Deutsche Akademie der Darstellenden Künste

Hörspiel des Monats/Jahres

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Aktuelles  Hörspiel des Monats September

Das große Heft
von Ágota Kristóf

  • Bearbeitung und Regie: Erik Altorfer

  • Komposition: Martin Schütz

  • Redaktion: Sabine Küchler

  • Mit: Libgart Schwarz, Kristof Van Boven

  • Produktion: DLF / HR / SRF

  • ESD: 18.09.2021

  • Länge: 1h 53'11‘‘

Das große Heft Hörprobe

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zum Hörspiel, zur Audiothek des DLF

Libgart Schwarz
Foto Oscar Alessio / SRF

Begründung der Jury

„Beunruhigend“, „Großartig“, „Stark“: So lauteten die ersten Kommentare der Jury zu dieser Hörspieladaption von Ágota Kristófs Romanbestseller „Das große Heft“. Natürlich bietet ein starker Ausgangstext eine gute Grundlage für eine gelungene akustische Umsetzung. Erik Altorfer hat es aber geschafft, gemeinsam mit dem Komponisten Martin Schütz eine atmosphärische Dichte zu kreieren, die das Werk über den Text hinaus zu einem beeindruckenden Hörerlebnis macht.

Zwei Brüder werden zu Kriegsbeginn der Obhut der Großmutter übergeben. Es sind Zwillinge deren Stimmen im Hörspiel von Libgart Schwarz und Kristof Van Boven gesprochen werden. Sie erzählen in schonungsloser Genauigkeit und im sachlichen Ton von der Gefühlskälte, Verarmung und Gewalt, der sie von nun an ausgesetzt sind. Die beiden Geschwister beginnen sich an diese Umgebung anzupassen. Sie versuchen sich mental und körperlich abzuhärten, unterrichten sich selbst und legen ein Heft mit allen Erlebnissen an. Für ihr Überleben werden sie zu Dieben, Bettlern, Rächern und Mördern. Lernen aber auch anderen zu helfen und nach eigenen Moralvorstellungen zu handeln.

Kristófs unverwechselbarer Schreibstil bleibt im Hörspiel erhalten. Kurze Sätze in einfacher Sprache und größter Direktheit entfalten gemeinsam mit einer klaren Musiksprache einen vielschichtigen Hörraum. Die ruhigen Melodien drängen sich nie vor die beklemmenden Zustandsbeschreibungen einer verrohten Gesellschaft, bleiben jedoch immer präsent und geben den Rhythmus des Stücks vor. Es sind aber vor allem die beiden Stimmen von Schwarz und Van Boven von denen man unweigerlich gefangen wird. Die eindringlichen Berichte in direkter und indirekter Rede, im Duett gesprochene Sätze und Satzwiederholungen wechseln sich mit kunstvoll gesetzten Pausen ab. Besonders diese Momente der Stille verleihen der Brutalität des Gesagten noch mehr Nachdruck. Auch die formale Strenge der Originalvorlage bleibt im Hörspiel erhalten, der dramaturgisch gut strukturierte Text greift kein Wort zu viel und kein Bild zu wenig aus Kristófs Roman heraus.
Mit der Hörspielfassung von „Das große Heft“ ist eine perfekte Komposition aus Sprache, Stimmen, Stille und Musik gelungen.

Lobende Erwähnung

Eine lobende Erwähnung geht an die so lautmalerische wie mitreißende Soundcollage „Selbstbeschreibung“ von Oliver Augst und Michael Riedel (Autorenproduktion im Auftrag des HR). Ein Klangabenteuer voller Witz, Charme und Rhythmus.

About 

Seit 1977 werden die Hörspiele des Monats von einer dreiköpfigen Jury gewählt. Die Jury wird von den Sendern gemeinsam mit der Akademie bestimmt.

In den Wettbewerb kommen die von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten monatlich vorgeschlagenen Ursendungen. Die Jury hört und beurteilt die eingereichten Hörspiele und wählt das interessanteste / bemerkenswerteste Hörspiel des Monats. Die Wahl wird der Presse zur Veröffentlichung bekanntgegeben.

Aus den zwölf ausgewählten Hörspielen wird seit 1987 das "Hörspiel des Jahres" gewählt und in einer öffentlichen Veranstaltung in Frankfurt am Main vorgestellt.

Das neuste Hörspiel finden Sie unter „Aktuelles“. Die Hörspiele aus dem Jahr 2020 befinden sich im „Archiv“. Alle weiteren zurückliegenden Jahre werden nach und nach eingebracht ins Archiv.

Jury und gastgebender Sender 2021

Margarete Affenzeller, Kulturjournalistin, Wien
Christine Ehardt, Film- und Medienwissenschaftlerin, Wien
Florian Kmet, Komponist und Musiker, Wien

Gastgebender Sender: Österreichischer Rundfunk

Seismographie des Hörspiels. 40 Jahre Hörspiel des Monats 1977-2017. 30 Jahre Hörspiel des Jahres 1987-2017

Das Buch zum Hörspiel des Monats / Jahres

Ein Jubiläum wird gefeiert!
40 Jahre Hörspiel des Monats, 30 Jahre Hörspiel des Jahres

Im April 1977 wurde von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste die Initiative »Hörspiel des Monats« ins Leben gerufen. 1987 kam das »Hörspiel des Jahres« hinzu.
Die umfangreiche Publikation versammelt das Who is Who der deutschen Hörspielschaffenden, die Einblicke geben in ihr Schaffen, ihr Verständnis von Radiokunst und dem Medium Radio ganz grundsätzlich ihre Begeisterung aussprechen.

Mehrere hundert Produktionen wurden in den vergangenen Jahrzehnten ausgezeichnet, von jährlich wechselnden Jurys, die sich aus Publizist/innen und Kritiker/innen zusammensetzten. Das Prinzip des kontinuierlichen Wechsels sorgte für ständige, häufig kontrovers, aber immer produktiv geführte Diskussionen zur Qualität von Stücken, zu den Kriterien der Beurteilung künstlerischer Radio-Produktion und auch zu den Entscheidungen der Jury.

Christoph Buggert, selbst Autor und Mitglied des Präsidiums der Akademie, der das Hörspiel als »eine der lebendigsten, phantasievollsten und formal variantenreichsten Kunstgattungen der Gegenwart« bezeichnet hat, lud Autor/ innen, Komponist/innen, Regisseur/innen, Dramaturg/innen und Publizist/innen ein, für diese Hörspiel-Publikation der Akademie Beiträge zu verfassen: Gedankensplitter, Kurz-Essays, Kommentare, Erinnerungsfetzen, Fußnoten, Polemiken und Miszellen zum Zustand und den Perspektiven der Radiokunst.

So entstand diese »Seismographie des Hörspiels«, die zu einer vielstimmigen Momentaufnahme des Genres wurde und einen eindringlichen Blick wirft auf Situation und Entwicklungsmöglichkeiten jener Kunstform, die das Medium Radio originär hervorgebracht hat.

Mit Beiträgen von
Walter Adler, Katarina Agathos, Regine Ahrem, Andreas Ammer / FM Einheit, Alfred Behrens, Katharina Bihler / Stefan Scheib, Karl-Heinz Bölling, Hermann Bohlen, Karlheinz Braun, Karl Bruckmaier, Christoph Buggert, Klaus Buhlert, Angela di Ciriaco-Sussdorff, Lucas Derycke, Christian Deutschmann, FALKNER, Michael Farin, Stefan Fischer, Thomas Fritz, hartmut geerken, Ulrich Gerhardt, Heiner Goebbels, Kai Grehn, Christine Grimm, Helgard Haug / Daniel Wetzel (Rimini Protokoll), Manfred Hess, Christian Hörburger, Stefanie Hoster, Schorsch Kamerun, Uwe Kammann, Herbert Kapfer, Frank Kaspar, Friedrich Knilli, Helmut Kopetzky, Leonhard Koppelmann, Hermann Kretzschmar, Hans Gerd Krogmann, Hans-Jürgen Krug, Felix Kubin, Sabine Küchler, Anette Kührmeyer, ulrich lampen, Eva-Maria Lenz, Christoph Lindenmeyer, David Zane Mairowitz, Thomas Meinecke, Jochen Meißner, Michaela Melián, Franz Mon, Wolfgang Müller, Martina Müller-Wallraf, Götz Naleppa, Frank Olbert, Elisabeth Panknin, Tom Peuckert, Milo Rau, Thilo Reffert, Holger Rink, Kathrin Röggla, Diemut Roether, Ursula Ruppel, Norbert Schaeffer, Eran Schaerf, Wolfgang Schiffer, Burkhard Schlichting, Raoul Schrott, Nathalie Singer, Tim Staffel, Michael Stauffer, Oliver Sturm, Matthias Thalheim, Ulrike Toma, Lothar Trolle, Wolfram Wessels, Rafik Will, wittmann/zeitblom, Frank Witzel

Seismographie des Hörspiels
40 Jahre Hörspiel des Monats 1977–2017
30 Jahre Hörspiel des Jahres 1987–2017

Hrsg.: Christoph Buggert, Deutsche Akademie der Darstellenden Künste
380 Seiten, broschiert, 19 Abb.
erschienen im November 2017
belleville Verlag Michael Farin
ISBN 978-3-946875-21-5
€ 32,00

zu beziehen beim belleville Verlag, bei der Akademie und über den Buchhandel

Wie das "Hörspiel des Monats" entstand

Christoph Buggert (Hörspielautor und Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste) im Gespräch mit Michael Farin, BR 2017, 12 min.

Seismographie des Hörspiels: Dreißig Jahre "Hörspiel des Jahres"

Eine vielstimmige Sendung, die die Möglichkeiten und Entwicklungen des Genres Hörspiel auslotet. Zusammenstellung und Realisation: Michael Farin, BR 2017, 53 min.

Archiv

Vergangene Hörspiele des Monats/Jahres

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Hörspiel des Monats August 

Die Arbeit an der Rolle - Ein musikalisches Hörspiel
von Noam Brusilovsky und Lucia Lucas

  • Regie: Noam Brusilovsky

  • Redaktion und Dramaturgie: Andrea Oetzmann

  • Mit: Heldenbaritonistin Lucia Lucas, begleitet von Alessandro Praticò am Klavier, Mechthild Großmann, Vassilissa Reznikoff, Benjamin Lee und James Edgar Knight

  • Produktion: SWR2

  • ESD: 15.08.2021

  • Länge: 52'07‘‘

Die Arbeit an der Rolle Hörprobe

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zum Hörspiel, zur Audiothek des SWR 

Lucia Lucas
Foto © SWR/Björn Pados

Begründung der Jury 

Singen lernen bedeutet, die eigene Stimme kennenzulernen. Ist die Tonlage hell oder dunkel, weiblich oder männlich? Wie sehr ist eine Stimme geschlechtlich konnotiert? Mit diesen Fragen haben sich Theater- und Hörspielregisseur Noam Brusilovsky und Sängerin Lucia Lucas beschäftigt und ein vielschichtiges Hörspiel entwickelt, das rund um Mozarts Oper „Don Giovanni“ mit echten Überraschungsmomenten aufwartet. In „Die Arbeit an der Rolle“ beschreibt Lucia Lucas die Ausbildung ihrer eigenen Stimmlage sowie ihren beruflichen Werdegang, der sie 2009 von Oklahoma nach Deutschland an verschiedene Opernhäuser führte. Allerdings hört man dies alles eine männliche Stimme erzählen. Warum? Lucia Lucas singt auch nicht die Rolle der Donna Anna, sondern die des Titelhelden Don Giovanni, den Prototypen des männlichen Verführers. Wie sehr sich vorgefertigte akustische Bilder beim Hören manifestieren, wird erst klar, als sich Lucas als Transgendersängerin vorstellt, ein weiblicher Bariton, der ungeachtet ihrer geschlechtlichen Identität eine klassische Männerstimmlage beherrscht und praktiziert. Dieser spannende Aspekt aktueller Identitätsdiskurse ist Kern eines raffiniert gebauten Hörspiels, das sich atmosphärisch und szenisch herleitet aus E.T.A. Hoffmanns Novelle „Don Juan“, in dem sich ein auf Reisen befindlicher Opernliebhaber im Hotel auf seinen „Don Giovanni“-Besuch vorbereitet. Dieses historische Setting voller Vorfreude auf das Hörvergnügen wird immer wieder verschnitten mit der Gegenwart: mit Lucas‘ Erzählung, mit Reflexionen von Gesangslehrerinnen und internationalen Musikerinnen. Im Sprachengewirr bildet sich nicht nur eine Vielfalt an charaktervollen Sprechstimmen ab, sondern mischen sich auch übende Gesangsstimmen darunter und plötzlich auch ein Computerspiel-Sound, der das Spiel „World of Warcraft“ und dessen Zusammenbauen individueller Heldenfiguren analog zu Lucas‘ Identitätsfindung im realen Leben lesbar macht. Man könnte sie eine „Heldenbaritonistin“ nennen. Ein Kritiker bezeichnete sie als „Baritonesse“. Das Hörspiel besticht nicht nur durch seine spannend entschlüsselte Dramaturgie und eine sonst wenig beachtete Thematik, sondern hält ausgehend von Lucas‘ „Don Giovanni“ auch viel Wissen über klassische Stimmausbildung und Gesangspraxis bereit. Die einigermaßen eng definierten Rollenfächer (der Heldenbariton eignet sich beispielsweise für die Figuren böser Väter oder beleidigter Liebhaber) sind ein ideales Anschauungsfeld bzw. Hör-Feld, um Identitätsschablonen zu diskutieren und aufzubrechen.

Hörspiel des Monats Juli 

Dankbarkeiten
nach dem gleichnamigen Roman von Delphine de Vigan

  • Bearbeitung und Regie: Irene Schuck

  • Redaktion und Dramaturgie: Andrea Oetzmann

  • Mit: Jenny König, Hedi Kriegeskotte, Nico Holonics, Nadine Kettler, Lisa Wildmann

  • Produktion: SWR

  • ESD: 12.07.21

  • Länge: 79'19‘‘

Dankbarkeiten Hörprobe

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Hedi Kriegeskotte
Foto Christian Koch / SWR

zum Hörspiel, zur Audiothek des SWR 

Begründung der Jury

„Sagen Sie ihr, dass ich sie nicht stöbern will.“ Michka ist eine ältere Dame, die langsam ihre Sprache verliert. Der Verlust macht ihr Angst. Hedi Kriegeskotte, die berührende, großartige Sprecherin der Figur, schleust ihre Dysfunktionalitäten fast unmerklich ein. Es ist, als ob man gemeinsam eine neue Sprache lernen würde. Marie, Michkas frühere Nachbarin, ist für sie wie ihre Enkeltochter, die sie auf ihrem Weg begleitet. Als Michka nicht mehr alleine leben kann und ins Seniorenheim umzieht, trifft sie dort auf Jérôme, einen jungen Logopäden, der sich gerne und empathisch mit ihr auseinandersetzt und anfreundet. Er übt mit ihr und hilft ihr dabei, ein Ehepaar zu finden, das ihr in jungen Jahren das Leben gerettet hat. 

Den schleichenden Zerfallsprozess der Sprache in den Mittelpunkt eines Hörspieles zu stellen ist ein bestechend gutes Thema. Besonders, wenn er so subtil und schlicht dargestellt wird, dass man sich beim Zuhören manchmal fragt, ob man sich jetzt verhört hat oder kurz unaufmerksam war. „Es hat sich in Muff aufgelöst“ sagt MischkaBeiläufig entwickeln sich neue Beziehungen zwischen den allesamt spannenden Figuren. Dabei jongliert Regisseurin Irene Schuck subtil und warm mit den Ängsten, Sehnsüchten, Limitationen und Ideen der Protagonisten. Feine musikalische Klänge und Strukturen kommen und gehen, ohne sich aufzudrängen.

Dem Ende wohnt ein Anfang inne, der neugierig macht auf den weiteren Verlauf.

Hörspiel des Monats Juni 

Flüstern in stehenden Zügen

nach dem gleichnamigen Theaterstück von Clemens J. Setz

  • Bearbeitung und Regie: Philip Scheiner

  • Komposition: Stefan Martin Weber, Grilli Pollheimer

  • Mit: Raphael Muff (C), Evamaria Salcher (Kundin), Franz Solar (Techniker)

  • Redaktion: Elisabeth Zimmermann, Kurt Reissnegger

  • Produktion: ORF (Kooperation von Österreich1 mit dem Schauspielhaus Graz und dem Landesstudio Steiermark)

  • ESD: 13.06.21

  • Länge: 54'19‘‘

Flüstern in stehenden Zügen Hörprobe

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Aus Gründen des Urheberrechts können wir in diesem Fall keinen Link zum ORF zum Nachhören bzw. Download des Hörspiels anbieten.

Raphael Muff (C)
Foto Jakob Fessler / ORF/Ö1

Begründung der Jury

„Hallo, mein Name ist Riese, ich möchte Ihnen bitte all mein Geld überweisen. Wie mach ich das?“

Der Horror jedes Konsumentenschutzverbandes wird hier zur nächtlichen Beschäftigungstherapie für den Computerladenmitarbeiter „C.“. Raphael Muff als einsamer Protagonist dieses eindringlichen Audiomonologs durchwühlt seinen Spamordner auf der Suche nach der nächsten Abzockermail. Mit schwerer Zunge geht er mit seinen betrügerischen Gesprächspartner*innen auf Tuchfühlung, gewitzt versucht er menschliche Regungen beim stummen Gegenüber zu provozieren und erfindet sich dabei von Telefonat zu Telefonat neu.

In Philip Scheiners Bearbeitung des gleichnamigen Theaterstücks von Clemens J. Setz werden die kurzen Gesprächspassagen zu aufgeheizten Klangwüsten. Den Dialog bleibt er schuldig, denn die Antworten auf C.s Gesprächsbemühungen sind nicht zu hören. Gerade das macht das Radiostück zum emotionalen Hörspielabenteuer. Das Zuhören wird zur Achterbahnfahrt der Gefühle: Ekel, Mitgefühl, Unverständnis, Schadenfreude wechseln sich genauso schnell ab wie die Namen der kontaktierten Callcentermitarbeiter*innen.

Sie tun einem fast schon leid, die Ulrichs, Arthurs, Bobs, Angelikas und Gerds da auf der anderen Seite der Telefonleitung. C. lässt nicht locker, zählt gefakte Passwörter auf, wiederholt geduldig falsche Kundennummern und erzählt nebenbei von seiner Schwester Dora, die leider vom Bora-Wind in Triest davongeweht wurde, von seinen neuen Boxhandschuhen mit den klingenden Namen „Billy und Scott“ und von weiteren tragischen Schicksalsschlägen seiner erfundenen Verwandtschaft.

Der dramaturgisch fein gewebte Text mit seinen raumgreifenden Pausen hat die Jury sofort in den Bann gezogen. Zusammen mit der nuancenreichen Stimme Raphael Muffs entfaltet die sphärische Klangkomposition aus metallischen Sounds ein wunderbares akustisches Kammerspiel. Muffs Stimme changiert zwischen Zärtlichkeit, unverhohlener Aggressivität und unendlicher Traurigkeit. Dahinter steht eine dichte Klangkulisse voller mysteriöser Geräusche, die durch die Leitungen vibrieren. Grilli Pollheimers Originalmusik fürs Theaterstück akzentuiert gemeinsam mit den Sounds von Stefan Martin Weber das Gesprochene.

Und plötzlich, nach all den ins Leere gesprochenen Dialogen, gibt es Antworten. Der Arbeitskollege (Franz Solar) lässt sich zur Mittagsjause einladen und die Kundin aus dem Computerladen (Evamaria Salcher) zeigt echtes Interesse an C.s Flirtversuchen. Das weckt berechtigte Hoffnung auf ein Happy End.

 

Hörspiel des Monats Mai 2021 

Hier ist noch alles möglich

von Gianna Molinari

  • Bearbeitung: Stephan Heilmann und Julia Glaus

  • Regie: Julia Glaus

  • Komposition: Fatima Dunn

  • Mit: Henni Jörissen (Ich), Michael Neuenschwander (Chef), Sven Schelker (Clemens), Thomas Douglas (Koch), Bodo Krumwiede (Lose), Inga Eickemeier (Erika)

  • Produktion: SRF

  • ESD: 08.05.21 Teil 1, 15.05.21 Teil 2

  • Länge: 50'11‘‘ Teil 1, 49'13‘‘ Teil 2

Hier ist noch alles möglich Hörprobe

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Henni Jörissen (Ich) und Sven Schelker (Clemens)
Foto SRF/Oscar Alessio

zum Hörspiel, zur Audiothek des SRF 

Die Begründung der Jury 

Eine Kartonfabrik, alleine auf weiter Flur. Fast leer. Die Erzählerin beginnt hier mit ihrer Arbeit als Nachtwächterin. Worauf sie aufpassen soll? Nicht einmal ihr Chef scheint das genau zu wissen. Und dann der Wolf. Auch er kommt in der Nacht und dringt in neue Gebiete vor. Früher waren hier die Tische in der Kantine noch voll. Früher gab es auch keine Wölfe. Und dann fällt etwas vom Himmel. Spannend und rätselhaft breitet sich dieses kunstvolle Hörspiel vor uns aus. Richtung und Ausgang bleiben offen.

Die Erzählerin, eine Frau unter lauter Männern. Sie begegnet dem Koch, dem Chef und ihrem Kollegen an diesem geheimnisvollen Ort auf Augenhöhe. Der Wolf, der sich nie wirklich in Fleisch und Blut manifestiert, und doch ständig präsent bleibt. Die einen wollen ihn jagen, die anderen wollen ihn schützen. Und dann ein ungeklärter Unfall bei dem ein Mensch aus dem Flugzeugfahrwerk in die Tiefe stürzt.

Viel Raum für eigene Bilder. Durch die ruhige, nuancierte Stimme der Erzählerin und den offenen Ausgang zieht sie uns in ihren Bann. Es weben sich Ebenen aus Fabrikhallengeräuschen, akustischen Instrumenten und Field Recordings leicht in die Erzählung ein. Fatima Dunn hat eine subtile und berührende Klangkomposition in Szene gesetzt.

Kunstvoll, geschmeidig, unvorhersehbar, spannend und poetisch-musikalisch entspinnt sich die Adaptierung des preisgekrönten Romandebüts von Gianna Molinari in der Bearbeitung von Stephan Heilmann.

Lobende Erwähnung 

Eine lobende Erwähnung geht an „Briefe aus der Hölle“  von Andreas Weiser  (HR).
Das Hörspiel entfaltet eine große Kraft und Direktheit. In seiner erschütternden Klarheit bringt es neue tiefe, sehr persönliche Einblicke und trifft mitten ins Herz, mitten ins Gefühl.

