Deutsche Akademie der Darstellenden Künste

Hörspiel des Monats/Jahres

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Aktuelles  Hörspiel des Monats Juli

Dankbarkeiten
nach dem gleichnamigen Roman von Delphine de Vigan

  • Bearbeitung und Regie: Irene Schuck

  • Redaktion und Dramaturgie: Andrea Oetzmann

  • Mit: Jenny König, Hedi Kriegeskotte, Nico Holonics, Nadine Kettler, Lisa Wildmann

  • Produktion: SWR

  • ESD: 12.07.21

  • Länge: 79'19‘‘

Dankbarkeiten Hörprobe

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Hedi Kriegeskotte
Foto Christian Koch / SWR

zum Hörspiel, zur Audiothek des SWR

Begründung der Jury

„Sagen Sie ihr, dass ich sie nicht stöbern will.“ Michka ist eine ältere Dame, die langsam ihre Sprache verliert. Der Verlust macht ihr Angst. Hedi Kriegeskotte, die berührende, großartige Sprecherin der Figur, schleust ihre Dysfunktionalitäten fast unmerklich ein. Es ist, als ob man gemeinsam eine neue Sprache lernen würde. Marie, Michkas frühere Nachbarin, ist für sie wie ihre Enkeltochter, die sie auf ihrem Weg begleitet. Als Michka nicht mehr alleine leben kann und ins Seniorenheim umzieht, trifft sie dort auf Jérôme, einen jungen Logopäden, der sich gerne und empathisch mit ihr auseinandersetzt und anfreundet. Er übt mit ihr und hilft ihr dabei, ein Ehepaar zu finden, das ihr in jungen Jahren das Leben gerettet hat. 

Den schleichenden Zerfallsprozess der Sprache in den Mittelpunkt eines Hörspieles zu stellen ist ein bestechend gutes Thema. Besonders, wenn er so subtil und schlicht dargestellt wird, dass man sich beim Zuhören manchmal fragt, ob man sich jetzt verhört hat oder kurz unaufmerksam war. „Es hat sich in Muff aufgelöst“ sagt MischkaBeiläufig entwickeln sich neue Beziehungen zwischen den allesamt spannenden Figuren. Dabei jongliert Regisseurin Irene Schuck subtil und warm mit den Ängsten, Sehnsüchten, Limitationen und Ideen der Protagonisten. Feine musikalische Klänge und Strukturen kommen und gehen, ohne sich aufzudrängen.

Dem Ende wohnt ein Anfang inne, der neugierig macht auf den weiteren Verlauf.

About 

Seit 1977 werden die Hörspiele des Monats von einer dreiköpfigen Jury gewählt. Die Jury wird von den Sendern gemeinsam mit der Akademie bestimmt.

In den Wettbewerb kommen die von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten monatlich vorgeschlagenen Ursendungen. Die Jury hört und beurteilt die eingereichten Hörspiele und wählt das interessanteste / bemerkenswerteste Hörspiel des Monats. Die Wahl wird der Presse zur Veröffentlichung bekanntgegeben.

Aus den zwölf ausgewählten Hörspielen wird seit 1987 das "Hörspiel des Jahres" gewählt und in einer öffentlichen Veranstaltung in Frankfurt am Main vorgestellt.

Das neuste Hörspiel finden Sie unter „Aktuelles“. Die Hörspiele aus dem Jahr 2020 befinden sich im „Archiv“. Alle weiteren zurückliegenden Jahre werden nach und nach eingebracht ins Archiv.

Jury und Gastgebender Sender 2021

  • Margarete Affenzeller, Kulturjournalistin, Wien

  • Christine Ehardt, Film- und Medienwissenschaftlerin, Wien

  • Florian Kmet, Komponist und Musiker, Wien

  • Gastgebender Sender 2021: Österreichischer Rundfunk

Archiv

Vergangene Hörspiele des Monats/Jahres

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Hörspiel des Monats Juni 

Flüstern in stehenden Zügen

nach dem gleichnamigen Theaterstück von Clemens J. Setz

  • Bearbeitung und Regie: Philip Scheiner

  • Komposition: Stefan Martin Weber, Grilli Pollheimer

  • Mit: Raphael Muff (C), Evamaria Salcher (Kundin), Franz Solar (Techniker)

  • Redaktion: Elisabeth Zimmermann, Kurt Reissnegger

  • Produktion: ORF (Kooperation von Österreich1 mit dem Schauspielhaus Graz und dem Landesstudio Steiermark)

  • ESD: 13.06.21

  • Länge: 54'19‘‘

Flüstern in stehenden Zügen Hörprobe

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Aus Gründen des Urheberrechts können wir in diesem Fall keinen Link zum ORF zum Nachhören bzw. Download des Hörspiels anbieten.

Raphael Muff (C)
Foto Jakob Fessler / ORF/Ö1

Begründung der Jury

„Hallo, mein Name ist Riese, ich möchte Ihnen bitte all mein Geld überweisen. Wie mach ich das?“

Der Horror jedes Konsumentenschutzverbandes wird hier zur nächtlichen Beschäftigungstherapie für den Computerladenmitarbeiter „C.“. Raphael Muff als einsamer Protagonist dieses eindringlichen Audiomonologs durchwühlt seinen Spamordner auf der Suche nach der nächsten Abzockermail. Mit schwerer Zunge geht er mit seinen betrügerischen Gesprächspartner*innen auf Tuchfühlung, gewitzt versucht er menschliche Regungen beim stummen Gegenüber zu provozieren und erfindet sich dabei von Telefonat zu Telefonat neu.

In Philip Scheiners Bearbeitung des gleichnamigen Theaterstücks von Clemens J. Setz werden die kurzen Gesprächspassagen zu aufgeheizten Klangwüsten. Den Dialog bleibt er schuldig, denn die Antworten auf C.s Gesprächsbemühungen sind nicht zu hören. Gerade das macht das Radiostück zum emotionalen Hörspielabenteuer. Das Zuhören wird zur Achterbahnfahrt der Gefühle: Ekel, Mitgefühl, Unverständnis, Schadenfreude wechseln sich genauso schnell ab wie die Namen der kontaktierten Callcentermitarbeiter*innen.

Sie tun einem fast schon leid, die Ulrichs, Arthurs, Bobs, Angelikas und Gerds da auf der anderen Seite der Telefonleitung. C. lässt nicht locker, zählt gefakte Passwörter auf, wiederholt geduldig falsche Kundennummern und erzählt nebenbei von seiner Schwester Dora, die leider vom Bora-Wind in Triest davongeweht wurde, von seinen neuen Boxhandschuhen mit den klingenden Namen „Billy und Scott“ und von weiteren tragischen Schicksalsschlägen seiner erfundenen Verwandtschaft.

Der dramaturgisch fein gewebte Text mit seinen raumgreifenden Pausen hat die Jury sofort in den Bann gezogen. Zusammen mit der nuancenreichen Stimme Raphael Muffs entfaltet die sphärische Klangkomposition aus metallischen Sounds ein wunderbares akustisches Kammerspiel. Muffs Stimme changiert zwischen Zärtlichkeit, unverhohlener Aggressivität und unendlicher Traurigkeit. Dahinter steht eine dichte Klangkulisse voller mysteriöser Geräusche, die durch die Leitungen vibrieren. Grilli Pollheimers Originalmusik fürs Theaterstück akzentuiert gemeinsam mit den Sounds von Stefan Martin Weber das Gesprochene.

Und plötzlich, nach all den ins Leere gesprochenen Dialogen, gibt es Antworten. Der Arbeitskollege (Franz Solar) lässt sich zur Mittagsjause einladen und die Kundin aus dem Computerladen (Evamaria Salcher) zeigt echtes Interesse an C.s Flirtversuchen. Das weckt berechtigte Hoffnung auf ein Happy End.

 

Hörspiel des Monats Mai 

Hier ist noch alles möglich

von Gianna Molinari

  • Bearbeitung: Stephan Heilmann und Julia Glaus

  • Regie: Julia Glaus

  • Komposition: Fatima Dunn

  • Mit: Henni Jörissen (Ich), Michael Neuenschwander (Chef), Sven Schelker (Clemens), Thomas Douglas (Koch), Bodo Krumwiede (Lose), Inga Eickemeier (Erika)

  • Produktion: SRF

  • ESD: 08.05.21 Teil 1, 15.05.21 Teil 2

  • Länge: 50'11‘‘ Teil 1, 49'13‘‘ Teil 2

Hier ist noch alles möglich Hörprobe

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Henni Jörissen (Ich) und Sven Schelker (Clemens)
Foto SRF/Oscar Alessio

zum Hörspiel, zur Audiothek des SRF 

Die Begründung der Jury 

Eine Kartonfabrik, alleine auf weiter Flur. Fast leer. Die Erzählerin beginnt hier mit ihrer Arbeit als Nachtwächterin. Worauf sie aufpassen soll? Nicht einmal ihr Chef scheint das genau zu wissen. Und dann der Wolf. Auch er kommt in der Nacht und dringt in neue Gebiete vor. Früher waren hier die Tische in der Kantine noch voll. Früher gab es auch keine Wölfe. Und dann fällt etwas vom Himmel. Spannend und rätselhaft breitet sich dieses kunstvolle Hörspiel vor uns aus. Richtung und Ausgang bleiben offen.

Die Erzählerin, eine Frau unter lauter Männern. Sie begegnet dem Koch, dem Chef und ihrem Kollegen an diesem geheimnisvollen Ort auf Augenhöhe. Der Wolf, der sich nie wirklich in Fleisch und Blut manifestiert, und doch ständig präsent bleibt. Die einen wollen ihn jagen, die anderen wollen ihn schützen. Und dann ein ungeklärter Unfall bei dem ein Mensch aus dem Flugzeugfahrwerk in die Tiefe stürzt.

Viel Raum für eigene Bilder. Durch die ruhige, nuancierte Stimme der Erzählerin und den offenen Ausgang zieht sie uns in ihren Bann. Es weben sich Ebenen aus Fabrikhallengeräuschen, akustischen Instrumenten und Field Recordings leicht in die Erzählung ein. Fatima Dunn hat eine subtile und berührende Klangkomposition in Szene gesetzt.

