachverwirrung: Es collagiert vielsprachiges Material aus unterschiedlichen Epochen der Kultur- und Theatergeschichte dergestalt, dass weite Assoziationsräume geöffnet werden, die nicht auf der hermeneutischen, sondern allein auf der klanglichen Ebene funktionieren. In den  von großartigen Schauspielern wie Edith Clever, Stefan Kurt, Cécile Brune und Fiona Shaw in des Wortes eigentlicher Bedeutung artikulierten Texte kostet der Regisseur die musikalische Sinnlichkeit der jeweiligen (Literatur-)Sprache von Aischylos über Shakespeare bis zu Heiner Müller aus und reflektiert dabei auch über sein seit vier Jahrzehnten auf internationalen Bühnen inszeniertes eigenes Werk. Paradox genug: Während Wilson in seinen theatralen Arbeiten auf Sprache weitgehend verzichtet, verlässt sich der ehemalige Architekt hier allein auf akustisch erzeugte imaginäre Räume. Als Hörspielmacher agiert er dabei so suggestiv wie als Theatermacher. Dazu trägt auch sein Konzept bei, die durch den Text evozierten Bedeutungsräume mit einer spezifischen Musik zu konnotieren. Dieses Verfahren ermöglicht es ihm, in hoher Geschwindigkeit zwischen verschiedenen Ebenen zu wechseln, ohne die Orientierung zu verlieren. Durch die Symbiose von Musik- und Stimmenklang erreicht „Tower of Babel“ eine geradezu magische Wirkung.

 

März

Foto Deutschlandradio
EUGÉNIE GRANDET
Hörspiel in drei Teilen nach Honoré de Balzac
Bearbeitung: Helmut Peschina
Regie: Marguerite Gateau
Redaktion: Stefanie Hoster
Längen: Teil 1: 59´00 Teil 2: 57´30 Teil 3: 57´29
Produktion: Deutschlandradio Kultur 2015
Ursendungen: 24.02. / 02.03. / 09.03.2016

 


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Die Begründung der Jury

Die Wahl des Stoffes, die unbedingte Liebe und Treue, wird dramaturgisch zu einem spannenden Lehrstück über die moderne Gesellschaft, in der das Geld zum höchsten Wert erklärt wird und in der für zwischenmenschliche Gefühle kein Raum zu sein scheint. Der „verderbten Welt“ versucht die anrührende Eugénie Grandet zu trotzen. Auch wenn Geiz und Habgier in Balzacs Roman, der 1834 als Teil seiner grandiosen „Comédie humanine“ erschienen ist, schließlich doch siegen, so haben sie nicht das letzte Wort. Es ist die Liebe Eugénie Grandets, die trotz des Verrats des Geliebten, an ihrer konsequenten Haltung festzuhalten versucht.

Ein wichtiger Beitrag zur Dramaturgie liegt in der Musik des Pariser Komponisten Christian Zanesi. Mit klanglichen Icons schafft er es, die Bedeutung eines Erzählstranges in einen Moment zu kondensieren, eigene Gedankenräume herzustellen, während die Erzählung weiterläuft. Er macht den Abgrund, dem die Protagonisten entgegen streben, spürbar. Dabei verteilt er das klangliche Vokabular sparsam und äußerst subtil, verhalten, feinfühlig und präzise. Es gelingt ihm den Text fast unbemerkt zu transformieren und die Spannung  ohne jegliches Pathos bis zum Zerreißen zu steigern.

Gelungen sind Hörspiele, die klassische Texte als Vorlagen haben, wenn sie nicht nur eine Spannung erzeugen, die den Hörer in den Bann zieht – und das auch noch bei drei Sendeterminen – sondern wenn es ihnen gelingt, den kanonisierten literarischen Werken durch die dramaturgischen und technischen Mittel eine ganz eigene, überraschende und aktuelle Bedeutungsebene zu verleihen. Der Produktion „Eugenie Grandet“ nach Honoré Balzac gelingt dies unter der Regie von Marguerite Gateau und in der Bearbeitung von Helmut Peschina absolut überzeugend.

Februar

Foto DLF
GADJI BERI # 2016

DADA-Radio-Oper
von wittmann/zeitblom
Regie: wittmann/zeitblom
Komposition: zeitblom
Redaktion: Sabine Küchler
Produktion: DLF/NDR/SWR/WDR
Ursendung: 06.02.2016
Länge: 53‘00

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siehe auch: http://www.deutschlandfunk.de/100-jahre-dada-gadji-beri-2016.688.de.html?dram:article_id=342880

Die Begründung der Jury

Der Titel der Dada-Radiooper von Wittmann/Zeitblom ist Programm: „Gadji Beri“, das berühmte Lautgedicht von Hugo Ball, verbunden mit dem Signum für Online-Zeitgenossenschaft, dem Hashtag, und der Jahreszahl 2016. 100 Jahre Dada werden in diesem Hörstück nicht museal gefeiert, sondern das Prinzip Dada wird übertragen auf die medialen und mentalen Gegebenheiten von heute. Wittmann/Zeitblom haben die Tonarchive durchstöbert und ihre Funde mit allerlei zeitgeistigem Blabla aus Politik und Werbung und  Subversions- und Rebellionsansätzen von heute collagiert: eine klangsinnliche und erkenntnisfördernde Hirndurchlüftung!

Bemerkenswert ist die Integration von musikalischen und textlichen Elementen. Mal wird der Text zur Musik und der suggestive klangliche Rhythmus zu Text. Auf immer neue Weise tritt der Wortinhalt aus der Musik hervor, stets überraschend und frisch. Die Autoren verstehen es, das Interesse des Hörers durch überbordende klangliche Einfälle wach zu halten. Das lässt sich ohne Übertreibung als bestes Handwerk und große künstlerische Leistung beschreiben. Dada lebt.

 

Januar

Foto rbb
ICH DACHTE IN EUROPA STIRBT MAN NIE
Idee und Konzept: Sarah Schreier
Regie: Alfred Behrens
Redaktion: Regine Ahrem und Mareike Maage
Produktion: rbb
Ursendung: 08.01.2016
Länge: 52‘33“


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siehe auch:

Die Begründung der Jury

Gerade angesichts der zunehmend verbreiteten pauschalisierenden Urteile über Flüchtlinge ist dieser Zusammenschnitt von sechs sehr individuellen, sehr unterschiedlichen Stimmen wohltuend und notwendig differenziert. Die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Serbien, Angola und Nigeria berichten neutral, ohne Pathos und Emphase, was ihnen widerfahren ist, warum sie ihr Land verlassen mussten, mit welchen Verlusten und Traumata sie zu kämpfen haben. Gerade dieser nüchterne, auf das eigene Erleben fokussierte und beschränkte Erzählton erzeugt beim Zuhörer eine starke Intimität und Intensität. Die sparsam und behutsam - ohne jede Effekthascherei - eingesetzten klanglichen und musikalischen Mittel unterstreichen diesen Eindruck: Es geht nicht um das Erzeugen von Betroffenheit, es geht um einzelne Schicksale, die jeden jederzeit ereilen können; insofern weist dieses Hörspiel über die aktuelle politische Situation exemplarisch hinaus. Die Abfolge der immer wieder zwischen den Akteuren wechselnden Erlebnisfragmente und die Mischung der monologischen Szenen ist gelungen und spannend gesetzt. Besonders diese dramaturgische Leistung zeichnet "Ich dachte in Europa stirbt man nie" aus.