Hörspiel des Monats April 

Feuersturm

Von David Paquet

  • Übersetzung aus dem kandischen Französisch: Frank Weigand

  • Regie: Anouschka Trocker

  • Dramaturgie: Anette Kührmeyer

  • Produktion: SR/DLF Kultur

  • ESD: 11.04.

  • Länge: 61'33‘‘

Feuersturm Hörprobe

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Hörspiel April 2021

David Paquet (Foto Julie Artacho)

Die Begründung der Jury 

Selten zieht das Zuhören so in den Bann wie im Fall von „Feuersturm“ des kanadischen Autors David Paquet. Was geht hier vor sich? Kann man es denn wirklich glauben? Wie ein modernes böses Märchen, in dem sich in einer x-beliebigen Familie eine Verwünschung festgebissen hat, rollt das Hörspiel gewitzt und zügig die Verderben bringenden Verhältnisse dreier Generationen aus.

Schlimmste Dinge geschehen, ein Vater hat sich umgebracht, ein Kind löscht seine Familie aus, ein anderes Kind wird weggelegt (bzw. verschickt!). Und doch greift hier nicht die große Tragik Fuß – dafür bleibt gar keine Zeit -, sondern der Schalk einer leichthändigen, schwarzhumorigen Erzählung, der sich in knappen Dialogen weit über den fatalen Inhalt erhebt.

In drei Teilen entfaltet sich, dramaturgisch höchst raffiniert, ein mysteriöser Abstammungs- und Sippenhaftungsthriller, in dem wahrlich nichts Erwartbares passiert. Und dennoch sind es die ganz banalen Dinge, die es in sich haben: Kekse backen, ins Kino gehen, Haustiere halten. Es fällt kein Wort zu viel. Ein vokaler Purismus und eine heutzutage ungewöhnliche, aber wirkmächtige auditive Schlankheit - Dialoge, Selbstgespräche, Telefonate, Musik – würdigen zudem eine Sprache, die alles Abgegriffene ausspart und die den Ereignissen in präziser Schärfe folgt.

Ausgehend von den Drillingen Claudine, Claudie, Claudette und weiter über Clement und Carole bis hin zu Caroline und ihrer lebensgefährlichen Libido zieht sich eine unergründliche Spur der Vorbestimmung, die das Motiv der Unentrinnbarkeit auf vergnügliche Weise durchspielt. Trotz eines großen Erzählbogens über mehrere Generationen findet sich in diesem phantastischen Hörspiel Platz für aussagekräftige, intensive Momente einzelner Figuren, die man so schnell nicht wieder vergisst. Das alles zusammen ist ein Kunststück, wenn nicht ein Zauberwerk. Und ein überaus gelungenes Beispiel einer verdichteten Fabulierkunst.

Hörspiel März 2021 

Sirenwebclient.exe

Von Christine Nagel

  • Regie: Christine Nagel

  • Komposition/Sprachaufnahmen: Peter Ehwald

  • Gesang: Lauren Newton

  • Dramaturgie: Michael Becker

  • Produktion: NDR/DLF gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa

  • ESD: 10.03.

  • Länge: 54‘30‘‘

Sirenwebclient.exe Hörprobe

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Hörspiel März 2021

Christine Nagel (Foto ©Birgit Beßler)

Lobende Erwähnung

Eine lobende Erwähnung geht an „Blackbird“, die Hörspieladaption des gleichnamigen Romans von Matthias Brandt in der Bearbeitung und Regie Leonhard Koppelmanns, das den Klang und die Stimmung der 1970er Jahre auf leichtfüßige Weise eingefangen hat.

Die Begründung der Jury 

Ein Hörspiel über das Thema Stimme – Was naheliegend klingt, wurde doch bisher selten verwirklicht. Christine Nagel hat den Versuch gewagt.

„Willkommen in der Welt der Sprachsynthese“: Die Radio-Moderatorin Marie nutzt Computer-Tools, um ihre persönliche KI-Stimme zu entwickeln. Das soll Zeit sparen im schnellen Rhythmus der digitalen Arbeitswelt. Aus Marie wird SIREN – Eine exakte Kopie ihrer Stimme. Doch was, wenn sich diese Stimme selbständig macht und eigenständige Entscheidungen trifft?

Ein Hörspiel über das Thema Stimme – Was naheliegend klingt, wurde doch bisher selten verwirklicht. Christine Nagel hat den Versuch gewagt. Ihre semidokumentarische Spurensuche nach dem markantesten Element des Radios eröffnet zugleich einen spannenden Blick in die digitale Welt von heute und morgen.

Bilden Person und Stimme eine unverbrüchliche Einheit und was bleibt von der eigenen Identität übrig, wenn sich die dazugehörige Stimme nur mehr aus Algorithmen speist? Philosophische Fragen, die Christine Nagel von verschiedenen Seiten beleuchtet und mit charmanten Details versieht. Wenn etwa Marie ihr digitales Ich mit Merseburger Zaubersprüchen überfordert. Oder ihre Seelenstimme, gesprochen von Ilse Ritter, so gar nichts mit der raumlosen KI-Stimme SIRENS anfangen kann.

Die Auswirkungen synthetischer Sprachprogrammierung und unendlicher Datenspeicherung auf Arbeit und Alltag sind vielfältig. Wird alles besser? Wird alles schlechter? Oder einfach nur anders? Christine Nagel vermeidet es uns eindeutige Antworten zu geben. Vielmehr zeigt sie durch die geschickte Verschränkung so vieler Bedeutungsebenen - von Philosophie, Hörspielkunst, Radiopraxis über Computertechnologie und Digitalität – die ungelösten Herausforderungen gegenwärtiger Entwicklungen auf.

Ein gelungenes Audio-Experiment über die Zukunft des Radios, dass zugleich eine tönende Hommage an die Geschichte des Hörspiels ist.

Hörspiel Februar 2021 

Woanders

Ein Hörspiel in Auseinandersetzung mit Texten von Thomas Brasch
Von Diana Näcke, Christina Runge, Masha Qrella

  • Regie: Diana Näcke, Christina Runge, Masha Qrella

  • Komposition: Masha Qrella

  • Dramaturgie: Barbara Gerland

  • Produktion: Deutschlandfunk Kultur

  • ESD: 24.02.

  • Länge: 50‘26

Hörspiel Februar 2021

Woanders

Lobende Erwähnung

Eine lobende Erwähnung geht an „Saal 101. Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess“ von Katarina Agathos, Julian Doepp, Katja Huber, Ulrich Lampen, das mit einer heute kaum mehr zu realisierenden, immensen Recherchekapazität und einem schlüssigen Konzept aus verschieden wahrnehmbaren Stimmen eines Stücks (nicht aufgezeichneter) Zeitgeschichte habhaft wird.

Die Begründung der Jury 

Thomas Brasch, der von der Geschichte zu Unrecht scheinbar verschluckte Schriftsteller, bekommt eine neue Chance.

Unser Hörspiel des Monats Februar ist: „Woanders“ Ein Hörspiel in Auseinandersetzung mit Texten von Thomas Brasch. Von Diana Näcke, Christina Runge und Masha Qrella

Thomas Brasch, der von der Geschichte zu Unrecht scheinbar verschluckte Schriftsteller, bekommt eine neue Chance. Zwanzig Jahre nach seinem Tod legt das Hörspiel „Woanders“ die in jedem einzelnen Wort seiner Dichtkunst gespeicherte Kraft frei. Dafür haben Diana Näcke, Christina Runge und Masha Qrella einen bemerkenswerten musikästhetischen Weg gewählt, der die Lyrik neu zum Leben erweckt: Thomas Brasch goes Techno (nicht nur).

Die Sätze hallen keineswegs wie Relikte aus einer fernen Vergangenheit nach, sondern treffen mit den Sounds der Berliner Sängerin Masha Qrella auf verblüffend geschmeidige Weise mitten hinein in gegenwärtige Befindlichkeiten und gesellschaftspolitische Fragestellungen (Sie hat daraus erfreulicherweise ein ganzes Album gemacht). Das ist einerseits einer konzisen Textauswahl geschuldet, die jeden Satz für uns Hörerinnen und Hörer fruchtbar macht. Denn auch wir sind Formen der Entpersonalisierung und Vereinsamung ausgesetzt, wie sie Brasch immer wieder thematisiert hat. Einmal heißt es: „Die Arbeit ist auch ein Mittel geworden, im Zeitalter der Automatisierung seine Zeit zu verbringen. (...) Mich interessiert ein arbeitsloses Land, durch das zwei Frauen reisen.“

Andererseits glückt die Wiedererweckung dieser Literatur vor allem dank der musikalischen Erzählweise. In der strengen, aber leichthändig wirkenden Partitur stehen Braschs Texte in mehreren „Seinszuständen“ nebeneinander: als von Qrella gesprochenes Zitat, als von ihr, Andreas Bonkowski und Chris Imler vertonte Lyrik oder als Originalton Braschs aus dem Archiv. Sie spiegeln sich effektvoll ineinander. Die Arbeit gibt den Sätzen Raum - Raum, den Lyrik kaum je zugesprochen bekommt. 

Das Tonstudio und seine Geräusche sind dabei immer nur leicht aus der Ferne wahrnehmbar. Wir hören also ein vom Produktionsgrund emanzipiertes Hörspiel, das „woanders“ spielt, in einer ganz eigenen, unabhängigen und berückenden Tonwelt.

Hörspiel Januar 2021 

Nagelneu

Von Hendrik Quast und Maika Knoblich

  • Regie: Hendrik Quast und Maika Knoblich

  • Komposition: Katharina Stephan

  • Dramaturgie: Christina Hänsel

  • Produktion: WDR 2021

  • ESD: 25.01.2021

  • Länge: 30'33‘‘

Hörspiel März 2021

Nagelneu (Foto ©Hendrik Quast)

Lobende Erwähnung

Eine lobende Erwähnung geht an „Am Rande des Untergangs vergnügt sich das Kapital“ (DLF Kultur) von Joël László. Ein vielschichtiges Konzept, ein sehr aufwändig recherchiertes, poetisch politisches Manifest, das Sprach- und Klangkunst auf eine sehr eigenständige und kunstvolle Weise verbindet.

Die Begründung der Jury 

Feilen, schleifen, kleben. Full covers, Stempel, French, Glitzer. Natur oder Kunstnagel? „Aber wenn du Natur willst, dann kannst du auch nur zu Hause rumsitzen. Brauchst du nicht hierherkommen.“

Dieses Hörspiel von Maika Knoblich und Hendrik Quast ist die Herzensentscheidung der Jury aus Wien für den Jänner 2021. Die Autoren haben mit ihrer Idee einen leichten und lustvollen Zugang zum Zuhören erdacht. Man lebt mit, riecht den Lack beim Trocknen, spürt die Feilen zwischen den Fingern, stellt sich hunderte Designs von fake nails vor und kann endlich das Mäuschen im Eck vom Hinterzimmer des Nagelstudios sein. Stellvertretend für alle Büroküchen, Besprechungszimmer oder Musikbackstage-Räume dieser Welt. Eine schmirgelnd raue, glitzernde Sound- und Dialogwelt, die in die Tiefe geht, um gleich wieder an der Oberfläche dahinzukratzen. Das ermöglicht ein verspieltes Ein- und Aussteigen. Kunstvoll gesetzte Pausen, die Platz zum Abdriften in eigene Gedankenwelten anbieten und gleichzeitig neugierig machen, wie es denn jetzt gleich weitergehen wird. Verhandelt werden Körperpflege, Kundenerziehung, aufgerissene Männer und Hochzeitsnägel, Krankheiten, Beziehungen, die eigenen Grenzen und vieles mehr. Der ganze Schönheitsbetrieb, der hier als Platzhalter für eine Vielzahl an Jobs und Arbeitssituationen steht, kann stellvertretend gleich im Nagelstudio besucht werden.

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste benennt zum  

Hörspiel des Jahres 2020

Türken, Feuer

von Özlem Özgül Dündar

  • Regie: Claudia Johanna Leist

  • Komposition: Schneider TM (Dirk Dresselhaus)

  • Mit: Lilay Huser, Marina Galic, Kathleen Morgeneyer, Johanna Gastdorf, Ansgar Sauren, Francesco Schramm, Tula Rilinger

  • Dramaturgie: Gerrit Booms

  • Produktion: WDR

  • Länge: 53'28‘‘

  • Erstsendung: 18.04.2020

Am 29. Mai 1993 kommen in Solingen fünf Menschen türkischer Abstammung bei einem Brandanschlag ums Leben. Eine von ihnen ist Gürsün İnce, die sich für ihre dreijährige Tochter opfert, als sie mit ihr aus dem Fenster springt. Das Hörspiel gibt ihr eine Stimme. Ihr und weiteren Frauen: die Mutter eines mutmaßlichen Täters, eine zweite Tote und eine Überlebende, sie alle kreisen in Gedanken um die Katastrophe und das Leben mit dem Schmerz. Der Fenstersprung, die Angst vor dem Feuer und das Schweigen, bis die Polizei eintrifft: Die Frauen bleiben in ihrem Erleben gefangen und suchen trotzdem nach Austausch, Begegnung und der Möglichkeit eines Gesprächs.

Özlem Özgül Dündar
Foto © Dincer Gücyeter

Zur Autorin 

Özlem Özgül Dündar wurde 1983 in Solingen geboren, lebt in Leipzig und Solingen, studierte Literatur und Philosophie in Wuppertal und anschließend am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke und ist als Übersetzerin und Herausgeberin tätig. Sie hat die Geschehnisse von 1993 literarisch aufgearbeitet. Schonungslos, bildgewaltig und hochemotional.

Türken. Feuer Hörprobe

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zum Hörspiel, zur Audiothek der ARD 

Die Begründung der Jury zur Wahl des Hörspiel des Jahres 2020 

In Ergänzung zu ihrer Monatsbegründung schreibt die Jury:

"Türken, Feuer" von Özlem Özgül Dündar konfrontiert sein Publikum eindringlich mit der grauenvollen Realität rassistischer Gewalt in Deutschland – und ist zugleich Einladung zum gesellschaftlichen Dialog. Zu Wort kommen, in literarisch verdichteter Form, die Opfer des fremdenfeindlichen Brandanschlags von Solingen am 29. Mai 1993. Das Stück verhandelt eines der brisantesten politisch-sozialen Probleme auf hohem künstlerischem Niveau. Dabei lässt es diejenigen zu Wort kommen, die zu diesem Thema viel zu wenig gehört werden: migrantische und weibliche Stimmen. Damit leistet "Türken, Feuer" einen wegweisenden Beitrag zu einer Kulturlandschaft, die der Diversität der deutschen Gesellschaft gerecht wird, wie auch zur politischen Bildung.  

Die Begründung der Jury zur Wahl des Hörspiel des Monats April 2020 

„alles hat eine ganz bestimmte stückzahl und meine füße kennen nur noch diesen einen weg mit dieser einen stückzahl und er führt ins feuer“. So spricht eines der Opfer des rassistischen Brandanschlags von Solingen am 29. Mai 1993, die im Hörspiel „türken, feuer“ von Özlem Özgül Dündar eine Stimme bekommen. Es sind ausschließlich Frauen, die sprechen. In einer Sprache, deren poetische Bilder so dosiert und präzise sind, dass sie das Geschehen mit einem Höchstmaß an erschütternder Intensität vergegenwärtigen.

Ein Albtraum made in Germany. Sein Drehbuch lautet: Deutsche töten „Andere“ durch Feuer.

1992 bildeten Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda den Auftakt einer rassistischen Anschlagsreihe in der Bundesrepublik. Jahrzehntelang nährten sie den für den Westen der Republik so bequemen Mythos, rassistische Gewalt sei vor allem ein ostdeutsches Problem. Nahezu völlig aus der kollektiven Erinnerung verdrängt wurden die ersten rassistisch motivierten Brandanschläge in Westdeutschland, in Mölln 1992 und eben in Solingen 1993.

Es ist ein großes Verdienst dieses Hörstücks, dass es dem Vergessen und der Verdrängung dieser Verbrechen entgegentritt. Es legt damit den Finger in die klaffende Wunde des Totalversagens einer Gesellschaft, die die wirklichen „Alarmzeichen“ einer Entwicklung, die bereits vor drei Jahrzehnten begann, bis heute weitestgehend ignoriert oder mindestens grob verharmlost.
Am 29. Mai 1993 zündeten vier junge vier junge Männer deutscher Abstammung in Solingen ein Haus an, in dem mehrere Familien türkischer Abstammung lebten. Fünf Menschen kamen durch den Brandanschlag ums Leben, darunter die 27-jährige Gürsün Inçe. Sie opferte sich für ihre dreijährige Tochter, indem sie mit ihr aus dem Fenster sprang und so fiel, dass das Kind überlebte. Im Hörspiel des Monats April 2020 lässt die Autorin Özlem Özgül Dündar, selbst 1983 in Solingen geboren, unter anderem diese Mutter zu Wort kommen und schildert das schreckliche Ereignis aus ihrer Perspektive. Diese intensive Innenschau der Gedankenwelt hat für die Betroffene den Effekt, dass sie nicht in der passiven Opferrolle verharrt, sondern zur aktiv Handelnden wird: das Erzählen als Selbstermächtigung gegen Vergessen, Rassismus, aber auch stereotype Geschlechterrollen.

Dem herausragenden Sprecherinnen-Ensemble gelingt es unter der Regie von Claudia Johanna Leist und subtil unterstützt durch die atmosphärische Spannung der Musik von Dirk Dresselhaus, den Toten, den traumatisierten Überlebenden, aber auch der Angehörigen eines mutmaßlichen Täters eine Stimme zu geben. In größtmöglicher Dringlichkeit konfrontiert das Hörspiel sein Publikum damit, wie es den Opfern rassistischer Gewalt ergeht. Anstatt jedoch bei sich selbst zu verharren, treten diese unterschiedlichen weiblichen Stimmen miteinander in Dialog und vollziehen so den Perspektivwechsel, der dieses Stück so herausragend macht:

„ich möchte mit dir sprechen ich möchte mit dir sprechen auch wenn ich keine stimme in diesem stück oder irgendeinem stück bekomme auf die straße will ich gehen und mit dir sprechen in einem raum der nicht hier ist in diesem stück wo alle uns hören ich möchte mich mit dir unterhalten mich mit dir austauschen ich möchte mehr reden mit dir mit menschen um mich herum ich möchte eine stimme haben eine stimme in dieser sprache und ich möchte mich mitteilen können meine gedanken aussprechen in der sprache die du verstehst“

Özlem Özgül Dündar belässt es in ihrem Hörspiel nicht dabei, nur den Opfern und somit auch den Frauen eine Stimme zu verleihen, sondern sie fordert zur Auseinandersetzung auch mit unvereinbaren Positionen auf. Eben dieser Perspektivwechsel ist die Grundvoraussetzung für die Überwindung rassistischer Denk- und Handlungsstrukturen. Wegen seiner großen gesellschaftlichen und politischen Dringlichkeit verbindet sich daher mit der Würdigung von „türken, feuer“ als Hörspiel des Monats nicht nur die dringende Empfehlung, dieses Stück zu hören, sondern auch, es in die Lehrpläne deutscher Schulen aufzunehmen.

 

Jury und gastgebender Sender 2020 

Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München
Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München
Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

Gastgebender Sender: Bayerischer Rundfunk

Eine von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste eingesetzte Jury wählt Monat für Monat aus den ARD-, ORF- und SRF-Ursendungen die nach ihrer Meinung beste Produktion. Aus 12 „Hörspielen des Monats“ wählt die gleiche Jury das „Hörspiel des Jahres“.

Thomas Böhm im Gespräch mit der Preisträgerin Özlem Özgül Dündar  

Die Preisverleihung konnte pandemie-bedingt nicht wie üblich Ende Februar 2021 als Präsenz-Veranstaltung stattfinden. Stattdessen wurde das Gespräch und die Preisverleihung per Videogespäch veranstaltet.

Hörspiel Dezember 2020 

Zauderwut

Von einer jungen Frau und ihrer Leidenschaft zu zaudern

von Bettie I. Alfred

  • Regie: Bettie I. Alfred

  • Mit: Bettie I. Alfred, Jens Harzer, Leopold von Verschuer, Daniel Höpfner, Paul Affeld

  • Redaktion: Regine Ahrem

  • Produktion: Autorenproduktion von Bettie I. Alfred/Balkonstudio 2020 für rbb

  • Länge: 51 ́40‘‘

  • Erstsendung: 18.12.2020

Foto Bettie I. Alfred

zum Hörspiel, zur Audiothek der ARD 

Die Begründung der Jury 

Ihr ganzes Leben lang zaudert Lissy. Schon früh lernt die ungewöhnlich kleine Frau, dass das Leben hart ist.

„Schreiben war die einzige Möglichkeit das ewige Gezaudere zu umgehen. Das Thema der Arbeiten, immer dasselbe in den verschiedensten Variationen: die Wollust der Traurigkeit. Und immer mehr auch (…): das ewige Scheitern, bedingt durch zu langes Zaudern.“

Ihr ganzes Leben lang zaudert Lissy. Schon früh lernt die ungewöhnlich kleine Frau, dass das Leben hart ist: Ihre Mutter verlässt die Familie, als Lissy noch ein Kind ist, der Vater landet daraufhin in der Psychiatrie, wo er sein Leben lang Labyrinthe malt und sich nicht mehr daran erinnert, dass er eine Tochter hat. Die Auswirkungen ihrer traurigen Kindheit beschreibt die eigenwillige Protagonistin aus Bettie I. Alfreds Hörstück so: „Nun als Erwachsene hatte ich also eine Art die Realität so zu sehen, wie sie war. Gnadenlos. Dies führte dazu, dass ich zauderte. Immerzu zauderte.“ Die einzige Möglichkeit für Lissy, mit ihrer Handlungs- und Entscheidungsunfähigkeit umzugehen, ist die künstlerische Auseinandersetzung.

Mit minimalistischen Mitteln macht das Stück Lissys Zaudern hörbar und legt zugleich den künstlerischen Schaffensprozess einer Hörspielproduktion offen. Lissy rekapituliert, protokolliert und erinnert sich an Ereignisse aus ihrer Vergangenheit, die mit der Gegenwart verschwimmen. Durch stilistische Kniffe wie Loops und Sprachaufnahmen, in denen Lissy laut an Sätzen feilt, die sie anschließend aufschreibt, entfaltet „Zauderwut“ eine wehmütige Komik des Scheiterns. Das Hörspiel verbindet charmant und gekonnt leise Melancholie und schrägen Humor, die durch die markanten Stimmen von Jens Harzer als Lissys Ehemann und Leopold von Verschuer als Vater getragen werden, aber auch durch den besonderen Charme der von der Autorin selbst gesprochenen Teile.