Kunstvoll, geschmeidig, unvorhersehbar, spannend und poetisch-musikalisch entspinnt sich die Adaptierung des preisgekrönten Romandebüts von Gianna Molinari in der Bearbeitung von Stephan Heilmann.

Lobende Erwähnung 

Eine Lobende Erwähnung geht an „Briefe aus der Hölle“  von Andreas Weiser  (HR).
Das Hörspiel entfaltet eine große Kraft und Direktheit. In seiner erschütternden Klarheit bringt es neue tiefe, sehr persönliche Einblicke und trifft mitten ins Herz, mitten ins Gefühl.

Hörspiel des Monats April 

Feuersturm

Von David Paquet

  • Übersetzung aus dem kandischen Französisch: Frank Weigand

  • Regie: Anouschka Trocker

  • Dramaturgie: Anette Kührmeyer

  • Produktion: SR/DLF Kultur

  • ESD: 11.04.

  • Länge: 61'33‘‘

Feuersturm Hörprobe

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Hörspiel April 2021

David Paquet (Foto Julie Artacho)

Die Begründung der Jury 

Selten zieht das Zuhören so in den Bann wie im Fall von „Feuersturm“ des kanadischen Autors David Paquet. Was geht hier vor sich? Kann man es denn wirklich glauben? Wie ein modernes böses Märchen, in dem sich in einer x-beliebigen Familie eine Verwünschung festgebissen hat, rollt das Hörspiel gewitzt und zügig die Verderben bringenden Verhältnisse dreier Generationen aus.

Schlimmste Dinge geschehen, ein Vater hat sich umgebracht, ein Kind löscht seine Familie aus, ein anderes Kind wird weggelegt (bzw. verschickt!). Und doch greift hier nicht die große Tragik Fuß – dafür bleibt gar keine Zeit -, sondern der Schalk einer leichthändigen, schwarzhumorigen Erzählung, der sich in knappen Dialogen weit über den fatalen Inhalt erhebt.

In drei Teilen entfaltet sich, dramaturgisch höchst raffiniert, ein mysteriöser Abstammungs- und Sippenhaftungsthriller, in dem wahrlich nichts Erwartbares passiert. Und dennoch sind es die ganz banalen Dinge, die es in sich haben: Kekse backen, ins Kino gehen, Haustiere halten. Es fällt kein Wort zu viel. Ein vokaler Purismus und eine heutzutage ungewöhnliche, aber wirkmächtige auditive Schlankheit - Dialoge, Selbstgespräche, Telefonate, Musik – würdigen zudem eine Sprache, die alles Abgegriffene ausspart und die den Ereignissen in präziser Schärfe folgt.

Ausgehend von den Drillingen Claudine, Claudie, Claudette und weiter über Clement und Carole bis hin zu Caroline und ihrer lebensgefährlichen Libido zieht sich eine unergründliche Spur der Vorbestimmung, die das Motiv der Unentrinnbarkeit auf vergnügliche Weise durchspielt. Trotz eines großen Erzählbogens über mehrere Generationen findet sich in diesem phantastischen Hörspiel Platz für aussagekräftige, intensive Momente einzelner Figuren, die man so schnell nicht wieder vergisst. Das alles zusammen ist ein Kunststück, wenn nicht ein Zauberwerk. Und ein überaus gelungenes Beispiel einer verdichteten Fabulierkunst.

Hörspiel März 2021 

Sirenwebclient.exe

Von Christine Nagel

  • Regie: Christine Nagel

  • Komposition/Sprachaufnahmen: Peter Ehwald

  • Gesang: Lauren Newton

  • Dramaturgie: Michael Becker

  • Produktion: NDR/DLF gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa

  • ESD: 10.03.

  • Länge: 54‘30‘‘

Sirenwebclient.exe Hörprobe

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Hörspiel März 2021

Christine Nagel (Foto ©Birgit Beßler)

Lobende Erwähnung

Eine lobende Erwähnung geht an „Blackbird“, die Hörspieladaption des gleichnamigen Romans von Matthias Brandt in der Bearbeitung und Regie Leonhard Koppelmanns, das den Klang und die Stimmung der 1970er Jahre auf leichtfüßige Weise eingefangen hat.

Die Begründung der Jury 

Ein Hörspiel über das Thema Stimme – Was naheliegend klingt, wurde doch bisher selten verwirklicht. Christine Nagel hat den Versuch gewagt.

„Willkommen in der Welt der Sprachsynthese“: Die Radio-Moderatorin Marie nutzt Computer-Tools, um ihre persönliche KI-Stimme zu entwickeln. Das soll Zeit sparen im schnellen Rhythmus der digitalen Arbeitswelt. Aus Marie wird SIREN – Eine exakte Kopie ihrer Stimme. Doch was, wenn sich diese Stimme selbständig macht und eigenständige Entscheidungen trifft?

Ein Hörspiel über das Thema Stimme – Was naheliegend klingt, wurde doch bisher selten verwirklicht. Christine Nagel hat den Versuch gewagt. Ihre semidokumentarische Spurensuche nach dem markantesten Element des Radios eröffnet zugleich einen spannenden Blick in die digitale Welt von heute und morgen.

Bilden Person und Stimme eine unverbrüchliche Einheit und was bleibt von der eigenen Identität übrig, wenn sich die dazugehörige Stimme nur mehr aus Algorithmen speist? Philosophische Fragen, die Christine Nagel von verschiedenen Seiten beleuchtet und mit charmanten Details versieht. Wenn etwa Marie ihr digitales Ich mit Merseburger Zaubersprüchen überfordert. Oder ihre Seelenstimme, gesprochen von Ilse Ritter, so gar nichts mit der raumlosen KI-Stimme SIRENS anfangen kann.

Die Auswirkungen synthetischer Sprachprogrammierung und unendlicher Datenspeicherung auf Arbeit und Alltag sind vielfältig. Wird alles besser? Wird alles schlechter? Oder einfach nur anders? Christine Nagel vermeidet es uns eindeutige Antworten zu geben. Vielmehr zeigt sie durch die geschickte Verschränkung so vieler Bedeutungsebenen - von Philosophie, Hörspielkunst, Radiopraxis über Computertechnologie und Digitalität – die ungelösten Herausforderungen gegenwärtiger Entwicklungen auf.

Ein gelungenes Audio-Experiment über die Zukunft des Radios, dass zugleich eine tönende Hommage an die Geschichte des Hörspiels ist.

Hörspiel Februar 2021 

Woanders

Ein Hörspiel in Auseinandersetzung mit Texten von Thomas Brasch
Von Diana Näcke, Christina Runge, Masha Qrella

  • Regie: Diana Näcke, Christina Runge, Masha Qrella

  • Komposition: Masha Qrella

  • Dramaturgie: Barbara Gerland

  • Produktion: Deutschlandfunk Kultur

  • ESD: 24.02.

  • Länge: 50‘26

Hörspiel Februar 2021

Woanders

Lobende Erwähnung

Eine lobende Erwähnung geht an „Saal 101. Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess“ von Katarina Agathos, Julian Doepp, Katja Huber, Ulrich Lampen, das mit einer heute kaum mehr zu realisierenden, immensen Recherchekapazität und einem schlüssigen Konzept aus verschieden wahrnehmbaren Stimmen eines Stücks (nicht aufgezeichneter) Zeitgeschichte habhaft wird.

Die Begründung der Jury 

Thomas Brasch, der von der Geschichte zu Unrecht scheinbar verschluckte Schriftsteller, bekommt eine neue Chance.

Unser Hörspiel des Monats Februar ist: „Woanders“ Ein Hörspiel in Auseinandersetzung mit Texten von Thomas Brasch. Von Diana Näcke, Christina Runge und Masha Qrella

Thomas Brasch, der von der Geschichte zu Unrecht scheinbar verschluckte Schriftsteller, bekommt eine neue Chance. Zwanzig Jahre nach seinem Tod legt das Hörspiel „Woanders“ die in jedem einzelnen Wort seiner Dichtkunst gespeicherte Kraft frei. Dafür haben Diana Näcke, Christina Runge und Masha Qrella einen bemerkenswerten musikästhetischen Weg gewählt, der die Lyrik neu zum Leben erweckt: Thomas Brasch goes Techno (nicht nur).

Die Sätze hallen keineswegs wie Relikte aus einer fernen Vergangenheit nach, sondern treffen mit den Sounds der Berliner Sängerin Masha Qrella auf verblüffend geschmeidige Weise mitten hinein in gegenwärtige Befindlichkeiten und gesellschaftspolitische Fragestellungen (Sie hat daraus erfreulicherweise ein ganzes Album gemacht). Das ist einerseits einer konzisen Textauswahl geschuldet, die jeden Satz für uns Hörerinnen und Hörer fruchtbar macht. Denn auch wir sind Formen der Entpersonalisierung und Vereinsamung ausgesetzt, wie sie Brasch immer wieder thematisiert hat. Einmal heißt es: „Die Arbeit ist auch ein Mittel geworden, im Zeitalter der Automatisierung seine Zeit zu verbringen. (...) Mich interessiert ein arbeitsloses Land, durch das zwei Frauen reisen.“

Andererseits glückt die Wiedererweckung dieser Literatur vor allem dank der musikalischen Erzählweise. In der strengen, aber leichthändig wirkenden Partitur stehen Braschs Texte in mehreren „Seinszuständen“ nebeneinander: als von Qrella gesprochenes Zitat, als von ihr, Andreas Bonkowski und Chris Imler vertonte Lyrik oder als Originalton Braschs aus dem Archiv. Sie spiegeln sich effektvoll ineinander. Die Arbeit gibt den Sätzen Raum - Raum, den Lyrik kaum je zugesprochen bekommt. 

Das Tonstudio und seine Geräusche sind dabei immer nur leicht aus der Ferne wahrnehmbar. Wir hören also ein vom Produktionsgrund emanzipiertes Hörspiel, das „woanders“ spielt, in einer ganz eigenen, unabhängigen und berückenden Tonwelt.

