Woche junger Schauspieler 2010

Der Günther-Rühle-Preis 2010 geht an "Ehrensache" und "Italienische Nacht"

Zum Abschluss der „Woche junger Schauspieler“, die zum 15. Male in Bensheim stattfand, wurde der Preis für die beste schauspielerische Leistung zu gleichen Teilen an die Produktionen „Ehrensache“ von theaterperipherie Frankfurt und an „Italienische Nacht“ vom Staatsschauspiel Dresden vergeben.

Die Woche junger Schauspieler fand vom 11. - 20. Mai 2010 im Bensheimer Parktheater statt.  

Ehrensache
Italienische Nacht

Die Jury:
Jeannette Giese, Jürgen Flügge, Moritz Pliquet

Die Begründung der Jury:
Selten haben wir junge Darsteller so persönlich - aber nie privat - auf der Bühne erlebt wie in der Frankfurter Inszenierung von „Ehrensache“, selten so ehrliches und direktes Spiel, frei von jeglichem Manierismus. Die vier jungen Darsteller (Arasch Farugie, Hadi Khanjanpour, Deniz Kezer, Anna Arncken), alle vier nicht ausgebildete Schauspieler, unterstützt von einem erfahrenen Kollegen (Hartmut Volle), erzeugen die Illusion, dass die Geschichte von Stolz, Eifersucht und Gewalt von ihnen selbst handelt, dass sie selber diese Figuren leben. Die Entwicklung der Figuren ist fern von jedem Klischee und vor allem jeder Verurteilung. Sie ist bis in die Extreme glaubhaft und deswegen so beklemmend.

Dabei stellen die vier Darsteller herausragende individuelle Fertigkeiten unter Beweis: Arasch Farugie alias Cem nimmt man den netten Jungen in der Disco ebenso ab, wie den völlig entrückten Messerstecher, den gekränkten Macho und den winselnden Untersuchungshäftling. Hadi Khanjanpour zeigt als Sinan ein so unglaubliches Talent für Sprachwitz und Komik, dass man nicht glauben möchte, aber leider glauben kann, dass dieser sympathische Junge am Ende auch zum Messer greift. Die Wechsel zwischen den Dialogen mit dem Gerichtspsychiater Kobert (über Mikrofon: Hartmut Volle) und den Rückblenden auf den Tag der Tat meistern diese beiden jungen Männer mit Bravour. Deniz Kezer zeigt uns die Türkin Ellena als starke, emanzipierte junge Frau, die mutig und frech mit ihrer Unabhängigkeit provoziert und dafür mit dem Leben bezahlt. Anna Arncken als Ulli lässt uns in vielen stillen Momenten an der Angst und dem Entsetzen über das Unfassbare direkt teilhaben. Hartmut Volle ist die nüchterne stimme aus dem off, der Gegenpol und das Ventil für alle Aggressionen und Ängste der beiden Täter. Herausheben möchten wir auch die behutsame, unaufdringliche Regiearbeit von Alexander Brill, die den Darstellern diese große Leistung ermöglicht.

An der „Italienischen Nacht“ begeistert vor allem die geschlossene Mannschaftsleistung der Akteure. Sie liefern eine Horváth-Interpretation, die modern, aber nicht modernistisch ist. Der Abend wird getragen von hohem schauspielerischem und artistischem Können. Die zehn jungen Schauspieler (Eike Weinreich, Benedikt Kauff, Christian Clauß, Henner Momann, Thomas Schumacher, Moritz Löwe, Sarah Bonitz, Annett Krause, Sophia Löffler, Ines Marie Westernströer) vertreten ihre Figuren mit großer Vehemenz und finden trotzdem immer wieder feine Zwischentöne. Tilmann Köhlers Inszenierung lebt von einer groben Sinnlichkeit, die sich z.B. im Bühnenbild ausdrückt (Biertische und Bänke bilden Boden und Rückwand der Bühne) und den Schauspielern dient, ihr ganzes Können zu entfalten.

Das Votum des Bensheimer Publikums
geht ebenfalls an „Ehrensache“ vom theaterperipherie. 97% der Zuschauer bewerteten die Inszenierung sehr positiv.

 

Das Programm 2010:

Dienstag, 11. Mai, 20.00 Uhr, Theaterperipherie Frankfurt, "Ehrensache"

Montag, 17. Mai, 20 Uhr, Nationaltheater Weimar, "Gerettet"

Dienstag, 18. Mai, 20 Uhr, Hochschule für Schauspielkunst „Ernst-Busch“ Berlin, "Der kleine Bruder"

Mittwoch, 19. Mai, 20 Uhr Theater der Stadt Erlangen, "Clyde & Bonnie"

Donnerstag, 20. Mai, 20. Uhr Staatsschauspiel Dresden, "Italienische Nacht" - eine Inszenierung mit den Studenten des Schauspielstudios Dresden der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, Der Regisseur Tilmann Köhler erhielt für seine Dresdner Inszenierung „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ den Kurt-Hübner-Regiepreis 2009