Mit „Zauderwut“ kürt die Jury eine im Heimstudio der Autorin entstandene Arbeit zum Hörspiel des Monats, die sich zum Teil auch augenzwinkernd mit den Standards und Ritualen des Mediums Radio bzw. Hörspiel auseinandersetzt. Stücke wie „Zauderwut“ repräsentieren einen wichtigen Aspekt der großen Vielfalt, die das Medium Hörspiel ausmacht – einen Aspekt, den der RBB mit der Sendung von Bettie I. Albrechts Stück auf hohem künstlerischem Niveau präsentiert.

Lobende Erwähnung

Für eine weitere Produktion, die uns im Dezember stark beeindruckt hat, möchten wir eine lobende Erwähnung aussprechen: Die vom BR aufwendig produzierte erste deutschsprachige Hörspieladaption von Elena Ferrantes Bestsellers „Meine geniale Freundin“ beeindruckt durch herausragende Sprecher*innen (u.a. Rosalie Thomass als Lenu und Enea Boschen als Lila) und eine große literarische Nähe zu Ferrantes Erfolgsroman. Hervorzuheben ist hierbei insbesondere die gekonnte Inszenierung der Vielschichtigkeit des ersten Bands der Neapolitanische Saga, durch die das Hörspiel dem literarischen Vorbild mehr als gerecht wird.

Hörspiel November 2020 

Atlas

von Thomas Köck

  • Regie: Heike Tauch

  • Komposition: Janko Hanushevsky

  • Mit: Mai Duong Kieu (Tochter), Dan Thy Nguyen (Herr Le), Stephan Grossmann (DDR Funktionär), Thuy Nonnemann (Mutter), Claudia Jahn (Chorstimme)

  • Redaktion: Steffen Moratz

  • Produktion: MDR

  • Länge: 69 ́36‘‘

  • Erstsendung: 09.11.2020

Atlas Hörprobe

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Thomas Köck
Foto ©privat

zum Hörspiel, zur Audiothek des MDR 

Die Begründung der Jury 

In einem historisch-geopolitischen Kartenwerk verzeichnet der Autor Thomas Köck die Grenzziehungen von globalen Machtverhältnissen und rassistischer Ausgrenzung.

Das Hörspiel des Monats November 2020 „Atlas“ erzählt eine Geschichte der vietnamesischen Arbeitsmigranten in der DDR während der 80er Jahre, vom Niedergang des sozialistischen Staates DDR und einem Kind einer vietnamesischen Arbeiterin und eines vietnamesischen Übersetzers, das inmitten dieser Ereignisse geboren wird.

In einem historisch-geopolitischen Kartenwerk verzeichnet der Autor Thomas Köck die Grenzziehungen von globalen Machtverhältnissen und rassistischer Ausgrenzung. Seine Tafeln bestehen aus Sprachbildern und Gedankenströmen, die Geschichte und Gegenwart in äußerst plastischer, erkenntnisstiftender Weise verschränken – mit scharfer Polemik, aber auch mit viel Empathie gegenüber menschlichem Leid. Köck entfaltet hierbei eine komplexe Familiengeschichte von Flucht und Migration aus Vietnam nach Deutschland und zurück, die quer zu den Kollektiverzählungen der Deutschen liegt. Literarisch versiert vereint das Hörspiel die Geschichte einer dramatischen Flucht und einer entzwei gerissenen Familie gegen Ende des Vietnamkriegs, der Arbeitsmigration „ausländischer Werktätiger aus dem kommunistischen Bruderstaat Vietnam“ in die DDR und einer Vietnamreise auf der Suche nach den Vorfahren.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland stellt das Hörspiel die Frage: „was heißt das schon / vereinigung nicht wer heißt das / sondern gegen wen“. Mit der Parole „Wir sind das Volk“ wurde 1989 gegen die DDR-Regierung protestiert, heute wird diese von völkischen Rechten gegen die parlamentarische Demokratie skandiert. Aus der Perspektive der vietnamesischen Arbeiterinnen und Arbeitern wird im Hörspiel erfahrbar, dass dieses „Wir“ auch die Ausgrenzung von „Anderen“ beinhalteten kann.

Schon die historische Einzigartigkeit der deutschen Wiedervereinigung ist nur „gefühlt“, wurde Vietnam doch bereits 1975 wiedervereinigt – unter sozialistischen Vorzeichen, durch den Sieg über den Kriegsgegner USA. Je nachdem, auf welcher politischen Seite sie sich wiederfanden, kamen Menschen aus Vietnam als Kontingentflüchtlinge nach Westdeutschland (wie die Mutter im Hörspiel) oder (wie die Tochter) als Vertragsarbeiterinnen in die DDR. Der Umgang des realsozialistischen Deutschland unterschied sich dabei in seinen rassistischen Praktiken nicht wesentlich von dem Umgang mit den sogenannten „Gastarbeiterinnen“ im kapitalistischen Westen: „der / bruderstaatliche weg was / für eine farce und jeden ersten mittwoch im monat / gesundheitschecks beim arzt weil der / bruderstaatliche weg auch nur ein survival of the fittest weil / der bruderstaatliche austausch fitte körper braucht“.

„wer / damit gemeint ist mit / dem nationalen frühling wer / durch diese blühenden landschaften einmal / spazieren darf“ und wer nicht, wird im Hörspiel rasch deutlich. Etwa wenn geschildert wird, wie kranke oder schwangere Vietnames*innen als nicht mehr arbeitstauglich abgeschoben werden. Besonders augenscheinlich wird es jedoch in der Wahrnehmung der sich anbahnenden Wiedervereinigung von DDR und BRD, die nicht als Grund zum Feiern, sondern zum Fürchten empfunden wird: „wir leben auf risiko wir / leben prekär weil wir hier / gar nicht vorkommen in dieser / posttraumatischen erzählung dieser / liebesgeschichte einer nation die / jetzt endlich wieder bei sich ankommen möchte“.

Das Hörspiel würdigt die Geschichte der Vietnamesinnen in Deutschland, weil es ihr nicht nur eine, sondern gleich mehrere Stimmen an einer exponierten Stelle im öffentlichen Diskurs gibt. Durch das kontrapunktische Spiel mit Sprachen und Akzenten, durch straff rhythmisierte Monologe und minimalistische Chorsequenzen gibt die Inszenierung dem Text eine enorme sinnliche Präsenz. Das souveräne Sprecherinnen-Ensemble wird dabei kongenial durch die Musik von Janko Hanushevsky unterstützt. Seine spröden, an den Bruchkanten zwischen Melodie und Geräusch angesiedelten E-Bass-Figuren machen das Leitmotiv des Risses fast haptisch präsent, das sich durch den Hörspieltext zieht: „ein riss nach dem anderen weist den weg / durch die geschichte.“

Die Mängel der sogenannten Wiedervereinigung wurden zum 30. Jahrestag zumeist als eine Art kollektive Beziehungskrise von Ost- und Westdeutschen verhandelt. Man kann es der Hörspielabteilung des MDR nicht hoch genug anrechnen, dass sie mit „Atlas“ dieses Narrativ gründlich verwirft und hinterfragt. Die Neuerzählung der deutschen Nach-Wende-Geschichte, die das Hörspiel des Monats November vornimmt, zeigt: Ein zukunftsfähiges, demokratisches und vielfältiges „Wir“ muss alle Menschen einschließen, die hier leben. Mit der Wahl seiner Erzählperspektive leistet das Stück selbst einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung dieses „Wir“, denn: „gäbe es eine logik in der geschichte wir / würden sie uns nicht andauernd neu erzählen müssen“.

Jury 2020 

  • Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München

  • Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München

  • Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

  • Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Oktober 2021 

Ein Berg, viele

von Magdalena Schrefel

  • Regie: Teresa Fritzi Hoerl

  • Mit: Leonie Benesch, Richard Djif, Matthias Brandt u.a.

  • Redaktion: Katarina Agathos

  • Produktion: BR/ORF

  • Länge: 51 ́53‘‘

  • Erstsendung: 250.10.2020

zum Hörspiel, zur Audiothek des BR 

Berge, viele Hörprobe

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Foto ©BR

zum Hörspiel, zur Audiothek des BR 

Die Begründung der Jury 

Ende des 18. Jahrhunderts in Nordengland: Ein britischer Kartograph „ordnet die Welt in eine Karte“.

Die deutsche Hörspiel-Autorin Pearl wird in ihrem Sommer-Urlaub in Italien am Strand von einem Verkäufer angesprochen: Ismael stammt aus Niger, Westafrika und kam über das Mittelmeer nach Italien. Sofort wittert Pearl in dem afrikanischen „Sand-Flüchtling“ eine potenzielle Geschichte und zeichnet das Gespräch auf. Ismael wohnt, so berichtet er Pearl, in einem illegalen Camp. Der Name des Camps: Mount Kong. In Mount Kong herrscht laut dem Afrikaner der „king“, er muss seine Zustimmung geben, damit die Redakteurin Pearl das Lager besuchen kann. Das Lager selbst ist auf keiner Karte verzeichnet, es scheint eigentlich nicht zu existieren: "If you look in the maps, there are no camps. But in reality, they are everywhere." Pearl lässt sich von Ismael zum Camp bringen – ihre Entdeckungsreise einer unbekannten Landschaft beginnt.

Ende des 18. Jahrhunderts in Nordengland: Ein britischer Kartograph „ordnet die Welt in eine Karte“. Aus der Perspektive der europäischen Entdecker und Eroberer und zugleich aus der sicheren Distanz seines Arbeitszimmers blickt er auf den ihm unbekannten, afrikanischen Kontinent und brütet über einer scheinbar unlösbaren Frage: „Warum fließt der Fluss [Niger] nicht gerade, sondern gekrümmt? Warum biegt er ab? (...) Weil eigentlich doch jeder Fluss gen Europa fließt. So lernt es schon ein jedes Kind.“ Die Lösung des geografischen Problems ist für den Briten ein Gebirgsmassiv, das er kurzerhand schlussfolgert und dann als „Kong-Berge“ in den Karten verzeichnet – ohne dieses Gebirge je gesehen oder wahrhaftig „entdeckt“ zu haben. In den nächsten 150 Jahren wird es in beinahe allen Darstellungen des afrikanischen Kontinents auftauchen.

Indem das Hörspiel „Ein Berg, viele“ von Magdalena Schrefel die Geschichte des britischen Geografen James Rennell, der im 18. Jahrhundert das Gebirgsmassiv der „Kong-Berge“ erfand, mit der des westafrikanischen Flüchtlings Ismael verknüpft, dessen Aufenthaltsort und damit auch Existenz von den Europäer*innen weder anerkannt noch geduldet wird, thematisiert es koloniale Deutungshoheit damals wie heute und zeigt darüber hinaus auf, wie stark diese Deutungshoheit noch heute in der europäischen Weltwahrnehmung verhaftet ist: "Every kid in every school in the city I come from learned about the white man who drew la montagne sur la carte. And we learned that his word counted more than our experience", so Ismael.

Besonders auffällig ist hierbei, dass auch Ismaels Geschichte im Hörspiel wieder von einer weißen europäischen Deutungshoheit erzählt und interpretiert, ja sogar als Element eines Hörspiels instrumentalisiert wird. Nachdem die Autorin Pearl aufgrund ihres europäischen Passes schnell aus der Razzia im illegalen Flüchtlingscamp fliehen kann, sitzt sie kurz darauf schon wieder erleichtert im Flieger nach Deutschland. Hier kann sie dann in der Sicherheit des Studios die Geschichte von Ismael erzählen. Natürlich von einem deutschen Sprecher eingesprochen, denn ein deutsches Hörspielpublikum würde keine so langen englischen Aussagen anhören, so die Redakteurin.

Das Hörspiel führt so vor, wie schnell auch ein Hörspielprojekt über koloniale Deutungshoheit sich selbst ad absurdum führen kann, da es sich wieder in ebenjene Erzähltradition einreiht. Die große Leistung von Autorin und Regie (Teresa Fritzi Hoerl) ist aber, mit diesem unvermeidlichen Risiko bewusst umzugehen. Durch eine genau dosierte Überzeichnung von Genre-Klischees, etwa in Bezug auf historisches Erzählen oder auch auf die Meta-Erzählung mit der Redakteurin, stellt das Hörspiel seine eigene Konstruiertheit und damit auch die potenzielle Fragwürdigkeit seiner Konstruktion bewusst aus. Es lädt damit zum Nachdenken über koloniale Verhaltensmuster und Erzähltraditionen ein und lässt den privilegierten, westlichen Hörer ins Zweifeln über die eigene Wahrnehmung kommen. Denn: [E]s geht (...)um die Frage, was es heißt Geschichten zu erzählen, ob Behauptung nicht immer auch die Ausübung von Macht ist.“

Jury und gastgebender Sender 2020 

Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München
Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München
Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

Gastgebender Sender: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel September 2020 

Laute Nächte

von Thomas Arzt

  • Regie: Andreas Jungwirth

  • Mit: Sarah Viktoria Frick, Marie-Luise Stockinger, Felix Kammerer und Nikolaus Barton

  • Komposition: Hearts Hearts

  • Redaktion: Kurt Reissnegger

  • Produktion: ORF

  • Länge: 45 ́03‘‘

  • Erstsendung: 29.09.2020

Laute Nächte Hörprobe

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Hearts Hearts

© Tim Cavadini

Die Begründung der Jury 

Wir reden wie Fische unter Wasser, die Münder machen Laute wie Blubberblasen, nur dass wir keine Flossen haben, sondern Flügel, die schlagen in voller Freiheit, wie die Vögel.

Das muss man sich erst mal trauen: Ein Hörspiel über Gehörlosigkeit. In dem vom ORF produzierten Stück „Laute Nächte“ sind der Autor Thomas Arzt und der Regisseur Andreas Jungwirth dieses Wagnis eingegangen. Anna ist gehörlos, Martin nicht. Bei ihrer ersten Begegnung spielt das keine Rolle. Denn die findet auf der Tanzfläche in einem Club statt, wo man die Bässe der Musik mit dem ganzen Körper spüren kann – und es zu laut ist, um sich zu unterhalten. Eine klassische, fast prototypische Boy-meets-Girl-Geschichte dient Thomas Arzt als Folie für eine Versuchsanordnung. Wann wird es, nach der ersten, durch stumme Blicke und körperliche Anziehung vermittelten Begegnung, kompliziert? Wann wird sich entscheiden, ob Martin Anna als „behindert“ einschätzt und das Interesse an ihr verliert – oder sich die Möglichkeit für eine echte Beziehung eröffnet?

Die Band Hearts Hearts liefert den atmosphärisch dichten Soundtrack der Clubnächte, der laut oder nahezu komplett gedämpft ist – je nachdem, ob wir gerade Martins oder Annas Perspektive hören. Dies kann und will keine naturalistische Abbildung des Erlebens von Gehörlosen sein, schafft dafür aber eine klare dramaturgische Struktur, die das Gefühl, in getrennten Welten zu leben, erfahrbar macht. Erzählt wird die Geschichte im Wechsel zwischen Martins Dialogen mit seinem ebenfalls hörenden Freund Erik und Annas Dialogen mit ihrer gehörlosen Freundin Kathi. Die Stimmen der beiden Frauen sprechen sozusagen die Untertitel zu ihren Gebärdensprachdialogen.

In formaler Hinsicht besticht das poetische Hörspiel durch seine dramaturgische Stringenz und eine alltagsnahe Sprache, die gleichwohl gerade so stilisiert ist, dass klar wird: Es geht hier nicht um platten Sozialrealismus, sondern um die Reflexion von Erfahrungswelten. Inhaltlich ist die große Leistung des Stücks, dass es nicht nur Hörenden einen Perspektivwechsel in die Situation von Gehörlosen ermöglicht. Die Themen, die Anna im Dialog mit Kathi verhandelt, sind ganz generell für das Verhältnis von Menschen mit und ohne Behinderung relevant, wenn nicht gar noch allgemeiner für das von Mehrheitsgesellschaft und marginalisierten Gruppen. Der zentrale Kunstgriff ist es, diese Geschichte als Liebesgeschichte zu erzählen, wo neben der Spannung zwischen Thema und Medium auch noch alle möglichen Kitsch- und Klischeefallen lauern. Doch auch in diese Fallen tappt das Stück nicht, und genau daraus bezieht es seine stärkste Wirkung. Es verhandelt das Verhältnis von Menschen mit und ohne Behinderung im Kontext einer intimen Beziehung – und damit sieht sich das Publikum hautnah mit der Frage konfrontiert, wie man denn selbst mit einer solchen Situation umgehen würde. Wer würde sich in gesamtgesellschaftlichen Diskursen nicht für Barrierefreiheit und Inklusion stark machen? Aber wie würde man sich im Kontext privater Beziehungen verhalten?

Das Hörspiel wirft solche unbequemen Fragen in formal gelungener Weise auf, und genau deshalb hat es die Jury zum Hörspiel des Monats September 2020 gewählt. Offen bleibt bei aller Empathie des Autors für seine Protagonistinnen die Frage: Wie inkludiert man Gehörlose ins Radiogeschehen? Im Frühjahr plant der ORF eine öffentliche Aufführung des Stücks in der „Radiophonen Werkstatt“ von Regisseur Andreas Jungwirth in der Alten Schmiede in Wien. Dabei wird der Text von Gebärden-Dolmetscher*innen übersetzt. Damit geht der produzierende Sender einen Schritt in die richtige Richtung. Und wirft gleichzeitig weitere wichtige Fragen auf, die zugleich Zukunftsaufgaben in Sachen Inklusion für alle Sendeanstalten sind: Müsste nicht jede Radiosendung in Gebärdensprache übersetzt werden? Oder im Fall von vorproduzierten Formaten wie z.B. Hörspielen als Text-Video mit übertragen werden? Was im Fernsehen längst möglich ist, wäre im Zeitalter des Internet-Radios auch für den Hörfunk technisch kein Problem. Aber auch das muss man sich als Sender erst mal trauen. Der ORF hat einen ersten Schritt getan. Wer geht den nächsten?

Jury und gastgebender Sender 

Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München
Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München
Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

Gastgebender Sender: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel August 2020 

Keine Ahnung

von Nele Stuhler

  • Regie: Nele Stuhler

  • Mit: Sophie Rois, Sarah Gailer, Paula Thielecke und der Autorin

  • Künstlerische Mitarbeit: Lisa Schettel

  • Komposition: Laura Eggert

  • Dramaturgie: Julia Gabel und Johann Mittmann

  • Redaktion: Barbara Gerland

  • Produktion: DLF Kultur

  • Länge: 55 ́36‘‘

  • Erstsendung: 06.08.2020

Keine Ahnung Hörprobe

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Foto ©Arda Funda

Die Begründung der Jury 

„Und wie die Welt anders denken, wenn man denkt wie die Welt, wenn man schon immer ein bisschen wird, wie es immer schon war. Sozusagen. Keine Ahnung.“

Kassandra und Sandra, das sind die Protagonistinnen des Hörspiels „Keine Ahnung“. Sie sind auch: zwei entgegengesetzte Denkweisen, Geisteshaltungen und Weltanschauungen. Kassandra ist fürs Verstehen zuständig, Sandra fürs Nicht-Verstehen. Getrieben vom wütenden Wunsch, alles wissen zu wollen, unternehmen die beiden Protagonistinnen den Versuch, die eigene Ahnungslosigkeit nicht als Begrenzung zu sehen, die es zu verstecken gilt, sondern als Grundlage, um der Welt begegnen zu können. „Vorlesungen über das Nichtwissen heißt dieses Unternehmen oder nonepistemische Vorlesungen, also epistemunlogische Vorlesungen sozusagen oder Keine Ahnung-Vorlesungen über die Ahnungslosigkeit.“, so bezeichnet die Erzählerin das wagemutige Experiment. In diesem hinterfragen die beiden Protagonistinnen traditionelle Weltordnungen sowie Formen und Konzepte von Wissensaneignung und -verbreitung. Rasant und mit vielen Wortspielen zerpflücken Sandra und Kassandra den biblischen Schöpfungsmythos, interpretieren die griechische Mythologie neu, führen einen Diskurs über Museumsdidaktik, Autor*innen- und Mutterschaft und stellen am Schluss ein agnostisches Manifest auf. Mit intelligentem Witz schafft es das Hörspiel „Keine Ahnung“, die Balance zwischen Unterhaltung und Erkenntnisstiftung zu wahren.

Das reichhaltige Assoziationsgeflecht berührt eine Vielzahl an Themen, driftet dabei jedoch niemals in die Abstraktion ab, sondern wird durch eine klare Klammer – die des Verstehens bzw. Nicht-Verstehens – zusammengehalten. Bemerkenswert ist, dass Nele Stuhler in den 55 Minuten ihres Hörspiels eine ganz eigene Form feministischer Erkenntniskritik entwickelt. Unter Verwendung literarischer, theoretischer und performativer Ansätze interpretiert und reflektiert das Stück die Themen Wissen und Nicht-Wissen radikal und zeitgemäß aus feministischem Blickwinkel. „Meinen ganzen Feminismus frage ich mich schon, was ich mit dem Steuer mache, wenn ich dran bin“, bemerkt Sandra. Tolle Sprecherinnen – allen voran Sophie Rois als körperlose Museumsstimme – tragen zu der hohen Klangqualität des Hörspiels bei, das immer wieder raffiniert die Möglichkeiten des Mediums auslotet, Fußnoten hörbar macht und Quellen offenlegt. Der Schlussappell, dass sich alle Menschen ihr Nicht-Wissen eingestehen sollten, weil sowieso niemand alles wissen könne, wirkt noch lange nach. Eine kurzweilige, kluge Reflexion über nichts Geringeres als die conditio humana selbst – und über die immerwährende Herausforderung, über ihre Begrenztheit hinauszudenken.

Jury und gastgebender Sender 2020 

Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München
Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München
Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

Gastgebender Sender: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Juli 2020 

Güldenes Schwester

von Björn Bicker

  • Realisation: Björn Bicker

  • Komposition: Derya Yildirim

  • Mit: Meriam Abbas, Yodit Tarikwa, Murali Perumal, Christoph Franken, Edmund Telgenkämper, Stefan Merki, Shirin Eissa , Wiebke Puls

  • Redaktion: Katja Huber

  • Produktion: BR

  • Länge: 52 ́03‘‘

  • Erstsendung: 05.07.2020

Güldens Schwester Hörprobe

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Björn Bicker
Foto dpa / Maja Hitij

zum Hörspiel, zur Audiothek des BR 

Die Begründung der Jury 

„Güldens Schwester“, das ist Fatma Inan. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin des gleichnamigen Hörspiels von Björn Bicker ist Lehrerin.