Hörspiel Januar 2021 

Nagelneu

Von Hendrik Quast und Maika Knoblich

  • Regie: Hendrik Quast und Maika Knoblich

  • Komposition: Katharina Stephan

  • Dramaturgie: Christina Hänsel

  • Produktion: WDR 2021

  • ESD: 25.01.2021

  • Länge: 30'33‘‘

Hörspiel März 2021

Nagelneu (Foto ©Hendrik Quast)

Lobende Erwähnung

Eine lobende Erwähnung geht an „Am Rande des Untergangs vergnügt sich das Kapital“ (DLF Kultur) von Joël László. Ein vielschichtiges Konzept, ein sehr aufwändig recherchiertes, poetisch politisches Manifest, das Sprach- und Klangkunst auf eine sehr eigenständige und kunstvolle Weise verbindet.

Die Begründung der Jury 

Feilen, schleifen, kleben. Full covers, Stempel, French, Glitzer. Natur oder Kunstnagel? „Aber wenn du Natur willst, dann kannst du auch nur zu Hause rumsitzen. Brauchst du nicht hierherkommen.“

Dieses Hörspiel von Maika Knoblich und Hendrik Quast ist die Herzensentscheidung der Jury aus Wien für den Jänner 2021. Die Autoren haben mit ihrer Idee einen leichten und lustvollen Zugang zum Zuhören erdacht. Man lebt mit, riecht den Lack beim Trocknen, spürt die Feilen zwischen den Fingern, stellt sich hunderte Designs von fake nails vor und kann endlich das Mäuschen im Eck vom Hinterzimmer des Nagelstudios sein. Stellvertretend für alle Büroküchen, Besprechungszimmer oder Musikbackstage-Räume dieser Welt. Eine schmirgelnd raue, glitzernde Sound- und Dialogwelt, die in die Tiefe geht, um gleich wieder an der Oberfläche dahinzukratzen. Das ermöglicht ein verspieltes Ein- und Aussteigen. Kunstvoll gesetzte Pausen, die Platz zum Abdriften in eigene Gedankenwelten anbieten und gleichzeitig neugierig machen, wie es denn jetzt gleich weitergehen wird. Verhandelt werden Körperpflege, Kundenerziehung, aufgerissene Männer und Hochzeitsnägel, Krankheiten, Beziehungen, die eigenen Grenzen und vieles mehr. Der ganze Schönheitsbetrieb, der hier als Platzhalter für eine Vielzahl an Jobs und Arbeitssituationen steht, kann stellvertretend gleich im Nagelstudio besucht werden.

Hörspiel Dezember 2020 

Zauderwut

Von Bettie I. Alfred

  • Regie: Bettie I. Alfred

  • Redaktion: Regine Ahrem

  • Produktion: Autorenproduktion von Bettie I. Alfred/Balkonstudio 2020 für rbb

  • Länge: 51 ́40‘‘

  • Erstsendung: 18.12.2020

Hörspiel Dezember 2020

Zauderwut

Lobende Erwähnung

Für eine weitere Produktion, die uns im Dezember stark beeindruckt hat, möchten wir eine lobende Erwähnung aussprechen: Die vom BR aufwendig produzierte erste deutschsprachige Hörspieladaption von Elena Ferrantes Bestsellers „Meine geniale Freundin“ beeindruckt durch herausragende Sprecher*innen (u.a. Rosalie Thomass als Lenu und Enea Boschen als Lila) und eine große literarische Nähe zu Ferrantes Erfolgsroman. Hervorzuheben ist hierbei insbesondere die gekonnte Inszenierung der Vielschichtigkeit des ersten Bands der Neapolitanische Saga, durch die das Hörspiel dem literarischen Vorbild mehr als gerecht wird.

Die Begründung der Jury 

Ihr ganzes Leben lang zaudert Lissy. Schon früh lernt die ungewöhnlich kleine Frau, dass das Leben hart ist.

„Schreiben war die einzige Möglichkeit das ewige Gezaudere zu umgehen. Das Thema der Arbeiten, immer dasselbe in den verschiedensten Variationen: die Wollust der Traurigkeit. Und immer mehr auch (…): das ewige Scheitern, bedingt durch zu langes Zaudern.“

Ihr ganzes Leben lang zaudert Lissy. Schon früh lernt die ungewöhnlich kleine Frau, dass das Leben hart ist: Ihre Mutter verlässt die Familie, als Lissy noch ein Kind ist, der Vater landet daraufhin in der Psychiatrie, wo er sein Leben lang Labyrinthe malt und sich nicht mehr daran erinnert, dass er eine Tochter hat. Die Auswirkungen ihrer traurigen Kindheit beschreibt die eigenwillige Protagonistin aus Bettie I. Alfreds Hörstück so: „Nun als Erwachsene hatte ich also eine Art die Realität so zu sehen, wie sie war. Gnadenlos. Dies führte dazu, dass ich zauderte. Immerzu zauderte.“ Die einzige Möglichkeit für Lissy, mit ihrer Handlungs- und Entscheidungsunfähigkeit umzugehen, ist die künstlerische Auseinandersetzung.

Mit minimalistischen Mitteln macht das Stück Lissys Zaudern hörbar und legt zugleich den künstlerischen Schaffensprozess einer Hörspielproduktion offen. Lissy rekapituliert, protokolliert und erinnert sich an Ereignisse aus ihrer Vergangenheit, die mit der Gegenwart verschwimmen. Durch stilistische Kniffe wie Loops und Sprachaufnahmen, in denen Lissy laut an Sätzen feilt, die sie anschließend aufschreibt, entfaltet „Zauderwut“ eine wehmütige Komik des Scheiterns. Das Hörspiel verbindet charmant und gekonnt leise Melancholie und schrägen Humor, die durch die markanten Stimmen von Jens Harzer als Lissys Ehemann und Leopold von Verschuer als Vater getragen werden, aber auch durch den besonderen Charme der von der Autorin selbst gesprochenen Teile.

Mit „Zauderwut“ kürt die Jury eine im Heimstudio der Autorin entstandene Arbeit zum Hörspiel des Monats, die sich zum Teil auch augenzwinkernd mit den Standards und Ritualen des Mediums Radio bzw. Hörspiel auseinandersetzt. Stücke wie „Zauderwut“ repräsentieren einen wichtigen Aspekt der großen Vielfalt, die das Medium Hörspiel ausmacht – einen Aspekt, den der RBB mit der Sendung von Bettie I. Albrechts Stück auf hohem künstlerischem Niveau präsentiert.

Hörspiel November 2020 

Atlas

Von Thomas Köck

  • Regie: Heike Tauch

  • Komposition: Janko Hanushevsky

  • Redaktion: Steffen Moratz

  • Produktion: MDR

  • Länge: 69 ́36‘‘

  • Erstsendung: 09.11.2020

Hörspiel November 2020

Atlas (Foto ©Thomas Köck)

Die Begründung der Jury 

In einem historisch-geopolitischen Kartenwerk verzeichnet der Autor Thomas Köck die Grenzziehungen von globalen Machtverhältnissen und rassistischer Ausgrenzung.

Das Hörspiel des Monats November 2020 „Atlas“ erzählt eine Geschichte der vietnamesischen Arbeitsmigranten in der DDR während der 80er Jahre, vom Niedergang des sozialistischen Staates DDR und einem Kind einer vietnamesischen Arbeiterin und eines vietnamesischen Übersetzers, das inmitten dieser Ereignisse geboren wird.

In einem historisch-geopolitischen Kartenwerk verzeichnet der Autor Thomas Köck die Grenzziehungen von globalen Machtverhältnissen und rassistischer Ausgrenzung. Seine Tafeln bestehen aus Sprachbildern und Gedankenströmen, die Geschichte und Gegenwart in äußerst plastischer, erkenntnisstiftender Weise verschränken – mit scharfer Polemik, aber auch mit viel Empathie gegenüber menschlichem Leid. Köck entfaltet hierbei eine komplexe Familiengeschichte von Flucht und Migration aus Vietnam nach Deutschland und zurück, die quer zu den Kollektiverzählungen der Deutschen liegt. Literarisch versiert vereint das Hörspiel die Geschichte einer dramatischen Flucht und einer entzwei gerissenen Familie gegen Ende des Vietnamkriegs, der Arbeitsmigration „ausländischer Werktätiger aus dem kommunistischen Bruderstaat Vietnam“ in die DDR und einer Vietnamreise auf der Suche nach den Vorfahren.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland stellt das Hörspiel die Frage: „was heißt das schon / vereinigung nicht wer heißt das / sondern gegen wen“. Mit der Parole „Wir sind das Volk“ wurde 1989 gegen die DDR-Regierung protestiert, heute wird diese von völkischen Rechten gegen die parlamentarische Demokratie skandiert. Aus der Perspektive der vietnamesischen Arbeiterinnen und Arbeitern wird im Hörspiel erfahrbar, dass dieses „Wir“ auch die Ausgrenzung von „Anderen“ beinhalteten kann.

Schon die historische Einzigartigkeit der deutschen Wiedervereinigung ist nur „gefühlt“, wurde Vietnam doch bereits 1975 wiedervereinigt – unter sozialistischen Vorzeichen, durch den Sieg über den Kriegsgegner USA. Je nachdem, auf welcher politischen Seite sie sich wiederfanden, kamen Menschen aus Vietnam als Kontingentflüchtlinge nach Westdeutschland (wie die Mutter im Hörspiel) oder (wie die Tochter) als Vertragsarbeiterinnen in die DDR. Der Umgang des realsozialistischen Deutschland unterschied sich dabei in seinen rassistischen Praktiken nicht wesentlich von dem Umgang mit den sogenannten „Gastarbeiterinnen“ im kapitalistischen Westen: „der / bruderstaatliche weg was / für eine farce und jeden ersten mittwoch im monat / gesundheitschecks beim arzt weil der / bruderstaatliche weg auch nur ein survival of the fittest weil / der bruderstaatliche austausch fitte körper braucht“.