An ihrer Schule wird sie zur Zeugin, wie ein Junge seinen Mitschüler mit einem Messer tötet. Dieses traumatische Erlebnis bildet den Katalysator für Fatmas inneren Monolog, der – herausragend gesprochen von Meriam Abbas – das Zentrum des Hörstücks bildet. Fatmas Nachdenken über das Attentat ihres Schülers wird zur Reflexion über ihr Selbstverständnis als Lehrerin und ihre eigene migrantisch geprägte Biografie. Eine große Rolle nimmt hierbei die Trauer über den viele Jahre zurückliegenden, in der Familie nie wirklich aufgearbeiteten, Unfalltod ihrer Schwester Gülden und die Erinnerung an ihre Mutter ein.

„Diese Frau, die meine Mutter war, die ist 1978, als sie 20 Jahre alt war, vom Schwarzen Meer nach Deutschland gekommen, weil sie hier meinen Vater geheiratet hat. […] Und meine Mutter hat 40 Jahre in Dortmund gelebt und konnte bis zu ihrem Tod im letzten Jahr so gut wie kein Deutsch.“  

Als Lehrerin arbeitet Fatma in einem im Kontext von Migrationsdebatten besonders umkämpften Feld – dem Bildungssystem. Dennoch beruht die Integrität des Stücks gerade darauf, dass sich die Lehrerin nicht auf ihren Beruf und ihre Herkunft reduzieren lässt. Stattdessen entsteht vor den Ohren der Hörer*innen die facettenreich gezeichnete Figur einer Frau mit klaren Überzeugungen, die insbesondere durch ihre Verletzungen und inneren Brüche glaubwürdig ist. Besonders beeindruckt hat die Jury hierbei die im Hörspiel thematisierte Rolle der Sprache und Kommunikation, wie sie Fatma formuliert:

„Meine Mutter hatte keine Ahnung von dem ganzen Zeug, das mich interessiert: Bücher, Popmusik, Kickboxen, Spanisch, Foodblogs, Reisen. Keinen Schimmer! Aber sie hat mich gefragt. […] Und sie hat die Augen geschlossen und einfach zugehört. Das hat alles auf Türkisch stattgefunden. Diese wundervolle, warme, lustige, bewegliche, türkische Sprache, die mir meine Eltern zu Hause beigebracht haben.“

Kenntnisreich und mit viel Empathie räumt Björn Bicker mit einigen der hartnäckigen Klischees auf, die die weiße Mehrheitsgesellschaft zur Abwehr der realen Diversität der deutschen Gesellschaft aufgebaut hat. Dass etwa auch der Grund dafür, dass Fatmas Mutter nicht Deutsch sprach, in den „kolonialen Mustern deutscher Arbeitsmigrationspolitik“ (Kien Nghi Ha) zu finden ist, in der die heute viel beschworene „Integration“ der „Gastarbeiter“ lange Zeit überhaupt nicht erwünscht war, zeigt das Stück sehr eindrücklich auf. Positiv hervorzuheben ist dabei, dass die Besetzungsliste der Produktion ein deutlich höheres Maß an Diversität aufweist, als es sonst in der deutschen Hörspiellandschaft zu beobachten ist. Das Stück wirkt damit selbst als „affirmative action“ gegen die Missstände, die es auf inhaltlicher Ebene kritisiert. Sein Plädoyer für das große Potenzial von Mehrsprachigkeit setzt das Hörspiel auf dramaturgischer Ebene auch dadurch um, dass es mit der erzählten Rede auf Arabisch noch einer weiteren in Deutschland gesprochenen Sprache Raum gibt.

Die Familiengeschichte und die Biografie von Fatma Inan verbinden in einer literarisch prägnanten Sprache private Trauerarbeit mit der Trauer über ein ums andere Mal verpasste gesellschaftliche Chancen – aber auch mit der heilsamen Wut, die der Anstoß zu Veränderungen sein kann. Beispielhaft ist dafür Fatmas – nun nicht mehr nur innerer! – Monolog, mit dem sie auf die Behauptung einer Kollegin reagiert, dass schulische Leistung und Integrationsfähigkeit zentral davon abhingen, dass im Elternhaus Deutsch gesprochen werde. Und angesichts von Björn Bickers breitem Erfahrungshintergrund mit interkulturellen (Theater-) Projekten darf man getrost davon ausgehen, dass dahinter nicht nur fromme Wünsche, sondern die Beispiele von realen Menschen stehen:

„Liebe Marlies, bei uns zu Hause wurde kein Wort Deutsch gesprochen. Und jetzt sitz ich hier und bin deine Kollegin, eure Kollegin und unterrichte Englisch und Deutsch und Politik auf Deutsch. Und warum hat das alles so gut geklappt? Weil meine Mutter mit mir geredet hat. Weil sie mich geliebt hat! Die Sprache spielt dabei keine Rolle. Es ist egal, was die Kinder zu Hause für eine Sprache sprechen. Entscheidend ist, welche Sprache sie in der Schule sprechen. Ich habe Deutsch im Kindergarten gelernt, mit meinen Brüdern, in der Grundschule, überall, nur nicht zu Hause. Türkisch ist meine Muttersprache, Deutsch ist meine Geschäftssprache. Vielleicht denkst du darüber mal nach, bevor du das nächste Mal so einen Blödsinn verzapfst!“

Jury und gastgebender Sender 2020 

Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München
Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München
Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

Gastgebender Sender: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Juni 2020 

Erinnerungen einer Überflüssigen
von Lena Christ

  • Bearbeitung und Regie: Stefanie Ramb

  • Komposition: Evi Keglmaier, Greulix Schrank

  • Mit: Brigitte Hobmeier, Helena Schrei , Sarah Camp, Klaus Stiglmeier, Johanna Bittenbinder, Winfried Frey, Stefan Murr u.a.

  • Redaktion: Katarina Agathos

  • Produktion: BR

  • Länge: Teil 1: 51’16, Teil 2: 51 ́47‘‘

  • Erstsendung: 31.05.und 01.06.2020

Erinnerungen einer Überflüssigen Hörprobe

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Lena Christ (1881-1920) im Alter von 32 Jahren
Foto Münchner Stadtbibliothek Monacensia

zum Hörspiel, zur Audiothek des BR 

Die Begründung der Jury 

„Das Leben hielt mich fest und suchte mir zu zeigen, dass ich nicht das sei, wofür ich mich so oft gehalten, eine Überflüssige.“

So schreibt die bayerische Schriftstellerin Lena Christ (1881-1920) in ihrem Roman-Debüt „Erinnerungen einer Überflüssigen“ (1912). Mit eindringlicher und direkter Sprache zeichnet sie darin ein Mädchen- und Frauenleben um 1900 im katholischen Bayern auf. Dieses Leben ist geprägt von Gewalt und Armut, denen das Kind und später auch die junge Frau hilflos ausgeliefert ist. Es steht damit im deutlichen Gegensatz zu den schillernden Frauenbiografien der Bohème, hinter denen die Frauenschicksale der Arbeiter*innenschicht und Landbevölkerung oft verblassen oder gar nicht erst zur Sprache kommen. Diese Mädchen- und Frauenschicksale finden nun in der Hörspiel-Neuproduktion „Erinnerungen einer Überflüssigen" eine Stimme.

Die Dramaturgie des Hörspiels vertraut der klaren, plastischen Direktheit von Lena Christs Sprache. Durch den sehr bewussten, nie anbiedernden Einsatz von Mundart und durch die hervorragende Leistung der Sprecher*innen, wie etwa Brigitte Hobmeier als Erzählerin oder Johanna Bittenbinder als Mutter, gelingt es dem Hörspiel, sein Publikum auf akustischem Wege direkt zu erreichen und festzuhalten. Die Geschichte der „Leni“ fasziniert und berührt in ihrer Schlichtheit und Tragik. Schonungslos dokumentiert sie einen Zirkel von Gewalt innerhalb von Familien oder durch Ehepartner, denen viele Kinder und Frauen bis heute ausgeliefert sind. Diese literarische Komponente der Romanvorlage so eindringlich herauszustellen, ist eine große Leistung des Hörspiels.

Hervorgehoben werden soll an dieser Stelle auch die hohe Qualität der Hörspielmusik von Evi Keglmeier und Greulix Schrank. Sie unterstützt den Inhalt des Textes nicht nur atmosphärisch. Durch das Zitieren und Verfremden von volksmusikalischen Elementen vollzieht sie im Medium Musik das, was das Hörspiel auch auf textlicher Ebene tut: die Austreibung jeder Art von Heimeligkeit aus der „Heimatkunst“, auf die das Schaffen von Lena Christ in der Rezeption allzu oft reduziert wurde.

Das Buch endet mit Christs Emanzipation als Schriftstellerin. Nur acht Jahre später, am 30. Juni 1920, nahm sich Lena Christ mit 38 Jahren das Leben. Durch die Hörspiel-Adaption des Bayerischen Rundfunks wird die Biografie der bedeutenden bayerischen Schriftstellerin anlässlich ihres 100. Todestages wieder greifbar und zugänglich. Nicht zuletzt dies macht die Hörspielproduktion „Erinnerungen einer Überflüssigen“ zum Hörspiel des Monats Juni.

Jury und gastgebender Sender 2020 

Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München
Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München
Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

Gastgebender Sender: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Mai 2020 

The Revolution Will Be Injected

von Orlando de Boeykens, Tucké Royale, Hans Unstern

  • Regie und Komposition: Orlando de Boeykens, Tucké Royale, Hans Unstern

  • Dramaturgie: Johann Mittmann und Julia Gabel

  • Produktion: DLF Kultur

  • Länge: 55 ́33‘‘

  • Erstsendung: 14.05.2020

The Revolution Will Be Injected Hörprobe

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Orlando de Boeykens, Tucké Royale und Hans Unstern
Foto Dorothea Tuch

zum Hörspiel, zur Audiothek des DLF 

Die Begründung der Jury 

„Was für eine Feministin bin ich heute: eine Feministin, abhängig von Testosteron oder ein transgeschlechtlicher Körper von Feminismus abhängig? Ich habe keine Wahl, ich muss meine Klassiker revidieren und meine Theorien diesem Erdbeben des Testosterons aussetzen.“

Orlando de Boeykens, Tucké Royale und Hans Unstern verhandeln in ihrem Hörstück „The Revolution Will Be Injected“ die selbstbestimmte Injektion von Testosteron und die daraufhin langsam einsetzende Transformation von einem weiblichen in einen männlichen Körper. Die Entscheidung zur Einnahme des Hormons führt zu einer umfassenden Erschütterung im Leben der Protagonistinnen: Geschlechterkonzepte, gesellschaftliche Sichtweisen, aber auch die eigene Körperwahrnehmung, Vergangenheit und Identität werden hinterfragt, neu verordnet und definiert. In einer äußerst gelungenen Komposition aus verschiedenen Textsorten wie Packungsbeilagen, persönlichen Erfahrungsberichten, Sachtexten und performativen Elementen begleitet das Hörspiel den Entscheidungsprozess zum Testosteron und führt vor Augen, was eine solche Transformation bedeutet. Eine besondere Leistung der Hörspielproduktion liegt darin, dass die Auswirkungen und Dimensionen der durch Testosteron erzeugten Veränderungen auch für die Hörerinnen nachvollziehbar werden.  Klug und empathisch leistet „The Revolution Will Be Injected“ so einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung über non-binäre Identität und Transgender und damit auch gegen Diskriminierung von Homo-, Bi-, Inter- und Transsexualität. Das macht es zum Hörspiel des Monats Mai!

Die Text- und Soundmontage lässt die Zuhörer*innen in die Gefühlswelt einer Trans-Person eintauchen und berührt dabei ein hochpolitisches und gesellschaftlich relevantes Thema. Durch den Wechsel zwischen deutscher und englischer Sprache, zwischen Sprechtext und Song, findet das Hörspiel auch eine schlüssige Form für den Zustand des „Inbetween“, des Dazwischen-Seins, der die thematische Ebene bestimmt. Sich als non-binär zu identifizieren und in einer binär strukturierten Geschlechterordnung zu bewegen, beinhaltet viele Schwierigkeiten, Diskriminierungserfahrungen und Gefahren. Erst recht, wenn die durch das Testosteron herbeigeführte Veränderung des Phänotyps dazu führt, dass man von der Umwelt zwar als Mann gelesen wird, aber nicht automatisch dem Klischee eines Mannes entsprechen will. Die Packungsbeilage, die vor den Konsequenzen der Einnahme des Hormons für Frauen warnt, da diese bei Doping-Kontrollen positiv getestet werden könnten, ist nur ein Beispiel einer beschränkten Weltsicht, in der die Begriffe von Frau und Mann auf einer chromosomalen Definition beruhen. „Das Labor setzt einen männlichen Nutzer voraus, der auf natürliche Weise nicht ausreichend Androgen produzieren kann und der offenkundig heterosexuell ist", heißt es im Hörspiel.

Mitreißend, klug und witzig erzählt „The Revolution Will Be Injected“ davon, wie es ist, wenn über den Körper eine zweite Pubertät hereinbricht, von der Problematik der Toilettenwahl und gesellschaftlicher Isolation, weil die Community die nicht ungefährliche medizinische Anwendung kritisiert. Neben der Schilderung intensiver körperlicher Erfahrungen eröffnet das Hörspiel u. a. mit Texten bekannter Gendertheoretiker*innen wie Paul B. Preciado einen notwendigen Diskurs über gesellschaftliche Norm und Moral: „Ich verabreiche mir nicht nur das Hormon, das Molekül, sondern ebenso sehr die Idee dieses Hormons: eine Reihe von Zeichen, Texten und Diskursen, den Prozess, durch den das Hormon synthetisiert werden konnte, die technische Sequenz, durch die es sich im Labor materialisiert. Ich injiziere mir eine hydrophob und kristallin karbonisierte Kette von Steroiden und mit ihr ein Stück Geschichte der Moderne“, so Tucké Royal im Stück.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und damit, was diese das eigene Verständnis von Feminismus prägt, verbindet „The Revolution Will Be Injected“ mit dem Werk der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux, zu deren 80. Geburtstag zwei Hörspielproduktionen erscheinen. Für eine davon, „Erinnerung eines Mädchens“, in der Hörspielbearbeitung von Irene Schuck produziert vom Südwestrundfunk, spricht die Jury eine lobende Erwähnung und ausdrückliche Hörempfehlung aus. Ernaux schonungslose Sektion der eigenen Biografie führt auf erschütternde Weise auf, wie gesellschaftliche Rollenmuster unser aller Biografien prägen und beschädigen. Und dass wir zwar vielleicht etwas weiter gekommen sind seit 1958, aber nicht annähernd weit genug.

Jury und gastgebender Sender 2020 

Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München
Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München
Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

Gastgebender Sender: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel April 2020 

Türken, Feuer

von Özlem Özgül Dündar

  • Regie: Claudia Johanna Leist

  • Komposition: Schneider TM (Dirk Dresselhaus)

  • Mit: Lilay Huser, Marina Galic, Kathleen Morgeneyer, Johanna Gastdorf, Ansgar Sauren, Francesco Schramm, Tula Rilinger

  • Dramaturgie: Gerrit Booms

  • Produktion: WDR

  • Länge: 53'28‘‘

  • Erstsendung: 18.04.2020

Türken, Feuer Hörprobe

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Özlem Özgül Dündar
Foto ©Dincer Gücyeter

zum Hörspiel, zur Audiothek der ARD 

Die Begründung der Jury 

Ein Albtraum made in Germany. Sein Drehbuch lautet: Deutsche töten „Andere“ durch Feuer.

„alles hat eine ganz bestimmte stückzahl und meine füße kennen nur noch diesen einen weg mit dieser einen stückzahl und er führt ins feuer“. So spricht eines der Opfer des rassistischen Brandanschlags von Solingen am 29. Mai 1993, die im Hörspiel „türken, feuer“ von Özlem Özgül Dündar eine Stimme bekommen. Es sind ausschließlich Frauen, die sprechen. In einer Sprache, deren poetische Bilder so dosiert und präzise sind, dass sie das Geschehen mit einem Höchstmaß an erschütternder Intensität vergegenwärtigen.

Ein Albtraum made in Germany. Sein Drehbuch lautet: Deutsche töten „Andere“ durch Feuer. 1992 bildeten Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda den Auftakt einer rassistischen Anschlagsreihe in der Bundesrepublik. Jahrzehntelang nährten sie den für den Westen der Republik so bequemen Mythos, rassistische Gewalt sei vor allem ein ostdeutsches Problem. Nahezu völlig aus der kollektiven Erinnerung verdrängt wurden die ersten rassistisch motivierten Brandanschläge in Westdeutschland, in Mölln 1992 und eben in Solingen 1993.

Es ist ein großes Verdienst dieses Hörstücks, dass es dem Vergessen und der Verdrängung dieser Verbrechen entgegentritt. Es legt damit den Finger in die klaffende Wunde des Totalversagens einer Gesellschaft, die die wirklichen „Alarmzeichen“ einer Entwicklung, die bereits vor drei Jahrzehnten begann, bis heute weitestgehend ignoriert oder mindestens grob verharmlost.

Am 29. Mai 1993 zündeten vier junge vier junge Männer deutscher Abstammung in Solingen ein Haus an, in dem mehrere Familien türkischer Abstammung lebten. Fünf Menschen kamen durch den Brandanschlag ums Leben, darunter die 27-jährige Gürsün Inçe. Sie opferte sich für ihre dreijährige Tochter, indem sie mit ihr aus dem Fenster sprang und so fiel, dass das Kind überlebte. Im Hörspiel des Monats April 2020 lässt die Autorin Özlem Özgül Dündar, selbst 1983 in Solingen geboren, unter anderem diese Mutter zu Wort kommen und schildert das schreckliche Ereignis aus ihrer Perspektive. Diese intensive Innenschau der Gedankenwelt hat für die Betroffene den Effekt, dass sie nicht in der passiven Opferrolle verharrt, sondern zur aktiv Handelnden wird: das Erzählen als Selbstermächtigung gegen Vergessen, Rassismus, aber auch stereotype Geschlechterrollen.

Dem herausragenden Sprecherinnen-Ensemble gelingt es unter der Regie von Claudia Johanna Leist und subtil unterstützt durch die atmosphärische Spannung der Musik von Dirk Dresselhaus, den Toten, den traumatisierten Überlebenden, aber auch der Angehörigen eines mutmaßlichen Täters eine Stimme zu geben. In größtmöglicher Dringlichkeit konfrontiert das Hörspiel sein Publikum damit, wie es den Opfern rassistischer Gewalt ergeht. Anstatt jedoch bei sich selbst zu verharren, treten diese unterschiedlichen weiblichen Stimmen miteinander in Dialog und vollziehen so den Perspektivwechsel, der dieses Stück so herausragend macht:

„ich möchte mit dir sprechen ich möchte mit dir sprechen auch wenn ich keine stimme in diesem stück oder irgendeinem stück bekomme auf die straße will ich gehen und mit dir sprechen in einem raum der nicht hier ist in diesem stück wo alle uns hören ich möchte mich mit dir unterhalten mich mit dir austauschen ich möchte mehr reden mit dir mit menschen um mich herum ich möchte eine stimme haben eine stimme in dieser sprache und ich möchte mich mitteilen können meine gedanken aussprechen in der sprache die du verstehst“

Özlem Özgül Dündar belässt es in ihrem Hörspiel nicht dabei, nur den Opfern und somit auch den Frauen eine Stimme zu verleihen, sondern sie fordert zur Auseinandersetzung auch mit unvereinbaren Positionen auf. Eben dieser Perspektivwechsel ist die Grundvoraussetzung für die Überwindung rassistischer Denk- und Handlungsstrukturen. Wegen seiner großen gesellschaftlichen und politischen Dringlichkeit verbindet sich daher mit der Würdigung von „türken, feuer“ als Hörspiel des Monats nicht nur die dringende Empfehlung, dieses Stück zu hören, sondern auch, es in die Lehrpläne deutscher Schulen aufzunehmen.

Jury und gastgebender Sender 2020 

Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München
Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München
Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

Gastgebender Sender: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel März 2020 

Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein

von Benjamin Maack

  • Regie: Iris Drögekamp

  • Komposition: Nikolai von Sallwitz

  • Mit: Stefan Konarske, Stefan Hunstein, Matthias Leja, Patricia Ziolkowksa, Tanja Schleiff, Bibiana Beglau, Sonja Dengler, Valentin Herre, Oscar Musinowski, Jannek Petri, Heiko Raulin, Bernhard Schütz, Tim Seyfi und Benjamin Maack (Nachwort)

  • Redaktion: Michael Becker

  • Produktion: NDR

  • Länge: 90'

  • Erstsendung: 04.03.2020

Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein Hörprobe

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Benjamin Maack
Foto NDR/Andreas Rehmann

zum Hörspiel, zur Audiothek der ARD 

Die Begründung der Jury 

Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ schildert schonungslos ehrlich die qualvolle Innensicht einer Depression.

Als er die Psychiatrie betritt, schämt er sich am meisten für seinen großen schwarzen Rollkoffer. „Sollte man nicht in aller Eile, mit einer nachlässig vollgestopften Tasche, und wochenlang nicht gewaschenen Kleidern, ungeduscht und tränenverschmiert in die Klinik kommen?“, fragt sich Benjamin Maack, der Autor und Protagonist des Hörspiels „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“. Er leidet an Depressionen, vor vier Jahren hat er sich schon einmal in dieselbe Klinik einweisen lassen. Maacks Angst davor, den äußeren Erwartungen an einen „richtigen Kranken“ nicht gerecht zu werden, ist so nachvollziehbar wie absurd. In ihr offenbart sich ein großes Tabu unserer leistungsorientierten Gesellschaft, in der es vor allem darum geht, zu funktionieren. Psychische Probleme werden oft nicht als Krankheiten anerkannt. Symptome wie keinen Antrieb zu haben, sind verpönt. Seinen Mitmenschen aufgrund der eigenen Verfassung zur Last zu fallen, ebenso. Selbst die Diagnose Depression schützt den Ich-Erzähler des Hörspiels nicht vor diesem verinnerlichten Leistungsdruck: „Ich bewerbe mich um einen Job als Kranker, obwohl ich weiß, dass ich ihn nicht verdient habe“, heißt es im Hörspiel. Oder: „Ich wünsche mir, ich hätte ein richtiges Problem, aber irgendwie habe ich ein falsches.“ Einprägsame, treffsichere Sätze wie diese weisen auf diesen gesellschaftlichen Missstand hin und machen die eineinhalb Stunden zu einer intensiven, fast schmerzhaften Hörerfahrung.

Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ schildert schonungslos ehrlich die qualvolle Innensicht einer Depression. Der Protagonist berichtet von seinem ihm aussichtslos erscheinenden Leben, dem Aufenthalt in der „Geschlossenen“, den Nebenwirkungen von Psychopharmaka, vom Schreiben als Instrument des Überlebens.

Das von Iris Drögekamp inszenierte Hörspiel schwankt zwischen Momenten tiefster Verzweiflung, Hoffnung und Panik, enthält aber auch viele tragikomische Szenen, wie etwa die, in der Maack in der Klinik „darauf bedacht ist, nicht zu lächeln und keinen Witz zu machen, weil er Angst hat, rauszufliegen. Obwohl fast ausschließlich der Ich-Erzähler spricht, schöpft das Hörspiel seine klanglichen Möglichkeiten umfassend aus und macht die Depression fühl- und hörbar. Das Sounddesign bringt die Hörer/innen direkt in den Kopf und Körper des Protagonisten.

Maacks dichter, poetischer Text ist kein leicht zu konsumierender Stoff. Die Gedanken seines Hörspiel-Ichs kreisen um Selbsthass, Selbstbestrafung und Schuldgefühle, auch Selbstmordgedanken werden unmissverständlich formuliert: „Das Leben wird zu einer Liste von Erledigungen und der letzte Punkt ist der Tod“, sagt der Protagonist an einer Stelle. Sich mit einem so persönlichen Krankheitsbild vor einer breiten Öffentlichkeit zu outen, ist nicht nur mutig, sondern hat auch eine enorme gesellschaftliche Relevanz: Indem das Hörspiel den Umgang mit Depression thematisiert, wirkt es deren gesellschaftlicher Tabuisierung entgegen. Maack knüpft dabei an die literarische Tradition des Schreibens als Therapie und Selbstermächtigung an, indem er seiner Krankheit seinen Text entgegenstellt: „Als es richtig schlimm wurde, habe ich angefangen zu schreiben. Mit einem Kugelschreiber saß ich auf meinem Krankenhausbett und spie in die Kladde, was in meinem Kopf war, was da tobte, die ganzen Splitter, den ganzen Schrecken.“ Dessen hohe poetische Qualität, die intensive (Klang-) Dramaturgie der Inszenierung, die herausragende Sprecherleistung von Stefan Konarske in der Hauptrolle und das hoch brisante Thema machen „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ zum Hörspiel des Monats März 2020. 

Triggerwarnung: Wir möchten darauf hinweisen, dass das Hörspiel suizidale Gedanken thematisiert. Menschen, die an Depressionen leiden oder depressive Episoden haben, können dadurch in der Ansicht bestärkt sehen, dass das Leben wenig Sinn habe. Sollte es Ihnen so ergehen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge oder bitten Sie Ihre Familienmitglieder oder Freunde um Hilfe. Wie auch der Autor selbst zu Beginn des Hörspiels sagt: Niemand muss und kann alleine mit Depressionen fertig werden!

Jury und gastgebender Sender 2020 

Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München
Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München
Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

Gastgebender Sender: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Februar 2020 

Die weite weite Sofalandschaft

von Malte Abraham

  • Regie: Malte Abraham

  • Komposition: Sebastian Jurchen

  • Mit: Esther Hilsemer, Lea Ostrovskiy, Felix Goeser, Michael Hanemann, Nicolas Lehni und Aram Tafreshian

  • Redaktion: Barbara Gerland

  • Produktion: Dlf Kultur

  • Länge: 56'

  • Erstsendung: 05.02.2020

Die weite weite Sofalandschaft Hörprobe

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Arno Zilla liegt seit zwei Wochen in der Badewanne, um dem Homeoffice hinter der Tür zu entgehen.
Foto Theresa Richter /DLF

zum Hörspiel, zur Audiothek des DLF 

Die Begründung der Jury 

Die Protagonist*innen im Hörspiel „Die weite weite Sofalandschaft“ von Malte Abraham bewegen sich zwischen Arbeit und Urlaub.

„ich habe beim duschen daran gedacht, was zwischen mir und der arbeit liegt,wenn zwischen mir und der arbeit kein weg liegt. ich habe lange nachgedacht. ich habe an nichts gedacht. ich habe an das nichts gedacht, das zwischen mir und der arbeit liegt.“

Die Protagonist*innen im Hörspiel „Die weite weite Sofalandschaft“ von Malte Abraham bewegen sich zwischen Arbeit und Urlaub, wobei ersteres den einzigen Lebensinhalt und Lebenszweck darstellt. Der Ort der Arbeit ist sowohl das Büro als auch das zum „Homeoffice“ umfunktionierte Zuhause. Hierbei verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen privatem und beruflichem Raum wie auch privater und beruflicher Identität, so dass diese letztendlich nicht mehr zu unterscheiden sind und der Protagonist Arno Zilla die Badewanne als seinen letzten privaten Rückzugsort wählt. Seit zwei Wochen liegt er darin, weil hinter der Badezimmertür das Homeoffice lauert.

„von der entgrenzten arbeit in den grenzenlosen urlaub“

Ebenso dystopisch und identitätslos wie der Arbeitsplatz ist auch der Urlaubsort, der weder Stadt noch Land, sondern lediglich ideal temperierte Erholungskulisse mit konstanter und reservierungspflichtiger Meeres-Brandung ist. Kein Wunder also, dass da der patente Geschäftsmann Tom Tropick den Urlaubsort inklusive Sandstrands,

Pazifischem Ozean und konstantem Klima einfach mal in eine große Halle verlagert. Dass es sich bei dieser Halle um das ehemalige Büro des insolvent gegangenen TROPICK Reisebüros handelt und draußen auf dem Meer die ehemaligen Angestellten an Schreibtischplatten geklammert ertrinken, ist nur eine von vielen absurden Details dieser literarisch wie dramaturgisch hervorragend komponierten Radio-Groteske.

Was wie ein abstruser Alptraum anmutet, ist unserer Realität so nah, dass sich beim Hören ein zunehmendes Unbehagen einstellt. Indem die Protagonist*innen des Hörspiels vorführen, wie egozentrisch und zugleich gefangen das westliche Individuum ist, schafft „Die weite weite Sofalandschaft“ ein Plädoyer gegen unser kapitalistisches Wirtschafts- und Wertesystem, das Sinnhaftigkeit und Anerkennung einzig an Erwerbsarbeit koppelt. Auf subtile Weise stellt das Hörspiel dabei einen überraschenden und erhellenden Zusammenhang mit der Klimakrise her: Je überarbeiteter die Gesellschaft, desto dringender ihr Bedürfnis, durch möglichst weite Flugreisen wenigstens kurz der entgrenzten Arbeit zu entgehen.

Das Hörspiel „Die weite weite Sofalandschaft“ öffnet hierbei Räume, die nur innerhalb der Gattung erzeugt werden können – etwa, wenn das Rauschen in der Telefonleitung plötzlich das Rauschen des Ozeans wird – und schöpft so gekonnt die Potenziale der Gattung Hörspiel aus. Das gilt für die Telefonwarteschleife, in der sich die Zuhörer*innen selbst befinden, ebenso wie für den leitmotivischen Einsatz verschiedenartigster Wassergeräusche.

 „wenn das die zukunft ist, werde ich mir sagen, dann will ich daran nicht teilnehmen.“

 In der Gegenwart des Februar 2020 jedoch trägt „Die weite weite Sofalandschaft“ auf hohem literarischem und klangdramaturgischem Niveau einen Beitrag dazu, dass diese Zukunft nicht eintritt. Deshalb spricht ihm die Jury den Titel des Hörspiels des Monats Februar 2020 zu.

Jury und gastgebender Sender 2020 

Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München
Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München
Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

Gastgebender Sender 2020: Bayerischer Rundfunk

Hörspiel Januar 2020 

Die Toten haben zu tun - اﻟﻣوﺗﻰ ﻣﺷﻐوﻟون

von Mudar Alhaggi und Wael Kadour
aus dem Arabischen von Larissa Bender

  • Regie: Erik Altorfer

  • Komposition: Martin Schütz

  • Mit: Rami Khalaf, Yvon Jansen, Sebastian Rudolph

  • Redaktion: Sabine Küchler

  • Produktion: Dlf

  • Länge: 82'15‘‘ (Zweiteilige Version: Teil 1: 42’33, Teil 2: 41’24)

  • Erstsendung: 18.01.2020

Die Toten haben zu tun Hörprobe

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Foto DLF

zum Hörspiel, zur Audiothek des DLF 

Die Begründung der Jury 

„Versuch kein Held zu sein, wenn du schwach bist!“ Das ist nur einer der vielen klugen Sätze, die einem aus dem Hörspiel „Die Toten haben zu tun اﻟﻣوﺗﻰ ﻣﺷﻐوﻟون" von Mudar Alhaggi und Wael Kadour im Gedächtnis bleiben.

Das Hörspiel des Monats Januar 2020 verbindet ästhetische Qualität und gesellschaftliche Relevanz auf einem beeindruckend hohen Niveau. Solche multiperspektivischen Stücke basierend auf Erfahrungen möchte man hören!  Das vom Deutschlandfunk produzierte Originalhörspiel, das von Larissa Bender aus dem Arabischen übersetzt wurde, lässt diejenigen selbst zu Wort kommen, die in Deutschland und Europa derzeit meist nur Objekt von Debatten sind: Wie ihr Protagonist Taha leben auch die beiden aus Syrien stammenden Autoren in Berlin und Paris im politischen Exil. Eindringlich und sehr sensibel erzählen sie in ihrem Hörspiel die Geschichte der besonderen Freundschaft zwischen dem Syrer Taha und der Deutschen Mira. Hierbei tritt Mira zunächst als die vermeintlich Starke auf, die dem auf den ersten Blick hilflos erscheinenden Flüchtling hilft. Die Freundschaft entwickelt sich jedoch zunehmend zu einer Beziehung auf Augenhöhe und die anfängliche Rollenverteilung stellt sich als trügerisch heraus.

Taha spricht über die politische Repression in seinem Herkunftsland und seine Trauer über das Scheitern des demokratischen Aufbruchs in der arabischen Welt, an dem er aktiv beteiligt war. Dadurch tritt der Protagonist aus der Rolle des Opfers heraus und begegnet uns als handelndes Subjekt. Beeindruckend ist auch Tahas bei aller Melancholie entwaffnend ironischer Umgang mit der Exilsituation: Er berichtet davon, dass er seine Zeit zwischen Behördengängen und Trauern aufteilen muss, „so dass ich weder aktiv noch depressiv sein konnte ... Ich wurde ein Flüchtling.“ Das Hörspiel thematisiert jedoch nicht nur die Traumata der Überlebenden und deren Schuldgefühle gegenüber den Toten, es hinterfragt auch feinsinnig die Kategorien von Heldentum und Feigheit, Stärke und Schwäche – um nur einige der anspruchsvollen Diskurse zu nennen, die das Stück aufmacht.

Um die traurige und sehr emotionale Geschichte von Taha und Mira zu erzählen, verweben die Autoren Mudar Alhaggi und Wael Kadour unterschiedliche stilistische Formen von Reportage über Tagebuchnotizen bis hin zum Puppentheater, das Taha im libanesischen Flüchtlingslager spielte und aus dem sich im Stück eine „Geschichte in der Geschichte“ ergibt. Dies ist nur ein wunderbares Beispiel für die formalen Qualitäten, die den Text und seine Inszenierung insgesamt auszeichnen. Mit den Sprechern Rami Khalaf, Yvon Jansen und Sebastian Rudolph und unter der Regie von Erik Altorfer entfaltet sich das Stück auf hohem sprecherischem Niveau. Hier ist besonders hervorzuheben, dass auch der arabische Originaltext im Stück hörbar wird. Dies ist ein besonders gelungener Regie-Einfall, da er den im Stück angelegten Perspektivwechsel unterstützt: Für kurze Momente während dieses Hörspiels befindet sich zur Abwechslung einmal das deutschsprachige Radiopublikum in der Situation der Fremdheit und Desorientierung, die für Menschen auf der Flucht zum Alltag gehört. Durch den genau dosierten Einsatz von Stimm-Effekten für jede Szene eröffnet die Regie zudem einen neuen imaginären Raum. Das ermöglicht eine sinnliche Hörerfahrung, ohne in forcierten Realismus zu verfallen. Der leitmotivische Einsatz der von Martin Schütz komponierten Originalmusik sowie die beherzte Verwendung der Stereofonie stellt die Zerrissenheit der Figuren auf plausible, aber dennoch unaufdringliche Weise heraus.

Jury und gastgebender Sender 2020 

Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus, München
Anna Steinbauer, Kulturjournalistin, Autorin und Redakteurin, München
Gerald Fiebig, Audiokünstler, Lyriker und Leiter des Kulturhauses abraxas in Augsburg

Gastgebender Sender: Bayerischer Rundfunk

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste benennt zum  

Hörspiel des Jahres 2019

GEH DICH DICHTIG!
anarischer Hörspieldialog mit der Wiener Dichterin Elfriede Gerstl
von Ruth Johanna Benrath

  • Regie: Christine Nagel

  • Komposition: Lauren Newton

  • Mit: Lauren Newton, Gerti Drassl, Dörte Lyssewski

  • Produktion: ORF/BR 2019

  • Länge: 42'

  • Erstsendung: 07.04.2019

In „GEH DICHT DICHTIG!“ tritt die in Berlin lebende Autorin Ruth Johanna Benrath in einen fiktiven Dialog mit der von ihr verehrten Wiener Dichterin Elfriede Gerstl (16. Juni 1932 - 9. April 2009). Elfriede Gerstl verfasste Gedichte, Essays, kurze Prosastücke und „Denkkrümel“, wie sie selbst einige ihrer Texte nannte. Sie zählt zu den Größen der österreichischen Literatur nach 1945. Sie stammte aus einer jüdischen Zahnarztfamilie und überlebte die Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Verstecken in Wien.

1980 betrachtete Elfriede Gerstl in ihrem Essay "Aus der Not ein Hörspiel machen, zur Not ein Hörspiel hören“ die Chance des Hörspiels im Verursachen von „Denkanstößen“.  Diesen Gedanken nimmt „GEH DICHT DICHTIG! Hörspieldialog mit Elfriede Gerstl“ von Ruth Johanna Benrath auf, indem Benrath aus Anlass von Elfriede Gerstls 10. Todestag auf deren „Denkkrümel“ mit ihren eigenen Texten antwortet. Die akustische Umsetzung bildet den Verlauf dieses Dialogs nach. Aus literarischem Geplänkel erwächst ein Verfahren, in dem Gerstl (Gerti Drassl) und Benrath (Dörte Lyssewski), ihre unterschiedlichen Auffassungen vom literarischen Schreiben aneinander reiben, und schließlich in fantasievollen Sprachwitz überführen. Lauren Newton trägt mit ihren Klangflächen und Sprachspielen diesen Dialog zweier Autorinnen, die sich im realen Leben nie begegnet sind, jedoch auf sprachlicher Ebene einander tief durchdringen.

Ruth Johanna Benrath
Foto Bernd Suchland

Zur Autorin 

Ruth Johanna Benrath, geboren 1966 in Heidelberg, ist Prosa-, Lyrik-, Theater- und Hörspielautorin. 2009 wurde ihr erster Roman Rosa Gott, wir loben dich veröffentlicht, zwei Jahre später Wimpern aus Gras. 2011 erhielt sie den Frau Ava Literaturpreis, 2013 den Preis des Coburger Forums junger Autoren für das Jugendtheaterstück Klassenkämpfe. Für das Kindertheaterstück Der Junge bei den Fischen bekam sie ein Stipendium zum Deutschen Kindertheaterpreis. 2015 erschien das Jugendtheaterstück Frankfurt/Oder, Frankfurt/Main. Ruth Johanna Benrath lebt in Berlin.

GEH DICHT DICHTIG! Hörprobe

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zum Hörspiel, zur Audiothek des BR 

Die Begründung der Jury zur Wahl des Hörspiel des Jahres 2019 

In Ergänzung zu ihrer Monatsbegründung schreibt die Jury:
Wenn ein Preis bereits 31 Mal verliehen worden ist, könnte sich beim 32. Mal leicht ein Hauch von Routine einschleichen. Dies ist 2019 beim „Hörspiel des Jahres“ keineswegs der Fall: Erstmals haben am Wettbewerb Einreichungen des ORF und des SRF teilgenommen, und gleich zum ersten Mal geht die Auszeichnung an eine ORF-/BR-Produktion: „Geh dicht dichtig! Hörspieldialog mit Elfriede Gerstl“ von Ruth Johanna Benrath.

Dieser imaginäre Dialog der Wiener Dichterin Elfriede Gerstl (Gerti Drassl) mit der Berliner Autorin Ruth Johanna Benrath (Dörte Lyssewski), der durch Lautimprovisationen der US-amerikanischen Klangkünstlerin Lauren Newton als gleichberechtigter zusätzlicher Stimme trialogisch konzipiert ist, zeigt eine perfekte Melange gestalterischer Parameter: Das Hörspiel präsentiert sich als Wort-, Klang- und Gedankenexperiment und wird durch den anarchischen Umgang mit Sprache und einer selten so gelungenen Rhythmisierung sprachlicher Musikalität zum Unikat, zu einer vor Intensität leuchtenden Hommage an die 2009 verstorbene Elfriede Gerstl.

Wie kein anderes Hörspiel im Jahr 2019 überzeugt die Produktion durch ein mitreißendes Wechselspiel dreier Klangquellen, die im Endprodukt völlig assoziativ entstanden zu sein scheinen. Dieses wechselseitige Durchdringen unterschiedlicher Sprach- und Lautgenres als Ergebnis einer multifunktionalen Kollektivleistung des Produktionsteams unter der beeindruckenden Regie Christine Nagels macht den performativen Charakter von „GEH DICHT DICHTIG!“ aus und das Werk zu einem lautpoetischen Klangkunsthörspiel außergewöhnlicher Art: Sprachklang wird schillernd transportiert, geräuschhafte Strukturen wirken im besten Sinne so integrierend wie irritierend, ihre ausgeklügelte Mischung mit konkreter Sprache schafft Distanz, provoziert und produziert eine mitunter köstlich-absurde Komik. Das Zulassen des Assoziativen evoziert den dadaistischen Effekt des scheinbar Kindlich-Naiven, des bewusst Nicht-Reflektierten. Sprache wird aktiviert, um Sprache um- und aufzuschürfen und ihr neue Lebendigkeit durch die Freude am Wort und am Vokalisieren zu verleihen. Loops, Grooves und variantenreiche Chaosfaktoren in der Textstruktur finden sich sowohl auf sprachlich konzipierter als auch musikalisch improvisierter Ebene. Dies führt zu einer atemberaubend dynamischen Interaktion im fiktiven Dialog. Das virtuose Akustikexperiment „GEH DICHT DICHTIG!“ produziert einen fantasievollen Sprachwitz, der von Literatenkollegen wie Ernst Jandl oder Oskar Pastior inspiriert zu sein scheint, aber in seiner individuellen Ausformung völlig eigenständig dasteht und auf beispielhafte Weise ein Feuerwerk des Auditiven zündet.

Die Begründung der Jury zur Wahl des Hörspiel des Monats April 2019 

Worin liegt der Reiz am literarischen Dialog mit einer sprachmächtigen Autorin? Das Hörspiel „GEH DICHT DICHTIG!“ liefert eine ungewöhnliche Antwort. Konzipiert als Hommage an die 2009 verstorbene Wiener Dichterin Elfriede Gerstl, an deren Werk, vor allem ihren anarchischen Umgang mit Sprache, anlässlich des zehnten Todestages erinnert werden soll, gestaltet es einen imaginären Dialog von Gerstl (gespielt von Gerti Drassl) mit der Autorin Ruth Johanna Benrath (Dörte Lyssewski).

Die Lebendigkeit im fiktiven Dialog, der normalerweise nur live so entstehen könnte, wird wirkmächtig verstärkt durch eine zusätzliche Stimme in Form von Lautimprovisationen der US-amerikanischen Klangkünstlerin Lauren Newton. Diese neue Art eines Trialogs auf verschiedenen Gestaltungsebenen verleiht dem fiktiven Austausch ironischer Textfragmente und Gedankenketten eine besondere Note und große Intensität.

Äußerst gelungen wirkt das Wechselspiel der drei Klangquellen, die im Endprodukt völlig assoziativ entstanden zu sein scheinen. Dieses wechselseitige Durchdringen macht den Reiz von „GEH DICHT DICHTIG!“ aus. Auf diese Weise entsteht ein lautpoetisches Klangkunsthörspiel außergewöhnlicher Art: Der Klang der Sprache wird schillernd transportiert, die Geräusche irritieren im besten Sinne, die Mischung mit konkreter Sprache schafft Distanz und provoziert zugleich beim Zuhören. Das Zulassen des Assoziativen evoziert den dadaistischen Effekt des scheinbar Kindlich-Naiven, des bewusst Nicht-Reflektierten. Sprache wird gebraucht, um Sprache um- und aufzuschürfen und ihr eine neue Lebendigkeit durch die Freude am Wort und am Vokalisieren zu verleihen. Das anarchistische Zulassen von Sprachexperiment und fantasievollem Sprachwitz führt bei Ruth Johanna Benraths Hörspiel zu einem Feuerwerk der Töne: Wie sich Sätze und Worte auflösen, löst sich am Ende des sprachmusikalischen Hörspiels auch das Spiel der beiden Autorinnen auf.

Jury und gastgebender Sender 2019 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

Eine von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste eingesetzte Jury wählt Monat für Monat aus den ARD-, ORF- und SRF-Ursendungen die nach ihrer Meinung beste Produktion. Aus 12 „Hörspielen des Monats“ wählt die gleiche Jury das „Hörspiel des Jahres“.