„wer / damit gemeint ist mit / dem nationalen frühling wer / durch diese blühenden landschaften einmal / spazieren darf“ und wer nicht, wird im Hörspiel rasch deutlich. Etwa wenn geschildert wird, wie kranke oder schwangere Vietnames*innen als nicht mehr arbeitstauglich abgeschoben werden. Besonders augenscheinlich wird es jedoch in der Wahrnehmung der sich anbahnenden Wiedervereinigung von DDR und BRD, die nicht als Grund zum Feiern, sondern zum Fürchten empfunden wird: „wir leben auf risiko wir / leben prekär weil wir hier / gar nicht vorkommen in dieser / posttraumatischen erzählung dieser / liebesgeschichte einer nation die / jetzt endlich wieder bei sich ankommen möchte“.

Das Hörspiel würdigt die Geschichte der Vietnamesinnen in Deutschland, weil es ihr nicht nur eine, sondern gleich mehrere Stimmen an einer exponierten Stelle im öffentlichen Diskurs gibt. Durch das kontrapunktische Spiel mit Sprachen und Akzenten, durch straff rhythmisierte Monologe und minimalistische Chorsequenzen gibt die Inszenierung dem Text eine enorme sinnliche Präsenz. Das souveräne Sprecherinnen-Ensemble wird dabei kongenial durch die Musik von Janko Hanushevsky unterstützt. Seine spröden, an den Bruchkanten zwischen Melodie und Geräusch angesiedelten E-Bass-Figuren machen das Leitmotiv des Risses fast haptisch präsent, das sich durch den Hörspieltext zieht: „ein riss nach dem anderen weist den weg / durch die geschichte.“

Die Mängel der sogenannten Wiedervereinigung wurden zum 30. Jahrestag zumeist als eine Art kollektive Beziehungskrise von Ost- und Westdeutschen verhandelt. Man kann es der Hörspielabteilung des MDR nicht hoch genug anrechnen, dass sie mit „Atlas“ dieses Narrativ gründlich verwirft und hinterfragt. Die Neuerzählung der deutschen Nach-Wende-Geschichte, die das Hörspiel des Monats November vornimmt, zeigt: Ein zukunftsfähiges, demokratisches und vielfältiges „Wir“ muss alle Menschen einschließen, die hier leben. Mit der Wahl seiner Erzählperspektive leistet das Stück selbst einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung dieses „Wir“, denn: „gäbe es eine logik in der geschichte wir / würden sie uns nicht andauernd neu erzählen müssen“.

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Oktober 2021 

Ein Berg, viele

Von Magdalena Schrefel

  • Regie: Teresa Fritzi Hoerl

  • Redaktion: Katarina Agathos

  • Produktion: BR/ORF

  • Länge: 51 ́53‘‘

  • Erstsendung: 250.10.2020

Hörspiel Oktober 2021

Ein Berg, viele (Foto ©BR)

Die Begründung der Jury 

Ende des 18. Jahrhunderts in Nordengland: Ein britischer Kartograph „ordnet die Welt in eine Karte“.

Die deutsche Hörspiel-Autorin Pearl wird in ihrem Sommer-Urlaub in Italien am Strand von einem Verkäufer angesprochen: Ismael stammt aus Niger, Westafrika und kam über das Mittelmeer nach Italien. Sofort wittert Pearl in dem afrikanischen „Sand-Flüchtling“ eine potenzielle Geschichte und zeichnet das Gespräch auf. Ismael wohnt, so berichtet er Pearl, in einem illegalen Camp. Der Name des Camps: Mount Kong. In Mount Kong herrscht laut dem Afrikaner der „king“, er muss seine Zustimmung geben, damit die Redakteurin Pearl das Lager besuchen kann. Das Lager selbst ist auf keiner Karte verzeichnet, es scheint eigentlich nicht zu existieren: "If you look in the maps, there are no camps. But in reality, they are everywhere." Pearl lässt sich von Ismael zum Camp bringen – ihre Entdeckungsreise einer unbekannten Landschaft beginnt.

Ende des 18. Jahrhunderts in Nordengland: Ein britischer Kartograph „ordnet die Welt in eine Karte“. Aus der Perspektive der europäischen Entdecker und Eroberer und zugleich aus der sicheren Distanz seines Arbeitszimmers blickt er auf den ihm unbekannten, afrikanischen Kontinent und brütet über einer scheinbar unlösbaren Frage: „Warum fließt der Fluss [Niger] nicht gerade, sondern gekrümmt? Warum biegt er ab? (...) Weil eigentlich doch jeder Fluss gen Europa fließt. So lernt es schon ein jedes Kind.“ Die Lösung des geografischen Problems ist für den Briten ein Gebirgsmassiv, das er kurzerhand schlussfolgert und dann als „Kong-Berge“ in den Karten verzeichnet – ohne dieses Gebirge je gesehen oder wahrhaftig „entdeckt“ zu haben. In den nächsten 150 Jahren wird es in beinahe allen Darstellungen des afrikanischen Kontinents auftauchen.

Indem das Hörspiel „Ein Berg, viele“ von Magdalena Schrefel die Geschichte des britischen Geografen James Rennell, der im 18. Jahrhundert das Gebirgsmassiv der „Kong-Berge“ erfand, mit der des westafrikanischen Flüchtlings Ismael verknüpft, dessen Aufenthaltsort und damit auch Existenz von den Europäer*innen weder anerkannt noch geduldet wird, thematisiert es koloniale Deutungshoheit damals wie heute und zeigt darüber hinaus auf, wie stark diese Deutungshoheit noch heute in der europäischen Weltwahrnehmung verhaftet ist: "Every kid in every school in the city I come from learned about the white man who drew la montagne sur la carte. And we learned that his word counted more than our experience", so Ismael.

Besonders auffällig ist hierbei, dass auch Ismaels Geschichte im Hörspiel wieder von einer weißen europäischen Deutungshoheit erzählt und interpretiert, ja sogar als Element eines Hörspiels instrumentalisiert wird. Nachdem die Autorin Pearl aufgrund ihres europäischen Passes schnell aus der Razzia im illegalen Flüchtlingscamp fliehen kann, sitzt sie kurz darauf schon wieder erleichtert im Flieger nach Deutschland. Hier kann sie dann in der Sicherheit des Studios die Geschichte von Ismael erzählen. Natürlich von einem deutschen Sprecher eingesprochen, denn ein deutsches Hörspielpublikum würde keine so langen englischen Aussagen anhören, so die Redakteurin.

Das Hörspiel führt so vor, wie schnell auch ein Hörspielprojekt über koloniale Deutungshoheit sich selbst ad absurdum führen kann, da es sich wieder in ebenjene Erzähltradition einreiht. Die große Leistung von Autorin und Regie (Teresa Fritzi Hoerl) ist aber, mit diesem unvermeidlichen Risiko bewusst umzugehen. Durch eine genau dosierte Überzeichnung von Genre-Klischees, etwa in Bezug auf historisches Erzählen oder auch auf die Meta-Erzählung mit der Redakteurin, stellt das Hörspiel seine eigene Konstruiertheit und damit auch die potenzielle Fragwürdigkeit seiner Konstruktion bewusst aus. Es lädt damit zum Nachdenken über koloniale Verhaltensmuster und Erzähltraditionen ein und lässt den privilegierten, westlichen Hörer ins Zweifeln über die eigene Wahrnehmung kommen. Denn: [E]s geht (...)um die Frage, was es heißt Geschichten zu erzählen, ob Behauptung nicht immer auch die Ausübung von Macht ist.“

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel September 2020 

Laute Nächte

Von Thomas Arzt

  • Regie: Andreas Jungwirth

  • Komposition: Hearts Hearts

  • Redaktion: Kurt Reissnegger

  • Produktion: ORF

  • Länge: 45 ́03‘‘

  • Erstsendung: 29.09.2020

Hörspiel September 2020

Laute Nächte (© Tim Cavadini)

Die Begründung der Jury 

Wir reden wie Fische unter Wasser, die Münder machen Laute wie Blubberblasen, nur dass wir keine Flossen haben, sondern Flügel, die schlagen in voller Freiheit, wie die Vögel.

Das muss man sich erst mal trauen: Ein Hörspiel über Gehörlosigkeit. In dem vom ORF produzierten Stück „Laute Nächte“ sind der Autor Thomas Arzt und der Regisseur Andreas Jungwirth dieses Wagnis eingegangen. Anna ist gehörlos, Martin nicht. Bei ihrer ersten Begegnung spielt das keine Rolle. Denn die findet auf der Tanzfläche in einem Club statt, wo man die Bässe der Musik mit dem ganzen Körper spüren kann – und es zu laut ist, um sich zu unterhalten. Eine klassische, fast prototypische Boy-meets-Girl-Geschichte dient Thomas Arzt als Folie für eine Versuchsanordnung. Wann wird es, nach der ersten, durch stumme Blicke und körperliche Anziehung vermittelten Begegnung, kompliziert? Wann wird sich entscheiden, ob Martin Anna als „behindert“ einschätzt und das Interesse an ihr verliert – oder sich die Möglichkeit für eine echte Beziehung eröffnet?

Die Band Hearts Hearts liefert den atmosphärisch dichten Soundtrack der Clubnächte, der laut oder nahezu komplett gedämpft ist – je nachdem, ob wir gerade Martins oder Annas Perspektive hören. Dies kann und will keine naturalistische Abbildung des Erlebens von Gehörlosen sein, schafft dafür aber eine klare dramaturgische Struktur, die das Gefühl, in getrennten Welten zu leben, erfahrbar macht. Erzählt wird die Geschichte im Wechsel zwischen Martins Dialogen mit seinem ebenfalls hörenden Freund Erik und Annas Dialogen mit ihrer gehörlosen Freundin Kathi. Die Stimmen der beiden Frauen sprechen sozusagen die Untertitel zu ihren Gebärdensprachdialogen.