Hörspiel des Monats Dezember 2019 

Woyzeck

von Georg Büchner

  • Bearbeitung, Regie, Sounddesign und Technik: Stefan Weber

  • Komposition: Emile Waldteufel / Franz von Suppé, bearbeitet von Stefan Weber

  • Mit: Markus Meyer, Katrin Thurm, Matthias F. Stein, Wolfgang Hübsch, Matthias Mamedof

  • Produktion: ORF

  • Länge: 56‘12“

  • Erstsendung: 21.12.2019

Woyzeck Hörprobe

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Markus Meyer (vorne), Stefan Weber (hinten)
Foto Joseph Schimmer / ORF

Begründung der Jury

Das Hörspiel „Woyzeck“ (Autorenproduktion im Auftrag des ORF, 2019) nach dem gleichnamigen Theaterstück von Georg Büchner beeindruckt im besonderen Maße als hoch konzentriertes und zur Konzentration zwingendes Kunstwerk. Dieses außerordentlich intensive Gestaltungsprinzip, ermöglicht durch die herausragende Leistung der Schauspieler (u. a. Markus Meyer als „Woyzeck“, Matthias F. Stein als „Hauptmann“ und Katrin Thurm als „Marie“), fesselt vom Anfang bis zum Ende der Produktion. Wenngleich es für das „Woyzeck“-Fragment bereits zahlreiche (Hör-)Inszenierungen gibt, überzeugt die von Stefan Weber verantwortete Dramatisierung durch einen originellen Umgang mit dem Stoff: Vom konsequenten Missbrauch einer deformierten Kreatur bis zum affektgesteuerten Mord am Ende einer Gewaltspirale ermöglicht das Hörspiel einen bewegend-empathischen Mitvollzug von Woyzecks Demontage bis hin zu seiner emotionalen Zerrüttung. Die nicht nachlassende Wirkung des Werks basiert auf einer Inszenierung, die auf allen Ebenen minimalistisch mit Feinschattierungen und Laut-Leise-Brüchen operiert. Webers Produktion ist reduziert, aber in ihrer Gestaltung höchst effektiv und gerade dadurch umso eindringlicher und wirkmächtiger. Die emotionalen Ausnahmezustände eines empfindsamen Menschen, dem das Menschsein unmöglich gemacht wird, erscheinen so für die Hörenden schmerzvoll nachfühlbar.

Lobende Erwähnung 

Eine lobende Erwähnung spricht die Jury für das Hörspiel "Zornfried" (WDR 2019) von Jörg-Uwe Albig aus. Die scharfe Satire auf das Faszinations- und Verstörungspotenzial der Neuen Rechten arbeitet mit vehementen inszenatorischen Mitteln, v. a. mit beeindruckenden Rezitationen technisch hervorragend nachkomponierter Lyrik im Stefan George-Stil als Mittel der sezierenden Ideologiekritik und handlungslenkenden Strukturierung. Entlarvend, burlesk, mahnend!

Jury und gastgebender Sender  

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

Hörspiel November 2019 

Teure Schwalben
von Irmgard Maenner

  • Regie: Heike Tauch

  • Komposition: Janko Hanushevsky

  • Mit: Irm Hermann, Julika Jenkins, Veronika Bachfischer, Sascha Nathan, Florian Lukas, Friedhelm Ptok, Markus Gertken, Judith Engel, Shelly Kupferberg

  • Redaktion: Stefanie Hoster

  • Produktion: DLF Kultur

  • Länge: 56‘21“

  • Erstsendung: 20.11.2019

Teure Schwalben Hörprobe

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Irm Hermann
Foto Sil Egger / Deutschlandradio

Begründung der Jury

Das Hörspiel „Teure Schwalben“ (Dlf Kultur 2019) von Irmgard Maenner gestaltet die Geschichte der letzten Lebensphase einer 80 Jahre alten, an Demenz erkrankten Frau auf höchst innovative Weise: die allmählichen Wandlungsprozesse, den schleichenden Verfall an Bewusstheit und die einerseits ängstlichen, bisweilen aber auch humorvoll-offenen, ja affirmativ wirkenden Reaktionen der Umgebung auf diese Entwicklungen. Dem hält das Hörspiel – vorrangig dank der herausragenden Schauspielerin Irm Hermann – Facetten von Komik und Humor entgegen: Gesellschaftliche Normen und Schranken fallen als Folge von Krankheit und Pflegeheimeinweisung, dabei verwischen die Grenzen der Konventionen. Mit Bewunderung verfolgt man die spitzbübischen Eskapaden und makabren Geschehnisse um Heimflucht und Zaunüberwindung, die zeigen, dass Demenz einen fast bewundernswerten Fantasieraum eröffnen kann.

Unter der Regie von Heike Tauch beschreibt dieses Hörspiel die Neudefinition des Seins infolge einer Erkrankung, angereichert durch klug montierte Erinnerungsfragmente und neu servierte Kindheitserinnerungen. Herausragend wirken die inszenatorischen Gestaltungsmittel, Musik und Sounds sind in der Komposition von Janko Hanushevsky prägnant, sparsam und zugleich effektiv eingesetzt. Die Darstellungsweise von „Teure Schwalben“ setzt dem „Honig im Kopf“ die „flatternden Schwalben“ so kunstvoll dargeboten entgegen, dass die eskapistischen Ebenen der Demenz nahezu positiv konnotiert wirken. Bis hin zu den neologistisch anmutenden „Hutschwalben“ als Fantasiereservoir inszeniert Heike Tauch einen ästhetisch höchsten Kunstgenuss: Der Transfer von Erlebtem zu willkürlich Fantasiertem im Kopf der Hauptfigur ist großartig in Szene gesetzt.

Lobende Erwähnung 

Eine lobende Erwähnung spricht die Jury für das Hörspiel „Wild ist scheu“ (SWR 2019) von Karen Köhler aus. Durch den Tod des Partners aus allen Lebensbezügen herausgefallen, zieht sich eine Frau (beeindruckend gespielt von Leonie Benesch) in die Waldeinsamkeit zurück. Die Trauer der Hauptfigur wird durch starke Naturmetaphern und die Zivilisationsflucht in den Wald als mythologischem Ort empathisch spürbar, nicht zuletzt dank des berührenden, poetisch-zarten Textes.

Jury und gastgebender Sender 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

Hörspiel des Monats Oktober 2019 

Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus
von Christine Lavant

  • Bearbeitung und Regie: Peter Rosmanith

  • Komposition: Franz Hautzinger, Matthias Loibner und Peter Rosmanith

  • Mit: Gerti Drassl

  • Produktion: Autorenproduktion im Auftrag des ORF

  • Länge: 53‘01“

  • Erstsendung: 05.10.2019

Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus Hörprobe

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Gerti Drassl
Foto Yasmina Haddad

Die Begründung der Jury 

Peter Rosmaniths Hörspielfassung von Christine Lavants „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ (ORF 2019) besitzt die Intensität eines Kammerspiels in besonderem Maße: Es inszeniert die subjektiv verstörende Perspektive einer suizidgefährdeten Zwanzigjährigen auf den stationären Aufenthalt in der „Landesirrenanstalt Klagenfurt“ Mitte der 1930er Jahre. Zugleich dokumentiert bereits der poetisch-metaphorische Ausgangstext von Lavant die bedrückende Atmosphäre in einer der Psychiatrien, die später institutionell an der Vorbereitung der Euthanasie-Gräuel beteiligt waren.

Konzentriert auf die Sicht der Insassin einer Kranken- und Heilanstalt erzählt dieses Hörspiel auch von deren manischer Verliebtheit, die durch das Abhängigkeitsverhältnis vom ärztlichen Therapeuten einen Missbrauch forciert. Diese komplexe Geschichte wird stimmlich geradezu hypnotisierend umgesetzt von der mehrfach ausgezeichneten Südtiroler Schauspielerin Gerti Drassl. Die nüchterne, hierarchisch organisierte Zwangsexistenz, explizit die Unterdrückungsmechanismen in einer psychiatrischen Verwahranstalt, werden durch die Kraft der Poesie im Kontrast zur scharfen Situationsanalyse artikuliert. Hin- und hergerissen zwischen Lavants Gefahr der Selbstauflösung und ihrem Versuch, sich aus dem Tunnel des inneren Schreckens zu befreien, hinterlässt das Hörspiel ein geradezu erschütterndes Stimmungsbild. Verstärkt wird dieses zum empathischen Hören einladende Setting durch die gegenseitige Durchdringung der Text- und Musik-Bereiche (Instant Composings / „Improvisationen aus dem Augenblick heraus“). Dadurch wird die Atmosphäre der Bedrohung, Demütigung und existentiellen Verunsicherung der Protagonistin beispielhaft inszeniert. Text und Musik (von Franz Hautzinger, Matthias Loibner und Peter Rosmanith) begegnen sich auf dieser Ebene völlig gleichberechtigt.

Jury und gastgebender Sender 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
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Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

Hörspiel des Monats September 2019 

Baader Panik

von Oliver Kluck

  • Regie: Leonhard Koppelmann

  • Komposition: zeitblom

  • Mit: Jan Bluthardt, Katharina-Marie Schubert, William Cohn, Wolfgang Pregler u. v. a.

  • Dramaturgie: Andrea Oetzmann

  • Produktion: SWR

  • Länge: 81’19‘‘

  • Erstsendung: 29.09.2019

Baader Panik Hörprobe

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Oliver Kluck
Foto Anne Krausz / Deutschlandradio

zum Hörspiel, zur Audiothek des SWR 

Begründung der Jury

Was passiert eigentlich in Deutschlands ICE-Trieb-Köpfen? Müssen preiswürdige Hörspielmacher dort ihr Dasein fristen, um für außergewöhnliche Produktionen Stoff zu sammeln? Oliver Klucks „Baader Panik“ (SWR 2019) gibt die kompromisslose Antwort: Ja!

Kluck, von der Erstausbildung Lokführer, provoziert und irritiert als Hörspiel- und Theatermacher: Wie die ICEs der Deutschen Bahn gefühlt niemals pünktlich sind, verweigert seine Hörgroteske jegliche rationale Einordnung. Er beschießt sprunghaft, situativ, improvisierend, respektlos und beißend sein einstiges Berufsfeld mit skurrilen Metaphern über die Dinge des außerfahrplanmäßigen Lebens, die den absurden Alltag sprichwörtlich auf das Abstellgleis rangieren und die Hörer aus der Bahn werfen – oder besser: aus der Lebensbahn provozieren!

Gestützt auf einen hohen Anteil an scharfer Satire bis hin zum Absurden, die auch vor Gerhart Hauptmanns tropfender Leiche nicht Halt macht, stehen in „Baader Panik“ keinerlei Signale auf Rot: Nein, freie Fahrt für die unflätige Humoreske bzw. den pubertären Humor. Dieses dreiste Spiel mit der Postdramatik überzeugt genauso wie die heillos verschachtelten Sätze, die etwa das logische Potenzial von Telefonansagen ad absurdum führen – Sequenzen zum Lachen oder zum Fürchten oder gar zum Spaßgruseln? Das Spiel mit den Metaebenen erinnert an das Warten im finsteren Bahntunnel – oder an Platons Höhlengleichnis, lange bevor die Selbstentfesselung beginnt.

Faktenwissen ist absolut überflüssig, die Sammlung hochamüsanter Fake-News schmeckt so süffig wie der überraschend köstliche Milchkaffee im Bordbistro bei leckeren 250 Stundenkilometern. Oliver Klucks „Baader Panik“ ist eine Satire auf höchstem Niveau, die Snobismus mit Borniertheitskritik paart und damit ein Symbol für die Verunsicherung der Postmoderne ist.

Jury und gastgebender Sender 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

In Stanniolpapier
nach einer wahren Begebenheit
von Björn SC Deigner

  • Regie: Luise Voigt

  • Komposition: Friederike Bernhard

  • Mit: Josefin Platt

  • Redaktion: Manfred Hess

  • Produktion: SWR

  • Länge: 50'37‘‘

  • Erstsendung: 18.08.2019

In Stanniolpapier Hörprobe

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Björn SC Deigner
Foto privat

zum Hörspiel, zur Audiothek der ARD 

Begründung der Jury 

Björn SC Deigner liefert mit seinem unkonventionellen Hörspiel „In Stanniolpapier“ (SWR 2019) eine quälend einprägsame Milieustudie, beruhend auf einer realen Begebenheit.
Er stellt das Leben der Prostituierten Maria (gespielt von Josefin Platt) als biographische Negativspirale dar. In extrem verstörender Weise fokussiert das Hörspiel mit hoher Intensität Sequenzen eines Lebens im freien Fall zwischen Ausbeutung und Selbstausbeutung vor dem Hintergrund roher Gewalt im Rotlichtmilieu. Selbst in Extremmomenten auf dem Straßenstrich suggeriert Maria einen pragmatischen Optimismus ohne Aussteigervisionen, indem sie paradoxerweise das Leben zwischen bürgerlichem Schein und nächtlichem Sein zu akzeptieren und für gut zu befinden scheint.
Die selektive Selbstwahrnehmung der Protagonistin reicht bis zur Auslöschung ihres Anspruchs auf Selbststimmung durch Unterwerfung unter den Willen ihres Zuhälters. Dies wird durch die beeindruckende schauspielerische Leistung von Josefin Platt zum eindringlich-bedrückenden Hörerlebnis: Das Hörspiel bestürzt, irritiert, rüttelt auf.

Die Regieleistung von Luise Voigt ermöglicht einen Eindruck von der ‚Herzenskühle‘ Marias zwischen Schutzmechanismus und Abstumpfung durch den Wechsel der Inszenierungsebenen: Relativ neutrales Erzählen wandelt sich ins Sprechen realer Szenen aus dem Alltag der Prostitution und mündet durch kurze Soundtransitions fließend im Modus des uneigentlichen Sprechens in kaltes, fast emotionsloses Kommentieren des bislang Erlebten.
Höchst beeindruckend ist die konzentrierte Souveränität, mit der die einzige Sprecherin der Produktion, Josefin Platt, Mitglied des „Berliner Ensembles“, diese Ebenen zusammenführt und zwischen verschiedenen Rollen wechselt.
„In Stanniolpapier“ bietet – unterstützt durch Momente inszenierter Stille – die Chance zur Reflexion über die Prostitution als dem „ältesten Gewerbe der Welt“. Ein Hörspiel, das im Gedächtnis bleibt.

Lobende Erwähnung 

Eine lobende Erwähnung spricht die Jury für das Hörspiel „Remainder“ (NDR 2019) von Tom McCarthy aus. Der skurrile Plot – und die damit verbundene Inszenierung eines markanten Lebensmoments – versucht, diesen erlebten Ausschnitt in verschiedenen Reminiszenzen und in immer wieder neuer Weise zu prolongieren: Beeindruckend durch ein variables Setting, das die Produktion zu einem abwechslungsreichen Erlebnis werden lässt.

Jury und gastgebender Sender 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

Hörspiel des Monats Juli 2019

Die Anhörerin
von Andreas Unger

  • Regie: Teresa Hoerl

  • Komposition: Matthias Hauck, Nepomuk Heller

  • Mit: Susanne Schroeder, Heinz Josef Braun, Markus Böker

  • Redaktion: Christine Grimm

  • Produktion: BR

  • Länge: 36'03‘‘

  • Erstsendung: 21.07.2019

Die Anhörerin Hörprobe

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Andreas Unger
Foto Kathrin Harms

zum Hörspiel, zur Audiothek des BR 

Die Begründung der Jury 

Das Hörspiel „Die Anhörerin“ (BR 2019, Autor: Andreas Unger) nimmt sich eines schwierigen Themenkomplexes in einer sehr kompakten Form an: In 36 Minuten Laufzeit werden grundsätzliche Fragen zu Themen wie Recht auf Asyl, Umgang mit Asylbewerbern sowie Wirkmächtigkeit der Funktion des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aufgeworfen.

Den narrativen Rahmen des Hörspiels bildet ein fiktives Entscheidungsverfahren innerhalb des BAMF, durchgeführt von der noch unerfahrenen Sachbearbeiterin Anne Schaller (gespielt von Susanne Schroeder), die vom Erstberuf der Schauspielerin in ein finanziell besser abgesichertes Berufsfeld gewechselt ist.

Das Hörspiel arbeitet zur Steigerung der Authentizität mit Zitationen bürokratisch entseelter Amtssprache, besonders durch Einsatz von Termini wie „Aufenthaltsstatus“, „subsidiärer Schutz“ oder „Ausreisehinderungsgrund“, was schnell kafkaeske Assoziationen hervorruft: Regelmäßig wiederkehrende, nüchterne Diktat-Szenen stellen die Macht der Bürokratie symbolisch dar, vor allem deren Fühllosigkeit und kalte Rationalität im Umgang mit menschlichen Schicksalen. Das Stilmittel des permanenten Wechsels von Innensicht der Hauptfigur, scheindokumentarischen Asylanhörungsszenen sowie privaten Disputen (mit plakativem Austausch von Stereotypen) verleiht dem Hörspiel spürbare Dynamik, Multiperspektivität und Eindringlichkeit, deren Ausgestaltung aber durchaus detaillierter und weniger episodenhaft sein könnte, um der Problematik, respektive Diffizilität des Themas noch gerechter zu werden.

„Die Anhörerin“ zeigt exemplarisch das Leiden der Entscheiderin Anne Schaller am System des Aussortierens, an ihrer Platzierung auf der Schnittstelle zwischen Ankommen und Ablehnen. Empfindungen des Ausgeliefertseins werden mehr und mehr deutlich – sowohl bei den Asylbewerbern als auch bei der Entscheiderin. Ein Hörspiel, das nachdenklich stimmt und zur kritischen Reflexion über die Macht von Menschen über Menschen einlädt…

Jury und gastgebender Sender 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

90° 0‘ 0‘‘ S
von Maren Kames
mit Texten aus ihrem Gedichtband ,Halb Taube Halb Pfau‘

  • Regie und Musik:  Milena Kipfmüller und Claus Janek

  • Mit: Thomas Bading, Marina Frenk und Thorsten Schlopsnis

  • Dramaturgie: Manfred Hess

  • Produktion: Autor-/innenproduktion für den/mit dem SWR 2019

  • Länge: 51'34‘‘

  • Erstsendung: 27.06.2019

90° 0‘ 0‘‘ S Hörprobe

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Maren Kames
Foto Mathias Bothor

Begründung der Jury 

Emotionalisierend, melangierend, introspektiv – das Hörspiel "90° 0‘ 0‘‘ S" überrascht durch ungewöhnliche Produktionsbedingungen und ragt mit seiner gelungenen Mischung von Klang, Text und Musik heraus. In experimenteller Weise durchdringen sich diese Darstellungsgenres auf kunstvolle Weise.
Das Hörspiel schildert eine fiktive Reise zur Antarktis, in die Kälte, Einsamkeit und Weite; eine Reise, die einer freiwilligen Selbstentäußerung gleich kommt. Die drei Künstler Maren Kames (Autorin), Milena Kipfmüller (Regisseurin) und Claus Janek (Komponist) erhielten mit Unterstützung des SWR-Realisationsteams die Möglichkeit in einer abgeschlossenen Produktionsatmosphäre in gleichberechtigter Arbeitsweise eine außergewöhnliche Kunstform zu schaffen. Herausragende Verfremdungseffekte, das Changieren verschiedener Ebenen, insbesondere auch auf einer künstlerischen Metaebene, fördern eine neue, inspirierende Sicht auf die Welten. Wichtige Komponenten von Maren Kames‘ Inszenierungsmethode – sich fremd machen, den Blick weit stellen, die Dinge neu wahrnehmen – führen dazu, dass Hörerinnen und Hörer neugierig in die Erzählung eintauchen, sich ihr bedingungslos ausliefern und schließlich distanzlos in ihr aufgehen. Ein elementarer Baustein dabei ist Maren Kames‘ Aufsehen erregender Gedichtband "Halb Taube Halb Pfau".
"90° 0‘ 0‘‘ S" bewegt sich in einem unabgeschlossen Zeitfluss, zwischen dem  lyrischen Ich und konkreten geografischen Orten. Es entwickelt eine enorme Spannweite und  evoziert bizarre Ideen und spontane Assoziationen, die eine konventionelle Handlung überflüssig  zu machen scheinen. Das Hörspiel lässt den Sätzen Raum zu wirken und pendelt so zwischen der Weite der erzählten Kopf-Landschaft und den unwirtlichen Bedingungen der realen Antarktis –  schmale, scharfe Grenzen in unwägbarem Weiß. Es arbeitet mit ungewöhnlichen, poetischen  Metaphern: Momente in fein ziselierter Sprache, genaue Beobachtungen von authentischen  Begebenheiten in der südpolaren Fremde. Eindringliche Motive von Einsamkeit und Kälte lassen  sich hier erstaunlicherweise als Möglichkeit von Freiheit verstehen.  Claus Janeks Soundscapes, Klangstrukturen und Imitationen menschlicher Lautäußerung  verstärken die lyrische Ebene des Stücks. Seine Klangpoesie tritt manchmal schillernd in den  Vordergrund, um sich dann aber sofort wieder unterzuordnen und den Fluss des Hörspiels mittels  ihrer hochartifiziellen Eigenständigkeit wirkungsvoll zu unterstützen. Janeks Kompositionen  zeichnen sich aus durch originelle Klangästhetik und dichte Atmosphärengestaltung,  Eigenschaften, die das Hörspiel auch ohne direktes Verstehen der Worte zu einem spannenden  Erlebnis werden lassen.

Jury und gastgebender Sender 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

Hörspiel des Monats Mai 2019 

Guter Rat – Ringen um das Grundgesetz

Aus den Protokollen des Parlamentarischen Rates 1948 - 49
Dokumentarische Serie um die Entstehung des Grundgesetzes vor 70 Jahren
Mit Texten von Terézia Mora, Özlem Özgül Dündar, Georg M. Oswald, Frank Witzel

  • Bearbeitung: Phillip Stegers und Benjamin Quabeck

  • Regie: Annette Kurth, Petra Feldhoff, Claudia Johanna Leist, Thomas Leutzbach, Benjamin Quabeck

  • Dramaturgie: Martina Müller-Wallraf und Hannah Georgi

  • Teil 1 – Berufung auf Gott / 27‘44‘‘

  • Teil 2 – Parlament und Volksentscheid / 28‘06‘‘

  • Teil 3 – Männer und Frauen / 27‘58‘‘

  • Teil 4 – Die Rechte unehelicher Kinder / 27‘44‘‘

  • Teil 5 – Die Würde des Menschen ist unantastbar / 28‘25‘‘

  • Teil 6 – Eine Zensur findet nicht statt / 27‘25‘‘

  • Teil 7 – Deutschland in Europa / 26‘42‘‘

  • Teil 8 – Das Wahlrecht / 28‘19‘‘

  • Produktion: WDR/DLF/BR 2019 für die Hörspielprogramme der ARD

  • Erstsendung: 22.05. – 25.05.019

Guter Rat – Ringen um das Grundgesetz Hörprobe

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zur Hörspiel-Serie, zur Audiothek der ARD 

Begründung der Jury 

Von den Vätern und Müttern des Grundgesetzes lernen? Dieses schwierige Unterfangen gelingt dem dokumentarisch-erzählerischen Hörspiel in beeindruckender Weise. Gestaltet als Mehrteiler in acht Folgen, verknüpft es zwei Ebenen: wortgetreue Transkriptionen der Beratungsgespräche und literarisch-künstlerische Texte heutiger Autorinnen und -autoren wie Terézia Mora, Georg M. Oswald, Özlem Özgül Dündar und Frank Witzel. „Guter Rat“ präsentiert auf diese Weise acht Perspektiven auf die Gegenwartsbedeutung der damaligen Leistung: „Berufung auf Gott“, „Parlament und Volksentscheid“, „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, „Die Rechte unehelicher Kinder“, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, „Eine Zensur findet nicht statt“, „Deutschland in Europa“ und „Das Wahlrecht“.

Die Serie zeigt, wie hart das Ringen um Verfassungsbegriffe wie „Einigkeit“, „Recht“ und „Demokratie“ war – eine bleibende Mahnung für die heutige Zeit. Hierbei werden Sätze, Begriffe und Aussagen des Grundgesetztextes auf all ihre Schattierungen und ihren tiefsten Sinngehalt hin abgeklopft. Berückend ist die Mischung von Originaltönen mit musikalischen Untermalungen, den aktuellen Gegenwartsstimmen und den nachgesprochenen Sequenzen. So entsteht keine ermüdende Geschichtsstunde, sondern sowohl ästhetisch als auch informativ gewinnbringende Unterhaltung. Selbst Menschen, für die eine Beschäftigung mit diesem Material nicht alltäglich ist, werden „Guter Rat – Ringen um das Grundgesetz. Aus den Protokollen des Parlamentarischen Rates 1948-49“ als spannend und unterhaltsam empfinden. Demokratiebildung im besten Sinne: eindringlich, elegant und ausgesprochen gut inszeniert.

Erkennbar basierend auf intensiven Auswertungen der erhaltenen Protokollbände des Parlamentarischen Rats ist ein großartiges historisches Dokumentarstück entstanden, das zugleich auch als ein wichtiges Gegenwartshörspiel die Lebendigkeit der Texte und Inhalte des Grundgesetzes nachdrücklich zu Ohren und vor Augen führt. Es pointiert die Rolle der damaligen Akteure durch originale Tondokumente im Wechsel mit inszenierten Szenen, gesprochen von heutigen Schauspielern, um die Erinnerung an komplexe Entscheidungsprozesse bewahren zu können. Verantwortet von den fünf Regisseurinnen und Regisseuren Annette Kurth, Petra Feldhoff, Claudia Johanna Leist, Thomas Leutzbach und Benjamin Quabeck überzeugt „Guter Rat – Ringen um das Grundgesetz“ zum 70. Jubiläum durch eine geschickte Auswahl der historischen Textdokumente und eine erstaunlich abwechslungsreich gefärbte Inszenierung.

Lobende Erwähnung 

Eine lobende Erwähnung spricht die Jury für Esther Kinskys erstes Originalhörspiel „Stein, Stiel, Schlehe“ (BR 2019) aus, das die kristalline Schönheit von Sprache mit großer Bedachtsamkeit und kreativer Intensität in Bezug zu Naturthemen und ihren immerwährenden Wandlungs- und Verfallsprozessen setzt.

Jury und gastgebender Sender 2019 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

Hörspiel des Monats April 2019 

GEH DICH DICHTIG!
anarischer Hörspieldialog mit der Wiener Dichterin Elfriede Gerstl
von Ruth Johanna Benrath

  • Regie: Christine Nagel

  • Komposition: Lauren Newton

  • Mit: Lauren Newton, Gerti Drassl, Dörte Lyssewski

  • Produktion: ORF/BR 2019

  • Länge: 42'

  • Erstsendung: 07.04.2019

GEH DICH DICHTIG! Hörprobe

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Gerti Dassel und Lauren Newton
Foto ORF / Ursula Hummel-Berger

zum Hörspiel, zur Audiothek des BR 

Begründung der Jury 

Worin liegt der Reiz am literarischen Dialog mit einer sprachmächtigen Autorin? Das Hörspiel „GEH DICHT DICHTIG!“ liefert eine ungewöhnliche Antwort. Konzipiert als Hommage an die 2009 verstorbene Wiener Dichterin Elfriede Gerstl, an deren Werk, vor allem ihren anarchischen Umgang mit Sprache, anlässlich des zehnten Todestages erinnert werden soll, gestaltet es einen imaginären Dialog von Gerstl (gespielt von Gerti Drassl) mit der Autorin Ruth Johanna Benrath (Dörte Lyssewski).

Die Lebendigkeit im fiktiven Dialog, der normalerweise nur live so entstehen könnte, wird wirkmächtig verstärkt durch eine zusätzliche Stimme in Form von Lautimprovisationen der US-amerikanischen Klangkünstlerin Lauren Newton. Diese neue Art eines Trialogs auf verschiedenen Gestaltungsebenen verleiht dem fiktiven Austausch ironischer Textfragmente und Gedankenketten eine besondere Note und große Intensität.

Äußerst gelungen wirkt das Wechselspiel der drei Klangquellen, die im Endprodukt völlig assoziativ entstanden zu sein scheinen. Dieses wechselseitige Durchdringen macht den Reiz von „GEH DICHT DICHTIG!“ aus. Auf diese Weise entsteht ein lautpoetisches Klangkunsthörspiel außergewöhnlicher Art: Der Klang der Sprache wird schillernd transportiert, die Geräusche irritieren im besten Sinne, die Mischung mit konkreter Sprache schafft Distanz und provoziert zugleich beim Zuhören. Das Zulassen des Assoziativen evoziert den dadaistischen Effekt des scheinbar Kindlich-Naiven, des bewusst Nicht-Reflektierten. Sprache wird gebraucht, um Sprache um- und aufzuschürfen und ihr eine neue Lebendigkeit durch die Freude am Wort und am Vokalisieren zu verleihen. Das anarchistische Zulassen von Sprachexperiment und fantasievollem Sprachwitz führt bei Ruth Johanna Benraths Hörspiel zu einem Feuerwerk der Töne: Wie sich Sätze und Worte auflösen, löst sich am Ende des sprachmusikalischen Hörspiels auch das Spiel der beiden Autorinnen auf.

Jury und gastgebender Sender 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

HAFEN
von Mishka Lavigne
Übersetzung von Frank Weigand

  • Regie: Anouschka Trocker

  • Musik: Bo Wiget

  • Mit: Tanja Schleiff und Nico Holonics

  • Redaktion: Anette Kührmeyer

  • Produktion: SR/DLF Kultur 2019

  • Länge: 85'59‘‘

  • Erstsendung: 10.03.2019

Hafen Hörprobe

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Tanja Schleiff und Nico Holonics
Foto Saarländisches Staatstheater/Andrea Kremper

zum Hörspiel, zur Audiothek des Deutschlandradio 

Begründung der Jury 

Das Hörspiel „Hafen“ von Mishka Lavigne (SR/Deutschlandfunk Kultur, Regie: Anouschka Trocker), ins Deutsche übersetzt aus dem kanadischen Französisch von Frank Weigand, schildert in ironisch-lakonischer Sprache einen dramatischen Bewältigungs- und Selbstfindungsprozess zweier Protagonisten: Elsies Versuch, den tödlichen Autounfall ihrer berühmten (Schriftsteller-) Mutter zu bewältigen, und Matts Streben danach, sich seiner Herkunft aus Bosnien zu vergewissern. Die perfekt ineinander verschränkten Parallelgeschichten (vor allem das scheinbar zufällige Aufeinandertreffen von Matt und Elsie) mit Sarajevo als Referenzpunkt bzw. Motiv erzählen von unbewältigten Verlusterfahrungen und der tastenden Suche nach einer Zukunftsperspektive.

Metaphorisch geschickt inszeniert die Autorin diesen Prozess über das surreale Mittel eines Kraters, der sich unvermittelt in Elsies Straße aufgetan hat. Das intelligent konstruierte Hörspiel überzeugt durch eine Sprache, die bei aller Dramatik stets unprätentiös-realitätsnah bleibt und deren Inszenierung oft mit Gegenschnittvarianten arbeitet: figurales Ich, Dialoge, Off-Kommentare, Spiel mit Hintergrundgeräuschen zur Verdopplung, harte Gegenschnitte zur Verstärkung von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Die musikalischen Interpunktionen von Bo Wiget beeindrucken einerseits durch ihre idiomatische Selbstständigkeit und unterstützen anderseits die Erzählhandlung in markanter Weise.
Die herausragende schauspielerische Qualität der beiden Sprecher hebt zudem dieses Hörspiel auf ein außerordentlich hohes Niveau.

Lobende Erwähnung 

Eine lobende Erwähnung spricht die Jury aus für das beeindruckend gestaltete Hörspiel „Bilder deiner großen Liebe“ (Produktion: Bayerischer Rundfunk / Realisation: Sebastian Stern) nach dem gleichnamigen, posthum veröffentlichten Roman Wolfgang Herrndorfs. Die dichte Atmosphäre vermittelt den Roadmovie-Eindruck eindringlich und authentisch, besonders durch die herausragende schauspielerische Leistung von Enea Boschen.

 

Jury und gastgebender Sender 2019 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

Hörspiel des Monats Februar 2019 

Der letzte Schnee
von Arno Camenisch

  • Regie: Geri Dillier

  • Komposition: Jul Dillier

  • Mit: Ueli Jäggi und Stefan Kurt

  • Produktion: SRF

  • Länge: 49'09‘‘

  • Erstsendung: 15.02.2019

Der letzte Schnee Hörprobe

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Ueli Jäggi, Stephan Kurt, Geri Dillier und Arno Camenisch
Foto SRF

Die Begründung der Jury 

In der Hörspielbearbeitung seines Romans „Der letzte Schnee“ beschreibt Arno Camenisch die Zwiegespräche der beiden Besitzer eines betagten Skischlepplifts, Paul und Georg, in der Einsamkeit des Bündnerlands in den Schweizer Alpen. Es sind die Zeiten des Klimawechsels, des immer öfter ausbleibenden Schnees, noch hat die Saison nicht wirklich begonnen.

In den Dialogen, oft aber auch Monologen der beiden alten Hüter ihres Skischlepplifts entfaltet Arno Camenisch mit „Der letzte Schnee“ ein Endzeitstück, das niemals schwarzmalend daherkommt, sondern die Protagonisten immer in freundlicher, fast melancholischer Erwartung des Endes ihrer Bestimmung und damit auch der Schnee- und Skitradition ihres Bündner Landes beschreibt.

Camenisch nutzt den Kreislauf des endlos abspulenden Skilifts als Definitionsbereich für die Lebensläufe, als Metapher für die mäandernden Erfüllungswege und Erwartungen der beiden Protagonisten: ein trauerndes, aber nie deprimiertes Abschiednehmen vom geregelten Zieleinlauf ihrer Pläne, ihrer Illusionen, ein sich Erfreuen am Leben mit dem Ende vor Augen.

Mit den anekdotenreichen, zart ironischen Gesprächen der beiden Alten schafft Arno Camenisch ein fast meditatives Werk voller blitzend-lebenskluger Einsichten der beiden alpinen Philosophen - grandios gespielt von Ueli Jäggi und Stefan Kurt - und ihrem weiten, weisen Blick von ganz oben in die Täler der Realität. In sprachlich überaus poetischer Diktion bietet Camenisch über die Sicht seiner beiden knorrigen Protagonisten den Versuch einer Versöhnung mit den Veränderungen der Zukunft an. Die Musik von Jul Dillier unterstützt mit großartigen, äußerst einfachen, aber extrem wirksamen Statements eines einsamen Akkordeons die Melancholie des Textes, bleibt dabei aber immer der literarischen Struktur verpflichtet. Auch die Schlusssequenz von Arno Camenischs Hörspiel „Der letzte Schnee“ klingt nach dem ersten erschrockenen Wahrnehmen fast wie eine freundliche Tröstung: „Man will sich gar nicht ausmalen, was der Herrgott im Himmel als Nächstes bereithält. Wenn es hochkommt, beginnt er vermutlich noch, die Berge ins Tal zu stürzen und macht uns alle zu Staub.“ - „Der Tod kuriert uns vom Leben.“ - „Und wir stehen hier wie zwei Pajasse, parat für die nächsten fünfzig Jahre, was für ein komisches Los wir da gezogen haben.“ - „Da käme man glatt auf die Idee, zu den Narren zu halten - anstatt zu den Heiligen.“

Jury und gastgebender Sender 2019 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

Hörspiel des Monats Januar 2019 

AUDIO.SPACE.MACHINE
Ein Bauhaus-Konzeptalbum

von wittmann/zeitblom

  • Regie und Komposition: wittmann/zeitblom

  • Mit: Albrecht Schuch, Alice Dwyer, Bernhard Schütz, Elias Falk, Jacqueline Macaulay, Lars Rudolph, Leslie Malton, Paul Herwig. Sabin Tambrea, Christian Wittmann

  • Gesang: Maria Goja, Gemma Ray und Christian Wittmann, Schlagzeug: Achim Färber, Bassklarinette: Falk Breitkreuz

  • Dramaturgie und Redaktion: Sabine Küchler

  • Produktion: DLF/NDR/SWR in Zusammenarbeit mit IMF

  • Länge: 60'09‘‘

  • Erstsendung: 12.01.2019

AUDIO.SPACE.MACHINE Hörprobe

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Gemman Ray
Foto Christian Wittmann

zum Hörspiel, zur Audiothek des DLF 

Begründung der Jury 

100 Jahre Bauhaus in Weimar – nur ein historisches Datum?

Das Autorenduo wittmann/zeitblom widerspricht. In ihrem Hörspiel Audio.Space.Machine mit dem Untertitel „Bauhaus-Konzeptalbum“ unterziehen die Autoren die Idee des Konzepts „Bauhaus“ einer radikalen Reflexion: In achtzehn Modulen und Fragestellungen entfalten wittmann/zeitblom die Vielschichtigkeit des „Bauhaus“-Stils und derjenigen Gegensatzpaare, für die er scheinbar bis heute steht: „Simplicity versus Complexity“, „Reduktion versus Abstraktion“, „Luxusbedarf versus Volksbedarf“, „Hat Kunst eine politische Dimension?“. Die Autoren stellen dabei die Frage: Was bedeutet „Bauhaus“ gerade in unserer heutigen digitalen Welt für die Individualität des Menschen? Über eine anregende Balance zwischen O-Tönen, rhythmisierten, grooveanimierten Textstrecken, Soundscapes, und erstaunlich experimentellen Spielelementen reflektieren wittmann/zeitblom die Ideologie des „Bauhaus“ in einer beeindruckend variablen Fülle der eingesetzten akustischen Mittel. In genussvoll-kulinarischen Sequenzen werden die ZuhörerInnen in das widersprüchliche Verhältnis zwischen Funktionalität und Individualität hineingezogen – durchaus auch mit dem wirksamen Mittel der Ironie.

Über die Methode einer künstlerischen Dialektik erreicht das Hörspiel auf diese Weise bei seinem Publikum eine neue, sich immer wieder selbst erneuernde Betrachtungsweise des Phänomens „Bauhaus“. „Audio.Space.Machine“ würdigt das Projekt „Bauhaus“ in dessen Jubiläumsjahr als Hörspiel in Form einer überaus lebendigen Klangarchitektur und bereitet damit große Lust, sich in dessen Komplexität zu vertiefen.

Lobende Erwähnung 

Die Jury spricht eine lobende Erwähnung für das Hörspiel „Der Reisende“ (NDR/ Bearbeitung und Regie Irene Schuck) nach dem gleichnamigen Roman von Ulrich Alexander Boschwitz aus: über hervorragende sprecherische Leistungen und in einer wirkungsvollen Balance zwischen Sprache und unterstützender akustischer Musik ermöglicht das Hörspiel einen Einblick in den beklemmenden Alltag der NS-Diktatur.

Jury und gastgebender Sender 2019 

Ruth Rousselange, Autorin und freie Kritikerin
Prof. Georg Ruby, Musiker und Professor für Jazz an der Hochschule für Musik des Saarlandes
Dr. Torsten Mergen, Germanist und Fachdidaktiker mit Schwerpunkt Hörspiel

Gastgebender Sender 2019: Saarländischer Rundfunk

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste benennt zum  

Hörspiel des Jahres 2018

Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen
von Susann Maria Hempel

  • Musik & Regie: Susann Maria Hempel

  • Mit: Susann Maria Hempel

  • Redaktion: Mareike Maage

  • Produktion: rbb

  • Länge: 54’31

  • Ursendung: 28.11. 2018

Das Radiostück basiert auf Gesprächen mit einem ehemaligen DDR-Häftling, der im Gefängnis einen schweren Schock mit darauffolgender Amnesie erlitt. Als vermeintlichem Republikflüchtling wurde ihm ein „Grenzproblem“ übergestülpt, das nicht seins war. Und dann hat er eine Grenzerfahrung ganz anderer Art gemacht: Im Gefängnis sei die Seele aus ihm „rausgemacht“, sagt er. Und sie ist bis heute nicht heimgekehrt in ihr Gefäß. Er denkt sie sich dennoch gut aufgehoben - dort nämlich, wo ihm immer am wohlsten war: im Wald. Als sein ältester Freund starb, beginnt der Häftling, der Autorin von seinem Leben zu erzählen. Sie wird auf die tiefe Verbundenheit aufmerksam, die beide zum Wald hatten. Ihr ganz eigener, in der Kindheit wurzelnder Mythos des Waldes wurde mit dem Tod des Freundes wieder lebendig.

Susann Maria Hempel
Foto Samuel Henne

Zur Autorin 

Susann Maria Hempel wurde 1983 im thüringischen Greiz geboren. Mit 16 Jahren brach sie die Schule ab und wirkte als Musikerin, Schauspielerin und künstlerische Mitarbeiterin im Performance- und Künstlerkollektiv „Theaterhaus Weimar“. 2001 bis 2009 studierte sie Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar mit Schwerpunkt Kurz- und Experimentalfilm. Als Stipendiatin der Thüringer Kulturstiftung erhielt sie 2012 das „cast&cut“-Kurzfilmstipendium in Hannover. Heute gehört sie zu den erfolgreichsten  Experimentalfilmerinnen Deutschlands. Mit ihrem 18-minütigen Animationsfilm "Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf, um nicht zu träumen" gewann sie sieben Preise im In- und Ausland, unter ihnen „Der Deutsche Kurzfilmpreis“ im Jahr 2014 und im Frühjahr 2015 den Grand Prix des Clermont-Ferrand Short Film Festivals, Frankreich. Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen ist ihr zweites Hörspiel.

Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen Hörprobe

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Die Begründung der Jury zur Wahl des Hörspiel des Jahres 2018 

In Ergänzung zu ihrer Monatsbegründung schreibt die Jury:
Ein ‚Hörspiel des Monats‘ weist sich für die Jury als hervorstechendste Sendung unter sieben bis zehn qualitativ oft recht unterschiedlichen Einreichungen des jeweiligen Monats aus. Das ‚Hörspiel des Jahres‘ hingegen muss sich gegen elf ähnlich herausragende Sendungen behaupten können – inhaltlich, formal und künstlerisch. „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ von Susann Maria Hempel tut dies so souverän, dass man nur schwer glauben kann, dass es sich hierbei erst um die zweite Hörfunkarbeit der jungen Autorin, Komponistin, Sängerin, Regisseurin und - hervorragenden! - einzigen Sprecherin dieses radiophonen Gesamtkunstwerks handelt. Performativ erzählend, zeichnet Hempel ihre Gespräche mit einem durch seine Haft in der ehemaligen DDR schwer traumatisierten Menschen nach: Der Schock der unrechtmäßigen Inhaftierung selbst als vermeintlicher Republikflüchtling, aber auch die Misshandlung durch Mitgefangene,  haben ihn soweit aus der Bahn geworfen, dass ihm nicht mehr gelingt, seinen Alltag zu organisieren, wichtige Entscheidungen zu fällen, sich einer Fremdbestimmung zu widersetzen, oder auch nur diese Unfähigkeit anderen gegenüber zu verbalisieren, als mit seiner Gesprächspartnerin:

„Danke Susann. Danke dass ich darüber reden konnte jetze“, mit diesen Worten dringlich gesprochen und in thüringischer Sprachfärbung, beginnt das Hörstück. „Das konnt' ich jetzt wirklich bloß mit dir.“ Hempel lässt uns die große Intimität dieser Unterhaltung miterleben, ohne ihre Vertraulichkeit zu verraten. Es geht um die Auflösung des Ich und den Versuch seiner Rekonstruktion: „Ich hab keine Erinnerung mehr an mich. Wenn ich mich aber unterhalt', jetzt so mit dir jetze, dann kann ichs geistig zurückholen.“ Der Weg dorthin führt, es ist eine deutsche Geschichte, in den Wald der Kindheit, eine Art Privatmythos, den sich der Erzähler mit seinem Freund geschaffen hat, dessen kürzlicher Tod als Auslöser des Bekenntnisses angedeutet wird. Durch kompositorisch reduzierte und elektronisch entfremdete hochromantische Liedsätze, Schumanns Eichendorff- und Heine-Vertonungen, durchbrochen von digitalem Vogelgezwitscher, Rotkehlchen und Zilpzalp, erschafft Hempel in und um diese Erzählung eine Atmosphäre, in der das, was wir Seele nennen, nahezu greifbar, ihre Verletzungen erfahrbar, und die Metaphern die ihrer Beschreibung dienen sollen, wirklich werden: Erfahrbar nur durch den intimen Sinn des Gehörs, schrecklich und schön. 

Dem RBB ist es zu danken, dass hier eine Hör-Spiel-Macherin zu Wort kommen konnte,  deren  künstlerische Kraft ganz sicher noch weitere wichtige Impulse für die Hörspielgestaltung setzen wird. „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ wurde von uns in einhelliger Begeisterung zum Hörspiel des Jahres 2018 gekürt.