In formaler Hinsicht besticht das poetische Hörspiel durch seine dramaturgische Stringenz und eine alltagsnahe Sprache, die gleichwohl gerade so stilisiert ist, dass klar wird: Es geht hier nicht um platten Sozialrealismus, sondern um die Reflexion von Erfahrungswelten. Inhaltlich ist die große Leistung des Stücks, dass es nicht nur Hörenden einen Perspektivwechsel in die Situation von Gehörlosen ermöglicht. Die Themen, die Anna im Dialog mit Kathi verhandelt, sind ganz generell für das Verhältnis von Menschen mit und ohne Behinderung relevant, wenn nicht gar noch allgemeiner für das von Mehrheitsgesellschaft und marginalisierten Gruppen. Der zentrale Kunstgriff ist es, diese Geschichte als Liebesgeschichte zu erzählen, wo neben der Spannung zwischen Thema und Medium auch noch alle möglichen Kitsch- und Klischeefallen lauern. Doch auch in diese Fallen tappt das Stück nicht, und genau daraus bezieht es seine stärkste Wirkung. Es verhandelt das Verhältnis von Menschen mit und ohne Behinderung im Kontext einer intimen Beziehung – und damit sieht sich das Publikum hautnah mit der Frage konfrontiert, wie man denn selbst mit einer solchen Situation umgehen würde. Wer würde sich in gesamtgesellschaftlichen Diskursen nicht für Barrierefreiheit und Inklusion stark machen? Aber wie würde man sich im Kontext privater Beziehungen verhalten?

Das Hörspiel wirft solche unbequemen Fragen in formal gelungener Weise auf, und genau deshalb hat es die Jury zum Hörspiel des Monats September 2020 gewählt. Offen bleibt bei aller Empathie des Autors für seine Protagonistinnen die Frage: Wie inkludiert man Gehörlose ins Radiogeschehen? Im Frühjahr plant der ORF eine öffentliche Aufführung des Stücks in der „Radiophonen Werkstatt“ von Regisseur Andreas Jungwirth in der Alten Schmiede in Wien. Dabei wird der Text von Gebärden-Dolmetscher*innen übersetzt. Damit geht der produzierende Sender einen Schritt in die richtige Richtung. Und wirft gleichzeitig weitere wichtige Fragen auf, die zugleich Zukunftsaufgaben in Sachen Inklusion für alle Sendeanstalten sind: Müsste nicht jede Radiosendung in Gebärdensprache übersetzt werden? Oder im Fall von vorproduzierten Formaten wie z.B. Hörspielen als Text-Video mit übertragen werden? Was im Fernsehen längst möglich ist, wäre im Zeitalter des Internet-Radios auch für den Hörfunk technisch kein Problem. Aber auch das muss man sich als Sender erst mal trauen. Der ORF hat einen ersten Schritt getan. Wer geht den nächsten?

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel August 2020 

Keine Ahnung

Von Nele Stuhler

  • Regie: Nele Stuhler

  • Künstlerische Mitarbeit: Lisa Schettel

  • Komposition: Laura Eggert

  • Dramaturgie: Julia Gabel und Johann Mittmann

  • Redaktion: Barbara Gerland

  • Produktion: DLF Kultur

  • Länge: 55 ́36‘‘

  • Erstsendung: 06.08.2020

Hörspiel August 2020

Keine Ahnung (Foto ©Arda Funda)

Die Begründung der Jury 

„Und wie die Welt anders denken, wenn man denkt wie die Welt, wenn man schon immer ein bisschen wird, wie es immer schon war. Sozusagen. Keine Ahnung.“

Kassandra und Sandra, das sind die Protagonistinnen des Hörspiels „Keine Ahnung“. Sie sind auch: zwei entgegengesetzte Denkweisen, Geisteshaltungen und Weltanschauungen. Kassandra ist fürs Verstehen zuständig, Sandra fürs Nicht-Verstehen. Getrieben vom wütenden Wunsch, alles wissen zu wollen, unternehmen die beiden Protagonistinnen den Versuch, die eigene Ahnungslosigkeit nicht als Begrenzung zu sehen, die es zu verstecken gilt, sondern als Grundlage, um der Welt begegnen zu können. „Vorlesungen über das Nichtwissen heißt dieses Unternehmen oder nonepistemische Vorlesungen, also epistemunlogische Vorlesungen sozusagen oder Keine Ahnung-Vorlesungen über die Ahnungslosigkeit.“, so bezeichnet die Erzählerin das wagemutige Experiment. In diesem hinterfragen die beiden Protagonistinnen traditionelle Weltordnungen sowie Formen und Konzepte von Wissensaneignung und -verbreitung. Rasant und mit vielen Wortspielen zerpflücken Sandra und Kassandra den biblischen Schöpfungsmythos, interpretieren die griechische Mythologie neu, führen einen Diskurs über Museumsdidaktik, Autor*innen- und Mutterschaft und stellen am Schluss ein agnostisches Manifest auf. Mit intelligentem Witz schafft es das Hörspiel „Keine Ahnung“, die Balance zwischen Unterhaltung und Erkenntnisstiftung zu wahren.

Das reichhaltige Assoziationsgeflecht berührt eine Vielzahl an Themen, driftet dabei jedoch niemals in die Abstraktion ab, sondern wird durch eine klare Klammer – die des Verstehens bzw. Nicht-Verstehens – zusammengehalten. Bemerkenswert ist, dass Nele Stuhler in den 55 Minuten ihres Hörspiels eine ganz eigene Form feministischer Erkenntniskritik entwickelt. Unter Verwendung literarischer, theoretischer und performativer Ansätze interpretiert und reflektiert das Stück die Themen Wissen und Nicht-Wissen radikal und zeitgemäß aus feministischem Blickwinkel. „Meinen ganzen Feminismus frage ich mich schon, was ich mit dem Steuer mache, wenn ich dran bin“, bemerkt Sandra. Tolle Sprecherinnen – allen voran Sophie Rois als körperlose Museumsstimme – tragen zu der hohen Klangqualität des Hörspiels bei, das immer wieder raffiniert die Möglichkeiten des Mediums auslotet, Fußnoten hörbar macht und Quellen offenlegt. Der Schlussappell, dass sich alle Menschen ihr Nicht-Wissen eingestehen sollten, weil sowieso niemand alles wissen könne, wirkt noch lange nach. Eine kurzweilige, kluge Reflexion über nichts Geringeres als die conditio humana selbst – und über die immerwährende Herausforderung, über ihre Begrenztheit hinauszudenken.

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Juli 2020 

Güldenes Schwester

Von Björn Bicker

  • Realisation: Björn Bicker

  • Komposition: Derya Yildirim

  • Redaktion: Katja Huber

  • Produktion: BR

  • Länge: 52 ́03‘‘

  • Erstsendung: 05.07.2020

Hörspiel Juli 2020

Güldenes Schwester (Foto ©BR)

Die Begründung der Jury 

„Güldens Schwester“, das ist Fatma Inan. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin des gleichnamigen Hörspiels von Björn Bicker ist Lehrerin.

An ihrer Schule wird sie zur Zeugin, wie ein Junge seinen Mitschüler mit einem Messer tötet. Dieses traumatische Erlebnis bildet den Katalysator für Fatmas inneren Monolog, der – herausragend gesprochen von Meriam Abbas – das Zentrum des Hörstücks bildet. Fatmas Nachdenken über das Attentat ihres Schülers wird zur Reflexion über ihr Selbstverständnis als Lehrerin und ihre eigene migrantisch geprägte Biografie. Eine große Rolle nimmt hierbei die Trauer über den viele Jahre zurückliegenden, in der Familie nie wirklich aufgearbeiteten, Unfalltod ihrer Schwester Gülden und die Erinnerung an ihre Mutter ein.

„Diese Frau, die meine Mutter war, die ist 1978, als sie 20 Jahre alt war, vom Schwarzen Meer nach Deutschland gekommen, weil sie hier meinen Vater geheiratet hat. […] Und meine Mutter hat 40 Jahre in Dortmund gelebt und konnte bis zu ihrem Tod im letzten Jahr so gut wie kein Deutsch.“  

Als Lehrerin arbeitet Fatma in einem im Kontext von Migrationsdebatten besonders umkämpften Feld – dem Bildungssystem. Dennoch beruht die Integrität des Stücks gerade darauf, dass sich die Lehrerin nicht auf ihren Beruf und ihre Herkunft reduzieren lässt. Stattdessen entsteht vor den Ohren der Hörer*innen die facettenreich gezeichnete Figur einer Frau mit klaren Überzeugungen, die insbesondere durch ihre Verletzungen und inneren Brüche glaubwürdig ist. Besonders beeindruckt hat die Jury hierbei die im Hörspiel thematisierte Rolle der Sprache und Kommunikation, wie sie Fatma formuliert:

„Meine Mutter hatte keine Ahnung von dem ganzen Zeug, das mich interessiert: Bücher, Popmusik, Kickboxen, Spanisch, Foodblogs, Reisen. Keinen Schimmer! Aber sie hat mich gefragt. […] Und sie hat die Augen geschlossen und einfach zugehört. Das hat alles auf Türkisch stattgefunden. Diese wundervolle, warme, lustige, bewegliche, türkische Sprache, die mir meine Eltern zu Hause beigebracht haben.“

Kenntnisreich und mit viel Empathie räumt Björn Bicker mit einigen der hartnäckigen Klischees auf, die die weiße Mehrheitsgesellschaft zur Abwehr der realen Diversität der deutschen Gesellschaft aufgebaut hat. Dass etwa auch der Grund dafür, dass Fatmas Mutter nicht Deutsch sprach, in den „kolonialen Mustern deutscher Arbeitsmigrationspolitik“ (Kien Nghi Ha) zu finden ist, in der die heute viel beschworene „Integration“ der „Gastarbeiter“ lange Zeit überhaupt nicht erwünscht war, zeigt das Stück sehr eindrücklich auf. Positiv hervorzuheben ist dabei, dass die Besetzungsliste der Produktion ein deutlich höheres Maß an Diversität aufweist, als es sonst in der deutschen Hörspiellandschaft zu beobachten ist. Das Stück wirkt damit selbst als „affirmative action“ gegen die Missstände, die es auf inhaltlicher Ebene kritisiert. Sein Plädoyer für das große Potenzial von Mehrsprachigkeit setzt das Hörspiel auf dramaturgischer Ebene auch dadurch um, dass es mit der erzählten Rede auf Arabisch noch einer weiteren in Deutschland gesprochenen Sprache Raum gibt.