Die Begründung der Jury zur Wahl des Hörspiel des Monats November 2018 

Es fällt schwer, zu glauben, dass „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ erst Suann Maria Hempels zweite Radioarbeit sein soll, so souverän hat die Autorin, Komponistin, Sängerin, Regisseurin, und einzige Sprecherin dieses Kunstwerk gestaltet. Sie spricht darin die Unterhaltung mit einem durch seine Haft in der ehemaligen DDR schwer traumatisierten Menschen nach: Der Schock der unrechtmäßigen Inhaftierung selbst als vermeintlicher Republikflüchtling, aber auch die Misshandlung durch Mitgefangene und die Angst vor ihr haben ihn so weit aus der Bahn geworfen, dass ihm nicht mehr gelingt, seinen Alltag zu organisieren, wichtige Entscheidungen zu fällen, sich einer Fremdbestimmung zu widersetzen, oder auch nur diese Unfähigkeit anderen gegenüber zu verbalisieren, als mit seiner Gesprächspartnerin. „Dangge Susann, Dangge dass ich dadrüber redn konnte, jetze,“, mit diesen Worten, leicht gehetzt in thüringischer Sprachfärbung gesprochen, beginnt das Hörstück. „das konnt ich jetze eigntlich wörklich bloß mit Dir.“ Hempel lässt in ihrer monologischen Wiederholung dieses Dialogs die Zuhörenden dessen große Intimität miterleben, ohne seine Vertraulichkeit zu verraten. Es geht um die Auflösung des Ich und den Versuch seiner Rekonstruktion: „Ich hab keine Erinnerung mehr an mich. Wenn ich mich aber unterhalt', jetzt so mit dir jetze, dann kann ichs geistig zurückholen.“ Der Weg dorthin führt, es ist eine deutsche Geschichte, in den Wald der Kindheit, eine Art Privatmythos, den sich der Erzähler mit seinem Freund geschaffen hat, dessen kürzlicher Tod als Auslöser des Bekenntnisses angedeutet wird. Durch kompositorisch reduzierte und elektronisch entfremdete hochromantische Liedsätze, Schumanns Eichendorff- und Heine-Vertonungen, durchbrochen von digitalem Vogelgezwitscher, Rotkehlchen und Zilpzalp, erschafft Hempel in und um diese Erzählung eine Atmosphäre, in der das, was wir Seele nennen, nahezu greifbar, ihre Verletzungen erfahrbar, und die Metaphern die ihrer Beschreibung dienen sollen, wirklich werden: Erfahrbar nur durch den intimen Sinn des Gehörs, schrecklich und schön. Selbstverständlich ist dieses vom RBB als Feature gesendete Werk Susann Maria Hempels das Hörspiel des Monats November.

Jury und gastgebender Sender 2018 

Viktorie Knotková, Dramaturgin Schauspiel Bremen
Regine Beyer, Radioautorin und -regisseurin
Benno Schirrmeister, Journalist, die taz

Gastgebender Sender 2018: Radio Bremen

Eine von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste eingesetzte Jury wählt Monat für Monat aus den ARD-Ursendungen die nach ihrer Meinung beste Produktion. Aus 12 „Hörspielen des Monats“ wählt die gleiche Jury dann das „Hörspiel des Jahres“.

Hörspiel des Monats Mai 2018 

We love Israel
Ein Serial in 7 Folgen oder 2 Teilen
von Noam Brusilovsky und Ofer Waldman

  • Regie: Noam Brusilovsky

  • Komposition: Tobias Purfürst / Yair Elazar Glotman

  • Mit: Stephan Wolf-Schoenburg, Orit Nahimas, Jerry Hoffman, Anna Stieblich, Aviva Joel, Dor Aloni, Tobias Herzberg, Jeff Willbusch u.a. Sowie Martin Niemöller, Marlene Dietrich und weiteren Originaltonstimmen aus Deutschland und Israel

  • Redaktion und Dramaturgie: Manfred Hess

  • Produktion: SWR

  • Erstsendung: Teil 1 (Folge I – IV), 17.5.2018, Teil 2 (Folge V – VII), 24.5.2018

  • Länge: 53’08‘‘ / 53’22‘‘

We love Israel Hörprobe

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Ofer Waldman (links) und Noam Brusilovsky am Gay Beach von Tel Aviv
Foto SWR/Ofer Waldman

Begründung der Jury 

In smarter Gestaltungsökonomie kommen die beiden in Israel geborenen Autoren Noam Brusilovsky und Ofer Waldman in „We love Israel“ umgehend zur Sache: Auf die Frage einer geschauspielerten Beamtin der Passkontrolle, warum sie nach Israel fliegen wollen, antworten echte deutsche Passiere, darunter ein Pfarrer und ein Generalleutnant der Bundeswehr a.D.,  im Originalton. Damit ist klar, dass in diesem Podcast-Serial die beiden Ebenen von Fiktionalem und Dokumentarischem intensiv  ineinander geblendet und nicht nur Staatsgrenzen reflektiert werden. Als HörerInnen sind wir bereits auf den nachfolgenden Dialog  im Regiestudio eingestimmt, wo ein Autor den anderen bittet, ‚podcast‘ zu definieren: „So eine moderne Online Geschichte, irgendwas zwischen Feature und Hörspiel. Komisches Wort, aber bitte, hier spreche ich also ein podcast.“  So spielerisch-offen wie diese Erläuterung ist auch die Form der Serie „We love Israel“, in der es aus Anlass des 70. Jahrestages des britischen Mandatsendes über Palästina und der Gründung des Staates Israel, um die zentrale Frage geht, wie sich die Liebe von Deutschen zu Israel und die von Israelis zu den Deutschen  darstellen kann. Da werden in sieben kurzen Folgen so schwergewichtige Themen wie Schuld und Sühne erfrischend respektlos und zugleich gedankenreich behandelt. In der zweiten Episode beispielweise steht die  Erinnerungskultur von Via Dolorosa und Yad Vashem im Fokus, und das Geschäft mit Tränen ist ein Aspekt dabei: „Ich wasche meine Hände in deutschen Tränen“, sagt ein Reiseführer, „alles vermischt sich, Opfertränen, Tätertränen … Danach gibt es einen freien Tag, shoppen und so.“  Am Schwulenstrand von Tel Aviv hingegen geht es urkomisch um Sprache (bedeutet der Name Feigele wirklich Vögelchen oder leitet er sich von fabulous oder faggot ab?) und die deutsche Sehnsucht nach dunkelhaarig und muskelbepackt statt  blond und schmal.

Unter rasanten Perspektivewechseln und  im Durcheinandergehen von Spiel- und Bedeutungsebenen wird klar, dass die ‚Liebe‘ zu Israel sehr unterschiedliche Formen annimmt. Und dass Liebe natürlich Kritik am repressiven Gebaren des Staates  einschließt. Zugleich gelingt es den Autoren sehr plastisch zu zeigen (und nicht bloß zu behaupten und zu beurteilen), wie Missbilligung mitunter in antisemitische Ressentiments umkippt, die sich als Israelkritik versucht, politisch zu maskieren. 

„We love Israel“ beweist, dass sich Hörspiel ohne zu moralisieren, auf mutige experimentelle und unterhaltsame Weise auf ein schwieriges Thema einlassen kann. 

Lobende Erwähnung 

Die Jury spricht eine lobende Erwähnung im Sinne eines zweiten Preises aus für das Hörspiel "Die Maschine steht still" (von Felix Kubin, NDR).  Sie würdigt die Wiederentdeckung eines visionären Textes, der vor 100 Jahre geschrieben, im Studio musikalisch und spannungsreich inszeniert und von Susanne Sachsse facettenreich gesprochen wurde, und der in seiner soziologischen und psychologischen Vorhersage fast unheimlich nah an die heutige Wirklichkeit heranrückt.

Jury und gastgebender Sender 2018 

Viktorie Knotková, Dramaturgin Schauspiel Bremen
Regine Beyer, Radioautorin und -regisseurin
Benno Schirrmeister, Journalist, die taz

Gastgebender Sender: Radio Bremen

Hörspiel des Monats April 2018 

Karl Marx statt Chemnitz
von Thilo Reffert

  • Regie: Stefan Kanis

  • Mit: Ulrike Krumbiegel, Jörg Schüttauf, Thorsten Merten, Carina Wiese, Tilla Kratochwil, Kirsten Block, Hilmar Eichhorn u.a.

  • Redaktion: Thomas Fritz

  • Produktion: MDR

  • Erstsendung: 30.04.2018

  • Länge: 54‘57‘‘

Karl Marz statt Chemitz Hörprobe

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Jörg Schüttauf in der Rolle des Hauke Veit-Klapp
Foto © MDR/Thilo Reffert

Begründung der Jury 

Das Hörspiel des Monats April handelt von einem Namensstreit, der dazu zwingt, den Begriff des Eigenen – zum Beispiel: Heimat – neu zu denken. Es handelt von den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen auf kommunaler Sachbearbeiterebene, handelt von einem Monsterkopf, in dessen Innerem Etwas vor sich geht,  vom globalen Großkapital, das plötzlich seine historische Aufgabe wahrnehmen, also Produktivkräfte entwickeln könnte, und zwar in Sachsen, sowie von den Möglichkeiten und Zwängen der Medien: hier des Radios. Kurz: Es handelt von Karl Marx, wurde vom MDR in der Regie von Stefan Kanis  produziert, und Thilo Reffert hat‘s geschrieben. Denn Reffert gelingt es dank einer elegant-doppelbödigen Stück-in-Stück-Konstruktion mit „Karl Marx statt Chemnitz“, diese vielfältigen Themen  in einem Plot von tiefgründiger Heiterkeit und funkelnder Bosheit zusammenzufügen:

Der freie Hörfunkjournalist Hauke-Veit Klapp ringt mit der für ihn zuständigen Redakteurin Rita um die Ausstrahlung seiner zehnteiligen Mini-Feature-Serie. Die war fest vereinbart, wurde nun aber kommentarlos gecacnelt. Ein Versehen? Oder ein Eingriff der Funkhaus-Hierarchen? Um sie doch noch günstig zu stimmen, oder wenigstens ihrer Ablehnung auf den Grund zu kommen, führt Hauke nun Rita jede Folge einzeln vor. Schonungslos ätzt Ulrike Krumbiegel in der Rolle der Redakteurin übers Intro, das „so 90er“ sei,  klagt über langweilige talking heads –  „Radio kann so viel mehr transportieren als Worte“ –  und bespottet einfallslose Versuche, das Werk akustisch aufzubrezeln: „Flussrauschen, Hauke, dein Ernst?“  Zugleich kann sie sich weder der Faszination der archivarischen O-Ton-Trouvaillen entziehen, die Hauke aufgetan hat –  von Eberhard Rangwitz‘ propagandistischer Kantate „Frühling der Jugend“ bis zu Ansprachen von Otto Grotewohl und Erich Honecker – noch letztlich dem inhaltlichen Sog seines Projekts. Denn der von Jörg Schüttauf grandios lebensnah gesprochene Reporter beobachtet in seiner Serie den naiv für den Verfasser des Kapital entflammten Spaßguerillero Demba und in reflexhafter Marx-Ablehnung befangenen GegnerInnen. Dembas Plan ist es, den Ort am Zusammenfluss von Würschnitz und Zwönitz am 5. Mai 2018 für einen Tag wieder „Karl-Marx-Stadt“ zu nennen. Halt so, wie Chemnitz von 1953 bis 1990 hieß. Und dafür hat er am höchsten Bauwerk der Stadt, einem über 300 Meter hohen Schornstein, ein einschlägiges Transparent aufgehängt. Skandal! Wahnsinn? Geniale Idee, die  man nicht fallen lassen darf, „nur weil die falschen Leute auch dafür sind?“ Bringt das am Ende Touris, Investoren, Geld? Die Köpfe der Stadt, selbst die hohlsten, reden sich heiß, weil auf dem Spiel steht, was sich, kritisch, als Urform von Ideologie bestimmen lässt: Identität. „Karl Marx statt Chemnitz“ ist ein Stück, über das man Dissertationen verfassen kann – und das sich ebenso gut als prima Unterhaltung einfach weghören lässt. 

Lobende Erwähnung 

Eine lobende Erwähnung im Sinne eines zweiten Preises spricht die Jury aus für wittmann/zeitbloms multimediales Projekt „@wonderworld – The Story of Alice and Bob“ (DLF/SWR): Eine Reise mit Pop-Appeal in eine durch Algorithmen perfektionierte Soundwelt irgendwo zwischen Philip K. Dick und Ovid, in der Fragen nach früher oder später, dem Unterschied von wahr und falsch, Matrix und Realität keinen Sinn mehr ergeben. Eine hoch-artifizielle Produktion von synthetisch-cooler Sinnlichkeit.

Jury und gastgebender Sender 2018 

Viktorie Knotková, Dramaturgin Schauspiel Bremen
Regine Beyer, Radioautorin und -regisseurin
Benno Schirrmeister, Journalist, die taz

Gastgebender Sender: Radio Bremen

Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen
von Christine Nagel

  • Regie: Christine Nagel

  • Mit: Lisa Hrdina, Jan Faktor, Miroslav Kovárik, Werner Rehm u. v. m.

  • Redaktion: Juliane Schmidt

  • Produktion: rbb/DLF

  • Länge: 44’07’’

  • Erstsendung: 09.03.2018

Ivan Blatný (1919 – 1990)
Fotocollage Christine Nagel

zum Hörspiel, zur Audiothek des RBB 

Begründung der Jury 

Der aus Brünn stammende Lyriker Ivan Blatný (1919–1990) galt viele Jahre als verschollen. Eine Lesereise nach England nutzte er 1948 zur Flucht aus der Tschechoslowakei und wurde daraufhin zur Persona non grata erklärt. Von diesem Zeitpunkt an war Blatný staaten- und mittellos. Er fand sein Exil in der Psychiatrie und erlebte im Eingesperrtsein eine größere Schaffensfreiheit als in der damaligen kommunistischen Tschechoslowakei. Mit 280.000 Versen auf 5.500 Notizbuchseiten, notiert auf Tschechisch, Französisch, Englisch und Deutsch, erfüllte er sich seinen Lebenswunsch: im Schreiben existieren zu können - in der Sprache zu leben, die ihm Lust und Vergnügen war. 

In ihrem Hörspiel „Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen“ nähert sich die Regisseurin und Autorin Christine Nagel vielsprachig Blatnýs Gedanken- und Gefühlswelt an, wirft Schlaglichter auf sein unkonventionelles Verständnis von Begriffen wie ‚Freiheit‘ und ‚freiem Denken‘. In verdichtender Montage entsteht das Portrait eines Schreibers, der nicht schreiben wollte, was ihm die Politik vorschrieb, sondern stattdessen seiner Fantasie freien Lauf ließ - auf entwendetem Toilettenpapier, abseits der Öffentlichkeit. Diese Möglichkeit, sich im Kopf eines der ungewöhnlichsten Denkers und Dichters des 20. Jahrhunderts zu befinden, durch seine Ohren, seine Augen, seine Gedichte die Welt wahrzunehmen, zumindest vierundvierzig Minuten lang, ist eine beglückende und verwirrende Erfahrung. Unter Verzicht auf filigrane Erklärung von Zusammenhängen, mit einem feinen Gespür für die Musikalität der Gesamtkomposition, lässt Nagel zusammen mit dem Komponisten Peter Ehwalds und den hervorragenden Sprecher*innen, unter denen auch die authentische Stimme Ivan Blatnýs zu hören ist, einen assoziativen Hörraum entstehen, in dem Sprachgrenzen fließend werden und durch Blatný’s (Sprach-) "Musik der Bedeutungen" außergewöhnliche Bilder entstehen.

Lobende Erwähnung 

Die Jury spricht eine lobende Anerkennung im Sinne eines zweiten Preises aus für das Hörstück "Aus dem Leben einer Schwebfliege. L. E. -  Triptychon 3" (von: Robert Schoen, HR). Sie hebt besonders den poetisch-unpathetischen Umgang mit dem immer noch tabuisierten Thema des Freitodes hervor und die eindrucksvolle Performance des Autors und Darstellers.

Jury und gastgebender Sender 2018 

Viktorie Knotková, Dramaturgin Schauspiel Bremen
Regine Beyer, Radioautorin und -regisseurin
Benno Schirrmeister, Journalist, die taz

Gastgebender Sender: Radio Bremen

Hörspiel des Monats Februar 2018 

Die Feuerbringer. Eine Schlager-Operetta
von Tomer Gardi

  • Regie: Susanne Krings

  • Musik: Rainer Quade und Christian Hecker

  • Mit: Christina Meyer, Doris Schmeer, Omar Sheik Khamiis, William Cohn, Tomer Gardi

  • Dramaturgie: Isabel Platthaus

  • Produktion: WDR/BR

  • Erstsendung: 24.02.2018

Die Feuerbringer. Eine Schlager-Operetta Hörprobe

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Bei den Hörspielaufnahmen
Foto © WDR / Fahri Sahin Sarimese

zum Hörspiel, zur Audiothek des BR 

Die Begründung der Jury 

„In deinen Augen seh‘ ich Stacheldraht-Absperrung“

Die Kerngeschichte dieses originellen Hörspielprojekts von Tomer Gardi ist schnell erzählt: Ein alternder Schlagersänger fährt im Rausch gegen einen Baum und wird daraufhin zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt; einen Schlagerworkshop für junge Geflüchtete und Migranten soll er leiten. Wie sich herausstellt, ist seine Aufgabe nicht ganz einfach, aber lohnend. In großer Begeisterung für diese Musik und angeführt von der Brasilianerin Sandra, gründet sich die Band „Die Feuerbringer“, in Referenz zu Prometheus, Maui oder Agni. Was geschieht nun, wenn das Konfektionsprodukt Schlager - deutsche Popmusik, die Gemeinsamkeit und Gemütlichkeit suggeriert - sprachlich aufgebrochen wird und seine Texte in nicht perfektem Deutsch gesungen werden? Wenn Akzente eine schmelzende Aussprache von „Herz“ verhindern und kreative Geister daran arbeiten, den für sie emotional bedeutungsvollen, aber sperrigen Begriff „posttraumatische Belastungsstörung“ Schlager-tauglich zu machen?
Dann zündelt ein Hörspiel mit Neo-Heimattümelei, unterwandert die deutsche Sprache mit anderen Zungen und Vorstellungen und eröffnet damit neue Erfahrungsräume. Zu flotten Rhythmen gesungen findet sich dann auch ein stimmiger Reim: „In deinen Augen seh‘ ich Stacheldraht-Absperrung“. Und wenn Sandra singt: „Wäsche waschen. Teller machen. Mädchen muss kein Sklave sein“, bringt sie mit berührender Frische in Wort und Originalmusik gleich mehrere Erlebnisebenen interkulturell zum Schwingen.

Mit „Die Feuerbringer“ ist ein künstlerisches, psychologisch tiefgründiges Projekt gelungen, in dem junge Migranten dem deutschen Schlager und uns HörspielhörerInnen improvisierend, authentisch, spielerisch und mit Witz Feuer einhauchen. Das Unfertige, Gebrochene spiegelt die Realität vieler Menschen in unserem Land wieder: Im Hörspiel, eben auch in seiner eigenen nicht-Perfektion, ist dies als eine schöpferische Qualität mit großer Erneuerungskraft zu spüren.

Lobende Erwähnung  

Die Jury spricht eine lobende Anerkennung aus fürGeronimo" (NDR, Bearbeitung und Regie: Christiane Ohaus), die Hörspieladaption des gleichnamigen Romans von Leon de Winter. Diese 4-teilige Reihe ist ein überaus gelungener Polit-Thriller, präsentiert als bildgewaltiges Hör-Kino. Mit einer stimmigen Dramaturgie, überzeugenden Sprecherleistungen, beeindruckender akustischcineastischer Umsetzung und einem Spannungsbogen, der sich hält bis zum letzten Ton.

Jury und gastgebender Sender 2018 

Viktorie Knotková, Dramaturgin Schauspiel Bremen
Regine Beyer, Radioautorin und -regisseurin
Benno Schirrmeister, Journalist, die taz

Gastgebender Sender: Radio Bremen

Hörspiel des Monats Januar 2018 

Simeliberg
von Michael Fehr

  • Realisation: Kai Grehn

  • Komposition: Schneider TM (Dirk Dresselhaus)

  • Mit: Michael Fehr, Martin Feifel, Heinz-Josef Braun, Johanna Bittenbinder, Kathrin von Steinburg, Markus Krojer, Judith Toth, Stefan Murr, Gerhard Wittmann

  • Redaktion: Katarina Agathos

  • Produktion: BR/RB 2018

  • Länge: 83'31‘‘

  • Erstsendung: 20.01.2018

Kathrin von Steinburg als Annett Wyss und Martin Feifelin in der Rolle des Griese
Foto © BR/Stefanie Ramb

Simeliberg Hörprobe

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zum Hörspiel, zur Audiothek des BR 

Die Begründung der Jury 

"Simeliberg" von Michael Fehr ist mehr als eine Radiofassung seines Buchs: Es ist die Neuverdichtung des abgründigen Romans als poetisches Hörstück, in dem die in eigentümlichen Rhythmus sich entfaltende, eindringlich knorrige Sprache ebenso viel Spannung erzeugt, wie die düstere Handlung, die vom ersten Moment an in den Bann schlägt. Eine imaginäre Schweiz scheint auf  im reduzierten elektronischen Sound,  a capella-Zwischengesängen in Moll,  und Originalaufnahmen als einer von schmalster Farbskala (weiß, Grautönen, schwarz)  geprägten Klanglandschaft, in der die handelnden Personen entgegen der mimetischen Konvention mit klarer bayrischer dialektaler Färbung sprechen. Vor allem aber entsteht sie in der Stimme des Autors, der seinen Text so vorträgt, als spräche er ihn in ein Diktafon – so wie Fehr seine bildstarke originelle Prosa ja tatsächlich notiert. 

Es sind undurchsichtige Figuren, die dieses düstere Oben (Stadt) und Unten (das Tal, der Sumpf) bevölkern: Der Gemeindsverwalter Anatol Griese, zugezogen aus Deutschland und somit auf ewig ein Halbfremder, fährt mit einer geladenen Schrotflinte über Land. Er soll den Sonderling Schwarz, der keinen Vornamen hat, zur Begutachtung aufs Amt bringen. Hat Schwarz Anspruch auf Fürsorge? Hat der seine Frau umgebracht? Es wird viel geraunt. Sicher aber fungiert er als Anführer einer fremdenfeindlichen paramilitärischen Gruppe von Preppern, die sich vorgenommen hat, den Mars zu kolonisieren und dafür Geld und Waffen im abgelegenen Einsiedlerhof von Schwarz hortet. Eine Explosion, die Tote fordert. Fragmente einer Krimi-Handlung. Ein scheinbar richtungslos vor sich hin arbeitender behördlicher Apparat. Familiäre Verstrickungen. Falsche Verdächtigungen und falsche Toleranz. Beglänzt mitunter von tiefschwarzer Komik. Ein Stück, das  nach Fehrs lapidarem Schlusssatz - Simeliberg, Aufnahme Ende – noch lange nachklingt und den Blick auf Vorurteile und Verbohrtheit im eigenen Lande richtet.

Lobende Erwähnung 

Eine lobende Anerkennung spricht die Jury aus für Dunja Arnaszus Hörstück „Efeu" (Regie: Dunja Arnaszus / Produktion: MDR/HR). Dieses Stationendrama, das die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und -entwürfe von drei sehr unterschiedlichen Nachbarpaaren über zwei Jahrzehnte eng führt, besticht durch seinen leichtfüßigen impressionistischen Charme als ein gelungenes leicht absurdes, modern-alltägliches Sittengemälde.

Jury und gastgebender Sender 2018 

Viktorie Knotková, Dramaturgin Schauspiel Bremen
Regine Beyer, Radioautorin und -regisseurin
Benno Schirrmeister, Journalist, die taz

Gastgebender Sender: Radio Bremen

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