Die Familiengeschichte und die Biografie von Fatma Inan verbinden in einer literarisch prägnanten Sprache private Trauerarbeit mit der Trauer über ein ums andere Mal verpasste gesellschaftliche Chancen – aber auch mit der heilsamen Wut, die der Anstoß zu Veränderungen sein kann. Beispielhaft ist dafür Fatmas – nun nicht mehr nur innerer! – Monolog, mit dem sie auf die Behauptung einer Kollegin reagiert, dass schulische Leistung und Integrationsfähigkeit zentral davon abhingen, dass im Elternhaus Deutsch gesprochen werde. Und angesichts von Björn Bickers breitem Erfahrungshintergrund mit interkulturellen (Theater-) Projekten darf man getrost davon ausgehen, dass dahinter nicht nur fromme Wünsche, sondern die Beispiele von realen Menschen stehen:

„Liebe Marlies, bei uns zu Hause wurde kein Wort Deutsch gesprochen. Und jetzt sitz ich hier und bin deine Kollegin, eure Kollegin und unterrichte Englisch und Deutsch und Politik auf Deutsch. Und warum hat das alles so gut geklappt? Weil meine Mutter mit mir geredet hat. Weil sie mich geliebt hat! Die Sprache spielt dabei keine Rolle. Es ist egal, was die Kinder zu Hause für eine Sprache sprechen. Entscheidend ist, welche Sprache sie in der Schule sprechen. Ich habe Deutsch im Kindergarten gelernt, mit meinen Brüdern, in der Grundschule, überall, nur nicht zu Hause. Türkisch ist meine Muttersprache, Deutsch ist meine Geschäftssprache. Vielleicht denkst du darüber mal nach, bevor du das nächste Mal so einen Blödsinn verzapfst!“

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Juni 2020 

Erinnerungen einer Überflüssigen

Von Lena Christ

  • Bearbeitung und Regie: Stefanie Ramb

  • Komposition: Evi Keglmaier, Greulix Schrank

  • Redaktion: Katarina Agathos

  • Produktion: BR

  • Länge: Teil 1: 51’16, Teil 2: 51 ́47‘‘

  • Erstsendung: 31.05.und 01.06.2020

Hörspiel Juni 2020

Erinnerungen einer Überflüssigen (Foto ©Münchner Stadtbibliothek Monacensia, Atelier Veritas München)

Die Begründung der Jury 

„Das Leben hielt mich fest und suchte mir zu zeigen, dass ich nicht das sei, wofür ich mich so oft gehalten, eine Überflüssige.“

So schreibt die bayerische Schriftstellerin Lena Christ (1881-1920) in ihrem Roman-Debüt „Erinnerungen einer Überflüssigen“ (1912). Mit eindringlicher und direkter Sprache zeichnet sie darin ein Mädchen- und Frauenleben um 1900 im katholischen Bayern auf. Dieses Leben ist geprägt von Gewalt und Armut, denen das Kind und später auch die junge Frau hilflos ausgeliefert ist. Es steht damit im deutlichen Gegensatz zu den schillernden Frauenbiografien der Bohème, hinter denen die Frauenschicksale der Arbeiter*innenschicht und Landbevölkerung oft verblassen oder gar nicht erst zur Sprache kommen. Diese Mädchen- und Frauenschicksale finden nun in der Hörspiel-Neuproduktion „Erinnerungen einer Überflüssigen" eine Stimme.

Die Dramaturgie des Hörspiels vertraut der klaren, plastischen Direktheit von Lena Christs Sprache. Durch den sehr bewussten, nie anbiedernden Einsatz von Mundart und durch die hervorragende Leistung der Sprecher*innen, wie etwa Brigitte Hobmeier als Erzählerin oder Johanna Bittenbinder als Mutter, gelingt es dem Hörspiel, sein Publikum auf akustischem Wege direkt zu erreichen und festzuhalten. Die Geschichte der „Leni“ fasziniert und berührt in ihrer Schlichtheit und Tragik. Schonungslos dokumentiert sie einen Zirkel von Gewalt innerhalb von Familien oder durch Ehepartner, denen viele Kinder und Frauen bis heute ausgeliefert sind. Diese literarische Komponente der Romanvorlage so eindringlich herauszustellen, ist eine große Leistung des Hörspiels.

Hervorgehoben werden soll an dieser Stelle auch die hohe Qualität der Hörspielmusik von Evi Keglmeier und Greulix Schrank. Sie unterstützt den Inhalt des Textes nicht nur atmosphärisch. Durch das Zitieren und Verfremden von volksmusikalischen Elementen vollzieht sie im Medium Musik das, was das Hörspiel auch auf textlicher Ebene tut: die Austreibung jeder Art von Heimeligkeit aus der „Heimatkunst“, auf die das Schaffen von Lena Christ in der Rezeption allzu oft reduziert wurde.

Das Buch endet mit Christs Emanzipation als Schriftstellerin. Nur acht Jahre später, am 30. Juni 1920, nahm sich Lena Christ mit 38 Jahren das Leben. Durch die Hörspiel-Adaption des Bayerischen Rundfunks wird die Biografie der bedeutenden bayerischen Schriftstellerin anlässlich ihres 100. Todestages wieder greifbar und zugänglich. Nicht zuletzt dies macht die Hörspielproduktion „Erinnerungen einer Überflüssigen“ zum Hörspiel des Monats Juni.

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Mai 2020 

The Revolution Will Be Injected

Von Orlando de Boeykens, Tucké Royale, Hans Unstern

  • Regie und Komposition: Orlando de Boeykens, Tucké Royale, Hans Unstern

  • Dramaturgie: Johann Mittmann und Julia Gabel

  • Produktion: DLF Kultur

  • Länge: 55 ́33‘‘

  • Erstsendung: 14.05.2020

Hörspiel Mai 2020

The Revolution Will Be Injected (Foto ©Dorothea Tuch)

Die Begründung der Jury 

„Was für eine Feministin bin ich heute: eine Feministin, abhängig von Testosteron oder ein transgeschlechtlicher Körper von Feminismus abhängig? Ich habe keine Wahl, ich muss meine Klassiker revidieren und meine Theorien diesem Erdbeben des Testosterons aussetzen.“

Orlando de Boeykens, Tucké Royale und Hans Unstern verhandeln in ihrem Hörstück „The Revolution Will Be Injected“ die selbstbestimmte Injektion von Testosteron und die daraufhin langsam einsetzende Transformation von einem weiblichen in einen männlichen Körper. Die Entscheidung zur Einnahme des Hormons führt zu einer umfassenden Erschütterung im Leben der Protagonistinnen: Geschlechterkonzepte, gesellschaftliche Sichtweisen, aber auch die eigene Körperwahrnehmung, Vergangenheit und Identität werden hinterfragt, neu verordnet und definiert. In einer äußerst gelungenen Komposition aus verschiedenen Textsorten wie Packungsbeilagen, persönlichen Erfahrungsberichten, Sachtexten und performativen Elementen begleitet das Hörspiel den Entscheidungsprozess zum Testosteron und führt vor Augen, was eine solche Transformation bedeutet. Eine besondere Leistung der Hörspielproduktion liegt darin, dass die Auswirkungen und Dimensionen der durch Testosteron erzeugten Veränderungen auch für die Hörerinnen nachvollziehbar werden.  Klug und empathisch leistet „The Revolution Will Be Injected“ so einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung über non-binäre Identität und Transgender und damit auch gegen Diskriminierung von Homo-, Bi-, Inter- und Transsexualität. Das macht es zum Hörspiel des Monats Mai!

Die Text- und Soundmontage lässt die Zuhörer*innen in die Gefühlswelt einer Trans-Person eintauchen und berührt dabei ein hochpolitisches und gesellschaftlich relevantes Thema. Durch den Wechsel zwischen deutscher und englischer Sprache, zwischen Sprechtext und Song, findet das Hörspiel auch eine schlüssige Form für den Zustand des „Inbetween“, des Dazwischen-Seins, der die thematische Ebene bestimmt. Sich als non-binär zu identifizieren und in einer binär strukturierten Geschlechterordnung zu bewegen, beinhaltet viele Schwierigkeiten, Diskriminierungserfahrungen und Gefahren. Erst recht, wenn die durch das Testosteron herbeigeführte Veränderung des Phänotyps dazu führt, dass man von der Umwelt zwar als Mann gelesen wird, aber nicht automatisch dem Klischee eines Mannes entsprechen will. Die Packungsbeilage, die vor den Konsequenzen der Einnahme des Hormons für Frauen warnt, da diese bei Doping-Kontrollen positiv getestet werden könnten, ist nur ein Beispiel einer beschränkten Weltsicht, in der die Begriffe von Frau und Mann auf einer chromosomalen Definition beruhen. „Das Labor setzt einen männlichen Nutzer voraus, der auf natürliche Weise nicht ausreichend Androgen produzieren kann und der offenkundig heterosexuell ist", heißt es im Hörspiel.

Mitreißend, klug und witzig erzählt „The Revolution Will Be Injected“ davon, wie es ist, wenn über den Körper eine zweite Pubertät hereinbricht, von der Problematik der Toilettenwahl und gesellschaftlicher Isolation, weil die Community die nicht ungefährliche medizinische Anwendung kritisiert. Neben der Schilderung intensiver körperlicher Erfahrungen eröffnet das Hörspiel u. a. mit Texten bekannter Gendertheoretiker*innen wie Paul B. Preciado einen notwendigen Diskurs über gesellschaftliche Norm und Moral: „Ich verabreiche mir nicht nur das Hormon, das Molekül, sondern ebenso sehr die Idee dieses Hormons: eine Reihe von Zeichen, Texten und Diskursen, den Prozess, durch den das Hormon synthetisiert werden konnte, die technische Sequenz, durch die es sich im Labor materialisiert. Ich injiziere mir eine hydrophob und kristallin karbonisierte Kette von Steroiden und mit ihr ein Stück Geschichte der Moderne“, so Tucké Royal im Stück.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und damit, was diese das eigene Verständnis von Feminismus prägt, verbindet „The Revolution Will Be Injected“ mit dem Werk der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux, zu deren 80. Geburtstag zwei Hörspielproduktionen erscheinen. Für eine davon, „Erinnerung eines Mädchens“, in der Hörspielbearbeitung von Irene Schuck produziert vom Südwestrundfunk, spricht die Jury eine lobende Erwähnung und ausdrückliche Hörempfehlung aus. Ernaux schonungslose Sektion der eigenen Biografie führt auf erschütternde Weise auf, wie gesellschaftliche Rollenmuster unser aller Biografien prägen und beschädigen. Und dass wir zwar vielleicht etwas weiter gekommen sind seit 1958, aber nicht annähernd weit genug.

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel April 2020 

Türken, Feuer

Von Özlem Özgül Dündar

  • Regie: Claudia Johanna Leist

  • Komposition: Schneider TM (Dirk Dresselhaus)

  • Dramaturgie: Gerrit Booms

  • Produktion: WDR

  • Länge: 53'28‘‘

  • Erstsendung: 18.04.2020

Hörspiel April 2020

Türken, Feuer (Foto ©Dincer Gücyeter)

Die Begründung der Jury 

Ein Albtraum made in Germany. Sein Drehbuch lautet: Deutsche töten „Andere“ durch Feuer.

„alles hat eine ganz bestimmte stückzahl und meine füße kennen nur noch diesen einen weg mit dieser einen stückzahl und er führt ins feuer“. So spricht eines der Opfer des rassistischen Brandanschlags von Solingen am 29. Mai 1993, die im Hörspiel „türken, feuer“ von Özlem Özgül Dündar eine Stimme bekommen. Es sind ausschließlich Frauen, die sprechen. In einer Sprache, deren poetische Bilder so dosiert und präzise sind, dass sie das Geschehen mit einem Höchstmaß an erschütternder Intensität vergegenwärtigen.

Ein Albtraum made in Germany. Sein Drehbuch lautet: Deutsche töten „Andere“ durch Feuer. 1992 bildeten Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda den Auftakt einer rassistischen Anschlagsreihe in der Bundesrepublik. Jahrzehntelang nährten sie den für den Westen der Republik so bequemen Mythos, rassistische Gewalt sei vor allem ein ostdeutsches Problem. Nahezu völlig aus der kollektiven Erinnerung verdrängt wurden die ersten rassistisch motivierten Brandanschläge in Westdeutschland, in Mölln 1992 und eben in Solingen 1993.

Es ist ein großes Verdienst dieses Hörstücks, dass es dem Vergessen und der Verdrängung dieser Verbrechen entgegentritt. Es legt damit den Finger in die klaffende Wunde des Totalversagens einer Gesellschaft, die die wirklichen „Alarmzeichen“ einer Entwicklung, die bereits vor drei Jahrzehnten begann, bis heute weitestgehend ignoriert oder mindestens grob verharmlost.

Am 29. Mai 1993 zündeten vier junge vier junge Männer deutscher Abstammung in Solingen ein Haus an, in dem mehrere Familien türkischer Abstammung lebten. Fünf Menschen kamen durch den Brandanschlag ums Leben, darunter die 27-jährige Gürsün Inçe. Sie opferte sich für ihre dreijährige Tochter, indem sie mit ihr aus dem Fenster sprang und so fiel, dass das Kind überlebte. Im Hörspiel des Monats April 2020 lässt die Autorin Özlem Özgül Dündar, selbst 1983 in Solingen geboren, unter anderem diese Mutter zu Wort kommen und schildert das schreckliche Ereignis aus ihrer Perspektive. Diese intensive Innenschau der Gedankenwelt hat für die Betroffene den Effekt, dass sie nicht in der passiven Opferrolle verharrt, sondern zur aktiv Handelnden wird: das Erzählen als Selbstermächtigung gegen Vergessen, Rassismus, aber auch stereotype Geschlechterrollen.

Dem herausragenden Sprecherinnen-Ensemble gelingt es unter der Regie von Claudia Johanna Leist und subtil unterstützt durch die atmosphärische Spannung der Musik von Dirk Dresselhaus, den Toten, den traumatisierten Überlebenden, aber auch der Angehörigen eines mutmaßlichen Täters eine Stimme zu geben. In größtmöglicher Dringlichkeit konfrontiert das Hörspiel sein Publikum damit, wie es den Opfern rassistischer Gewalt ergeht. Anstatt jedoch bei sich selbst zu verharren, treten diese unterschiedlichen weiblichen Stimmen miteinander in Dialog und vollziehen so den Perspektivwechsel, der dieses Stück so herausragend macht:

„ich möchte mit dir sprechen ich möchte mit dir sprechen auch wenn ich keine stimme in diesem stück oder irgendeinem stück bekomme auf die straße will ich gehen und mit dir sprechen in einem raum der nicht hier ist in diesem stück wo alle uns hören ich möchte mich mit dir unterhalten mich mit dir austauschen ich möchte mehr reden mit dir mit menschen um mich herum ich möchte eine stimme haben eine stimme in dieser sprache und ich möchte mich mitteilen können meine gedanken aussprechen in der sprache die du verstehst“

Özlem Özgül Dündar belässt es in ihrem Hörspiel nicht dabei, nur den Opfern und somit auch den Frauen eine Stimme zu verleihen, sondern sie fordert zur Auseinandersetzung auch mit unvereinbaren Positionen auf. Eben dieser Perspektivwechsel ist die Grundvoraussetzung für die Überwindung rassistischer Denk- und Handlungsstrukturen. Wegen seiner großen gesellschaftlichen und politischen Dringlichkeit verbindet sich daher mit der Würdigung von „türken, feuer“ als Hörspiel des Monats nicht nur die dringende Empfehlung, dieses Stück zu hören, sondern auch, es in die Lehrpläne deutscher Schulen aufzunehmen.

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel März 2020 

Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein

Von Benjamin Maack

  • Regie: Iris Drögekamp

  • Komposition: Nikolai von Sallwitz

  • Redaktion: Michael Becker

  • Produktion: NDR

  • Länge: 90'

  • Erstsendung: 04.03.2020

Hörspiel März 2020

Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein (Foto ©NDR/Andreas Rehmann)

Die Begründung der Jury 

Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ schildert schonungslos ehrlich die qualvolle Innensicht einer Depression.

Als er die Psychiatrie betritt, schämt er sich am meisten für seinen großen schwarzen Rollkoffer. „Sollte man nicht in aller Eile, mit einer nachlässig vollgestopften Tasche, und wochenlang nicht gewaschenen Kleidern, ungeduscht und tränenverschmiert in die Klinik kommen?“, fragt sich Benjamin Maack, der Autor und Protagonist des Hörspiels „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“. Er leidet an Depressionen, vor vier Jahren hat er sich schon einmal in dieselbe Klinik einweisen lassen. Maacks Angst davor, den äußeren Erwartungen an einen „richtigen Kranken“ nicht gerecht zu werden, ist so nachvollziehbar wie absurd. In ihr offenbart sich ein großes Tabu unserer leistungsorientierten Gesellschaft, in der es vor allem darum geht, zu funktionieren. Psychische Probleme werden oft nicht als Krankheiten anerkannt. Symptome wie keinen Antrieb zu haben, sind verpönt. Seinen Mitmenschen aufgrund der eigenen Verfassung zur Last zu fallen, ebenso. Selbst die Diagnose Depression schützt den Ich-Erzähler des Hörspiels nicht vor diesem verinnerlichten Leistungsdruck: „Ich bewerbe mich um einen Job als Kranker, obwohl ich weiß, dass ich ihn nicht verdient habe“, heißt es im Hörspiel. Oder: „Ich wünsche mir, ich hätte ein richtiges Problem, aber irgendwie habe ich ein falsches.“ Einprägsame, treffsichere Sätze wie diese weisen auf diesen gesellschaftlichen Missstand hin und machen die eineinhalb Stunden zu einer intensiven, fast schmerzhaften Hörerfahrung.

Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ schildert schonungslos ehrlich die qualvolle Innensicht einer Depression. Der Protagonist berichtet von seinem ihm aussichtslos erscheinenden Leben, dem Aufenthalt in der „Geschlossenen“, den Nebenwirkungen von Psychopharmaka, vom Schreiben als Instrument des Überlebens.

Das von Iris Drögekamp inszenierte Hörspiel schwankt zwischen Momenten tiefster Verzweiflung, Hoffnung und Panik, enthält aber auch viele tragikomische Szenen, wie etwa die, in der Maack in der Klinik „darauf bedacht ist, nicht zu lächeln und keinen Witz zu machen, weil er Angst hat, rauszufliegen. Obwohl fast ausschließlich der Ich-Erzähler spricht, schöpft das Hörspiel seine klanglichen Möglichkeiten umfassend aus und macht die Depression fühl- und hörbar. Das Sounddesign bringt die Hörer/innen direkt in den Kopf und Körper des Protagonisten.

Maacks dichter, poetischer Text ist kein leicht zu konsumierender Stoff. Die Gedanken seines Hörspiel-Ichs kreisen um Selbsthass, Selbstbestrafung und Schuldgefühle, auch Selbstmordgedanken werden unmissverständlich formuliert: „Das Leben wird zu einer Liste von Erledigungen und der letzte Punkt ist der Tod“, sagt der Protagonist an einer Stelle. Sich mit einem so persönlichen Krankheitsbild vor einer breiten Öffentlichkeit zu outen, ist nicht nur mutig, sondern hat auch eine enorme gesellschaftliche Relevanz: Indem das Hörspiel den Umgang mit Depression thematisiert, wirkt es deren gesellschaftlicher Tabuisierung entgegen. Maack knüpft dabei an die literarische Tradition des Schreibens als Therapie und Selbstermächtigung an, indem er seiner Krankheit seinen Text entgegenstellt: „Als es richtig schlimm wurde, habe ich angefangen zu schreiben. Mit einem Kugelschreiber saß ich auf meinem Krankenhausbett und spie in die Kladde, was in meinem Kopf war, was da tobte, die ganzen Splitter, den ganzen Schrecken.“ Dessen hohe poetische Qualität, die intensive (Klang-) Dramaturgie der Inszenierung, die herausragende Sprecherleistung von Stefan Konarske in der Hauptrolle und das hoch brisante Thema machen „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ zum Hörspiel des Monats März 2020. 

Triggerwarnung: Wir möchten darauf hinweisen, dass das Hörspiel suizidale Gedanken thematisiert. Menschen, die an Depressionen leiden oder depressive Episoden haben, können dadurch in der Ansicht bestärkt sehen, dass das Leben wenig Sinn habe. Sollte es Ihnen so ergehen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge oder bitten Sie Ihre Familienmitglieder oder Freunde um Hilfe. Wie auch der Autor selbst zu Beginn des Hörspiels sagt: Niemand muss und kann alleine mit Depressionen fertig werden!

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Februar 2020 

Die weite weite Sofalandschaft

Von Malte Abraham

  • Regie: Malte Abraham

  • Komposition: Sebastian Jurchen

  • Redaktion: Barbara Gerland

  • Produktion: Dlf Kultur

  • Länge: 56'

  • Erstsendung: 05.02.2020

Hörspiel Februar 2020

Die weite weite Sofalandschaft (Foto ©DLF Kultur)

Die Begründung der Jury 

Die Protagonist*innen im Hörspiel „Die weite weite Sofalandschaft“ von Malte Abraham bewegen sich zwischen Arbeit und Urlaub.

„ich habe beim duschen daran gedacht, was zwischen mir und der arbeit liegt,wenn zwischen mir und der arbeit kein weg liegt. ich habe lange nachgedacht. ich habe an nichts gedacht. ich habe an das nichts gedacht, das zwischen mir und der arbeit liegt.“

Die Protagonist*innen im Hörspiel „Die weite weite Sofalandschaft“ von Malte Abraham bewegen sich zwischen Arbeit und Urlaub, wobei ersteres den einzigen Lebensinhalt und Lebenszweck darstellt. Der Ort der Arbeit ist sowohl das Büro als auch das zum „Homeoffice“ umfunktionierte Zuhause. Hierbei verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen privatem und beruflichem Raum wie auch privater und beruflicher Identität, so dass diese letztendlich nicht mehr zu unterscheiden sind und der Protagonist Arno Zilla die Badewanne als seinen letzten privaten Rückzugsort wählt. Seit zwei Wochen liegt er darin, weil hinter der Badezimmertür das Homeoffice lauert.

„von der entgrenzten arbeit in den grenzenlosen urlaub“

Ebenso dystopisch und identitätslos wie der Arbeitsplatz ist auch der Urlaubsort, der weder Stadt noch Land, sondern lediglich ideal temperierte Erholungskulisse mit konstanter und reservierungspflichtiger Meeres-Brandung ist. Kein Wunder also, dass da der patente Geschäftsmann Tom Tropick den Urlaubsort inklusive Sandstrands,

Pazifischem Ozean und konstantem Klima einfach mal in eine große Halle verlagert. Dass es sich bei dieser Halle um das ehemalige Büro des insolvent gegangenen TROPICK Reisebüros handelt und draußen auf dem Meer die ehemaligen Angestellten an Schreibtischplatten geklammert ertrinken, ist nur eine von vielen absurden Details dieser literarisch wie dramaturgisch hervorragend komponierten Radio-Groteske.

Was wie ein abstruser Alptraum anmutet, ist unserer Realität so nah, dass sich beim Hören ein zunehmendes Unbehagen einstellt. Indem die Protagonist*innen des Hörspiels vorführen, wie egozentrisch und zugleich gefangen das westliche Individuum ist, schafft „Die weite weite Sofalandschaft“ ein Plädoyer gegen unser kapitalistisches Wirtschafts- und Wertesystem, das Sinnhaftigkeit und Anerkennung einzig an Erwerbsarbeit koppelt. Auf subtile Weise stellt das Hörspiel dabei einen überraschenden und erhellenden Zusammenhang mit der Klimakrise her: Je überarbeiteter die Gesellschaft, desto dringender ihr Bedürfnis, durch möglichst weite Flugreisen wenigstens kurz der entgrenzten Arbeit zu entgehen.

Das Hörspiel „Die weite weite Sofalandschaft“ öffnet hierbei Räume, die nur innerhalb der Gattung erzeugt werden können – etwa, wenn das Rauschen in der Telefonleitung plötzlich das Rauschen des Ozeans wird – und schöpft so gekonnt die Potenziale der Gattung Hörspiel aus. Das gilt für die Telefonwarteschleife, in der sich die Zuhörer*innen selbst befinden, ebenso wie für den leitmotivischen Einsatz verschiedenartigster Wassergeräusche.

 „wenn das die zukunft ist, werde ich mir sagen, dann will ich daran nicht teilnehmen.“

 In der Gegenwart des Februar 2020 jedoch trägt „Die weite weite Sofalandschaft“ auf hohem literarischem und klangdramaturgischem Niveau einen Beitrag dazu, dass diese Zukunft nicht eintritt. Deshalb spricht ihm die Jury den Titel des Hörspiels des Monats Februar 2020 zu.

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Januar 2020 

Die Toten haben zu tun - اﻟﻣوﺗﻰ ﻣﺷﻐوﻟون

Von Mudar Alhaggi und Wael Kadour,
aus dem Arabischen von Larissa Bender

  • Regie: Erik Altorfer

  • Komposition: Martin Schütz

  • Redaktion: Sabine Küchler

  • Produktion: Dlf

  • Länge: 82'15‘‘ (Zweiteilige Version: Teil 1: 42’33, Teil 2: 41’24)

  • Erstsendung: 18.01.2020

Hörspiel Januar 2020

Die Toten haben zu tun (Foto ©Foto DLF)

Die Begründung der Jury 

„Versuch kein Held zu sein, wenn du schwach bist!“ Das ist nur einer der vielen klugen Sätze, die einem aus dem Hörspiel „Die Toten haben zu tun اﻟﻣوﺗﻰ ﻣﺷﻐوﻟون" von Mudar Alhaggi und Wael Kadour im Gedächtnis bleiben.

Das Hörspiel des Monats Januar 2020 verbindet ästhetische Qualität und gesellschaftliche Relevanz auf einem beeindruckend hohen Niveau. Solche multiperspektivischen Stücke basierend auf Erfahrungen möchte man hören!  Das vom Deutschlandfunk produzierte Originalhörspiel, das von Larissa Bender aus dem Arabischen übersetzt wurde, lässt diejenigen selbst zu Wort kommen, die in Deutschland und Europa derzeit meist nur Objekt von Debatten sind: Wie ihr Protagonist Taha leben auch die beiden aus Syrien stammenden Autoren in Berlin und Paris im politischen Exil. Eindringlich und sehr sensibel erzählen sie in ihrem Hörspiel die Geschichte der besonderen Freundschaft zwischen dem Syrer Taha und der Deutschen Mira. Hierbei tritt Mira zunächst als die vermeintlich Starke auf, die dem auf den ersten Blick hilflos erscheinenden Flüchtling hilft. Die Freundschaft entwickelt sich jedoch zunehmend zu einer Beziehung auf Augenhöhe und die anfängliche Rollenverteilung stellt sich als trügerisch heraus.

Taha spricht über die politische Repression in seinem Herkunftsland und seine Trauer über das Scheitern des demokratischen Aufbruchs in der arabischen Welt, an dem er aktiv beteiligt war. Dadurch tritt der Protagonist aus der Rolle des Opfers heraus und begegnet uns als handelndes Subjekt. Beeindruckend ist auch Tahas bei aller Melancholie entwaffnend ironischer Umgang mit der Exilsituation: Er berichtet davon, dass er seine Zeit zwischen Behördengängen und Trauern aufteilen muss, „so dass ich weder aktiv noch depressiv sein konnte ... Ich wurde ein Flüchtling.“ Das Hörspiel thematisiert jedoch nicht nur die Traumata der Überlebenden und deren Schuldgefühle gegenüber den Toten, es hinterfragt auch feinsinnig die Kategorien von Heldentum und Feigheit, Stärke und Schwäche – um nur einige der anspruchsvollen Diskurse zu nennen, die das Stück aufmacht.

Um die traurige und sehr emotionale Geschichte von Taha und Mira zu erzählen, verweben die Autoren Mudar Alhaggi und Wael Kadour unterschiedliche stilistische Formen von Reportage über Tagebuchnotizen bis hin zum Puppentheater, das Taha im libanesischen Flüchtlingslager spielte und aus dem sich im Stück eine „Geschichte in der Geschichte“ ergibt. Dies ist nur ein wunderbares Beispiel für die formalen Qualitäten, die den Text und seine Inszenierung insgesamt auszeichnen. Mit den Sprechern Rami Khalaf, Yvon Jansen und Sebastian Rudolph und unter der Regie von Erik Altorfer entfaltet sich das Stück auf hohem sprecherischem Niveau. Hier ist besonders hervorzuheben, dass auch der arabische Originaltext im Stück hörbar wird. Dies ist ein besonders gelungener Regie-Einfall, da er den im Stück angelegten Perspektivwechsel unterstützt: Für kurze Momente während dieses Hörspiels befindet sich zur Abwechslung einmal das deutschsprachige Radiopublikum in der Situation der Fremdheit und Desorientierung, die für Menschen auf der Flucht zum Alltag gehört. Durch den genau dosierten Einsatz von Stimm-Effekten für jede Szene eröffnet die Regie zudem einen neuen imaginären Raum. Das ermöglicht eine sinnliche Hörerfahrung, ohne in forcierten Realismus zu verfallen. Der leitmotivische Einsatz der von Martin Schütz komponierten Originalmusik sowie die beherzte Verwendung der Stereofonie stellt die Zerrissenheit der Figuren auf plausible, aber dennoch unaufdringliche Weise heraus.

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

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